Kochtrend: Junges Gemüse am Herd

Bianca Fritz

Seit Fernsehköche nicht mehr grauhaarig sind und B-Promis sich an perfekten Abendessen probieren, wollen auch Jugendliche wieder kochen lernen. Ein Trend, der Eltern gefallen müsste.



Auf dem Flur der Edith-Stein-Schule in Freiburg hört man Kochtöpfe klappern, es zischt, jemand lacht. Langsam ziehen Kokos-Ingwer-Schwaden durchs Haus – von links mischt sich Curry-Geruch hinzu. Es sind die Volkshochschüler, die hier abends ihre Kochkünste verbessern. In Küche zwei wird Balinesisch, in Küche fünf Indisch gekocht. Young-ok Huber leitet seit zwölf Jahren asiatische Kochkurse. „Zurzeit kommen sehr viele junge Leute – sogar Schüler, die sich die Kurse zu Weihnachten gewünscht haben“, sagt sie. „Das Interesse an der Kochkunst wächst ganz eindeutig wieder“, sagt auch ihr indischer Kollege Moglai Korma.


In Küche zwei legt die 26-Jährige Christine Scheufele Zitronengras aufs Schneidebrett. „Mit was soll ich das quetschen?“, fragt sie. Rückfragen, die kein Rezeptbuch beantwortet. „Kochen habe ich mir erst beigebracht, als ich ausgezogen bin – notgedrungen. Am Anfang gab es oft Nudeln mit Tomatensoße.“ Mit der Zeit wurde Christine experimentierfreudiger – jetzt freut sich ihre Studenten-WG in Freiburg auf das, was sie im Volkshochschulkurs gelernt hat.



Ausziehen und noch nicht kochen können – die Zahl der Teenies, denen es so ergeht, könnte bald gewaltig schrumpfen. Das glaubt zum Beispiel Susanne Klug. Die Ökotrophologin hat in mehreren deutschen Städten Kinderküchen eröffnet und Kinderkochbücher geschrieben. Wegen der starken Nachfrage hat sie ihr Angebot auf Jugendliche ausgeweitet. „Die kommen, ohne das Zutun ihrer Eltern, weil sie diese und ihre Freunde mit ihren Kochkünsten überraschen wollen“, sagt sie. Auf die Idee zu kochen kämen sie vor allem durch das Fernsehen. „Die coolen Fernsehköche und das perfekte Dinner vermitteln vielen das Gefühl, dass Kochen Spaß machen könnte.“

Das perfekte Dinner nachkochen

Der 15-Jährige Jonathan Baumgärtner aus Bayern zum Beispiel hat mit fünf Freunden das „Perfekte Dinner“ nachgespielt. „Natürlich ging es uns ums gemütliche Zusammensein – und ums Kochen“, sagt er. Jeder war einmal dran und bekochte seine Freunde – anschließend gab es Noten. Jonathan belegte mit seinem Schokoladenrisotto nach dem Rezept von Jamie Oliver und Moussaka den zweiten Platz. „Vielleicht liegt es daran, dass mir meine Großmutter schon früh die Kochbasiskenntnisse beigebracht hat.“

Mit den oft ungewöhnlichen Zutaten der Sendungen auf ihren Einkaufszetteln gehen die Jugendlichen zum Beispiel in die Märkte von Hieber’s Frische Center in Lörrach und Region. „Es sind vor allem die 17- bis Mitte 20-Jährigen, die diese Gerichte nachkochen“, sagt Geschäftsführer Karsten Pabst. Und längst nicht nur die Gerichte der jungen Fernsehköche würden nachgeahmt: „Als Johann Lafer mit SWR3 ein Grillfest veranstaltete, hatten wir plötzlich einen Engpass an Bärlauch und Grillschalen.“



Kochsendungen mag ich nicht“, sagt hingegen der 22-jährige Andreas Berger aus Bollschweil. „Da kriege ich nachts immer übel Hunger.“ Er kocht lieber klassisch mit Rezeptbüchern. Indisch ist sein momentaner Favorit – mit der Freundin am Wochenende zaubert er so manch kompliziertes Lammgericht. Unter der Woche begnügt er sich in seiner Studentenbude mit einfachen Salaten. Jungs die gerne kochen? „Das ist normal – da schaut einen niemand schräg an“, sagt Andreas.

Aber natürlich gibt es keinen Trend ohne Gegentrend: Im StudiVZ zählt die Gruppe „Nudeln machen ist auch kochen“ mehr als 77000 Mitglieder. Und während die Freiburger Volkshochschule noch zögert, ob sie wegen großer Nachfrage einen Kochkurs für Jugendliche anbieten soll, wurde ein solcher in Friesenheim in der Ortenau schon wieder abgesagt – es gab zu wenige Anmeldungen.



Kochbücher für Jugendliche und Studenten

Jugendliche und Studenten sind auch für Verlage eine wichtige Kochbuch-Zielgruppe. fudder-Mitarbeiterin und Küchenamateurin Bianca hat einige dieser Bücher getestet.

Wir kochen für unsere Freunde (Mosaik, 15,95 Euro) richtet sich an Teenager. Die Gerichte sind nach Partytauglichkeit bewertet. Jeder Schritt ist ausführlich erklärt, teils mit Fotos. So schmecken meine scharfen Schoko-Kirsch-Würfel sogar meiner 85-jährigen Großtante.

Das Studentenkochbuch
(Edition XXL, 5 Euro) enthält wenige Basisgerichte wie Frikadellen und Pfannkuchen. Für Anfänger, die daheim nie auf den Herd geschaut haben, ist es ideal – kulinarische Genüsse bietet es nicht.

Satt durch alle Semester (Hölker 9,95 Euro) ist raffinierter – dennoch ist zum Beispiel der Salat mit gebratenen Birnen erschwinglich und leicht nachzukochen. Mit den beigelegten Buttons kann man die Kochleidenschaft nach außen tragen.

Kocht wieder kein Schwein? (Hölke, 12,95 Euro) richtet sich an WGs und kommt mit einem Kühlschrankmagnet. Sonst gibt es keinen Schnickschnack: Hier kocht man mit Zeichnungen statt appetitanregenden Fotos. Praktisch sind die Rezepte zur schmackhafte Resteverwertung. Unpraktisch ist, dass nirgends steht, für wie viele Leute gekocht wird.

Die Küchenkerle und das weibliche Pendant Küchenprinzessin (Hölke, je 14,95 Euro) strotzen nur so vor Werbung: Auf vier Seiten erfahren die Kerle, wie gut Wagner-Tiefkühlpizza schmecken soll, die Prinzessinnen werden gebeten, mit Siemens zu staubsaugen. Daneben stehen Fotolovestorys. Irgendwo dazwischen versteckt sich das Rezept für eine leckere beschwipste Kartoffelsuppe – das man bei all dem Schwulst aber leicht übersieht. Natürlich zielen auch die Bücher der hippen Fernsehköche auf ein junges Publikum ab. Ich probiere es mit Jamie Olivers„ Essen ist fertig“, (Dorling Kindersley, 24,95 Euro) und Tim Mälzers „Kochbuch“ (Mosaik, 24,95 Euro). Die Zutaten sind teuer. Es bleiben Reste übrig, die ich nicht zu verwerten weiß. Dafür schmeckt alles fantastisch, von den Ricotta-Basilikum-Klößen bis zum Hühnerschenkelauflauf.

Fazit: Ich habe mit leckeren Gerichten beeindruckt, weiß aber noch immer nicht, wie man geschickt Zwiebeln schneidet oder Schnitzel paniert. Um Kochen zu lernen taugen die bunten Bücher nicht. Unterhaltsam sind sie aber allemal.

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