Kleinststadtgeheimtipps: Gündlingen

Tobias Schächtele

Mitten in der Rheinebene, zwischen Breisach und Tuniberg, wo Grauburgunder und Riesling gedeihen, liegt ein beschauliches Nest, fast rebenlos: Gündlingen. Was dem Winzer sein Rebstock, ist dem Gündlinger Maisstaude, Kartoffelknolle und Bockbier. Doch Gündlingen ist nicht unmodern. Hier gibt's sogar DSL, wenn auch langsam. Ein liebevolles Portrait unseres Welschkornebers Tobbi.



Gibt’s seit:
Die vielen Grabhügel rund um den Ort zeugen davon, dass Menschen hier bereits vor mehr als 4000 Jahren siedelten. Explizit erwähnt wird Gündlingen erstmals in einer Schenkungsurkunde aus dem Jahr 854. Dort wird der Ort „Cundininga“ genannt.

Entstehung des Ortsnamens:
Der Ortsname geht warscheinlich auf den frühalemannischen Namen Gundilo zurück, der an gleicher Stelle einen Hof besaß. Aus „Cundininga“ im achten Jahrhundert wurde über „Cundlinga", „Cundilingen" und „Ginglingen“ (17. Jhdt.) schließlich der heutige Ortsname Gündlingen.

Einwohner: Im Stadtteil Gündlingen leben rund 1740 der insgesamt 40.000 Einwohner der Stadt Breisach.

Pflichttermine:
Die spätsommerliche Konkurrenzveranstaltung zu den zig Weinfesten der Region stellt das große Bockbierfest dar, das in Ermangelung an Weinbergen mit Bockbier bestritten wird. Vier Tage im Jahr verwandelt sich der Vorplatz der Julius-Leber-Grundschule in ein friedliches Volksfest, inklusive feuchtfröhlichem Fassanstich. Nächster Termin: Mitte Juli 2009.



Das hört der Ortvorsteher: Walther Ziegler (CDU) hört gern klassische Musik, vorzugsweise Puccini, aber auch Musik aus den 1960er Jahren. Der entsprechende Radiosender (SWR1) muss zu seinem Leidwesen oft den Heimatklängen seiner Frau weichen.

Städtepartner: Gündlingen ist ein Stadtteil von Breisach (Eingemeindung 1972). Dessen Partnerstädte sind Neuf-Brisach und Saint-Louis (beide im Elsass).

Das sagt die Jugend: Junge Erwachsene wie Felix (18) schätzen ganz bescheiden die Ruhe und die gute Luft im Ort. Auch über die Verkehrsanbindung können sie nichts Schlechtes sagen, auch wenn Tobias (17) allen Ernstes einen eigenen Bahnhof fordert. Das einzige, was die beiden gleichermaßen stört, ist die lahme Internetverbindung. Einige im Schnitt Dreizehnjährige (die auf ihrem Handy gern Bushido hören und im Folgenden noch eingehender beschrieben werden) behaupten außerdem, Gündlingen sei kriminell. „Breisach ist nicht kriminell, aber Gündlingen…voll kriminell!“



Kulinarische Besonderheiten: Gündlinger betreiben viel Landwirtschaft. Umringt von Feldern liegt hier das nachweislich älteste Anbaugebiet von Saatmais in Deutschland. Einige Städter nehmen den langen Weg auf sich, um die ihrer Meinung nach besten Kartoffeln der Region zu kaufen.

Spitzname der Gündlinger:
Den Jüngeren kaum noch geläufig ist die Bezeichnung „Grießbabbelälli“, was übersetzt in etwa „Grießschnitten-Zungen“ heißt. Scheinbar hatte man "im Kreeg" (welcher Krieg gemeint ist, bleibt im Dunkeln) nichts anderes zu Essen. Die früher zahlreichen Sumpflöcher brachten den Gündlingern zudem den Namen "d'Schnooge" (die Schnaken) ein. Am ehesten mit Gündlingen assoziiert wird aber der Name „Welschkorneber“, nach den Wildschweinen, die im Mais herumwühlen. Diesen Namen reklamierte schließlich auch die örtliche Narrenzunft für sich.

Kicker:
Der SV Gündlingen kickt sich mit seinen beiden Herrenmannschaften durch die Kreisliga C.

Fasnet:
Der örtliche Zunftabend wartet jedes Jahr mit einem neuen, amüsanten Programm auf, geleitet vom Zunftrat der Welschkorneber. Ein Gündlinger Original und unbestrittenes Highlight der Abende ist ein stotternder Herr Namens Stotteri. Den wollten die Breisacher sogar schon für ihre Narrensitzung abwerben. Doch der Stotteri blieb den Gündlingern trotz gebotener Millionensummen treu. Live übertragen wird der Zunftabend übrigens alljährlich auf RTL Plus (Insiderjoke der Zunft).



Panorama: Es kursiert ein böser Spruch, der lautet: „Das Schönste an Gündlingen ist der Blick auf Ihringen!“ Wahrscheinlich spricht Neid daraus, denn die Aussicht auf den Kaiserstuhl und den Breisacher Münsterberg ist wirklich schön -  und von Breisach oder Ihringen aus so gar nicht möglich.

Relaxtipps:
Sehr erholsam für Leib und Seele sind Wanderungen in und um den Härdlewald, wo Menschen und Welschkorneber friedlich zusammentreffen. Hier kann man seltsamerweise auch im Sommer ältere Damen mit Skistöcken beobachten. Am Rimsinger Baggersee, der trotz seines Namens näher an Gündlingen liegt, kann man sich bei hohen Temperaturen Abkühlung verschaffen - sofern man nichts gegen Freikörperkultur hat.

Gastrotipps: Früher gab es in Gündlingen viele Gasthäuser mit schillernden Namen wie „Zur Sonne“ oder „Zum Löwen“. Doch irgendwann mussten sie schließen, vor kurzem auch die Pizzeria. Übrig bleibt das "Gasthaus Rebstock" neben dem Rathaus, geführt vom beliebten schwarzen Wirt Robért (auch Roberto genannt), sowie das "Sandgrüble" am Sportplatz, wo den Kickern und anderen Gästen einfaches, aber leckeres Schniposa serviert wird.



Der besondere Verein: Das Vereinsleben ist in Gündlingen sehr lebendig. Kaum ein Gündlinger schimpft sich nicht zumindest passives Mitglied. Man singt und musiziert im örtlichen Musikverein, dem Gesangsverein oder dem Kirchenchor, kickt, baggert oder turnt im SV Gündlingen, oder übt das Lebenretten in der Freiwilligen Feuerwehr oder dem Roten Kreuz. Wer es närrisch mag, geht zu den Welschkornebern oder spielt Guggemusik bei den Kolbädreschern.

Tanzschuppen: Wer das pralle Nachtleben sucht, wird im beschaulichen Gündlingen selten fündig. Hin und wieder verwandelt sich die Malteserhalle - normalerweise Turnhalle der Grundschule - aber in ein Tanzlokal, wenn hier eine Wanderdisco gastiert. Auch Vereine veranstalten regelmäßig Parties in der geräumigen Halle, bei denen Revivalbands den Ton angeben (zum Beispiel Evergreens aus den 1060er-Jahren bei der bunten „Flower Power Party"). Nicht unter den Tisch kehren wollen wir außerdem die Existenz des Musik-Bistros "Zum Alten Fritz", getanzt wird dort allerdings nicht. Es wär auch gar kein Platz.

Hier trifft sich die Jugend: Inoffizieller Sammelpunkt junger Heranwachsender ist der Spielplatz und die nahe Bushaltestelle, wo man neben Spucke gerne auch mal  Rasierschaum oder Schuhcreme verteilt. Auch zu jeder Jahreszeit beliebt sind Chinaböller. Das Ankokeln örtlicher Busfahrplanaushänge sorgt darüber hinaus dafür, dass Vandalismusbekämpfern nicht die Arbeit ausgeht. Bravere Jugendliche, meist Ministranten, trifft man im Don-Bosco-Haus, einem Flachbau neben der Pfarrkirche St. Michael. Mit dem neuen Feuerwehrhaus befindet sich zudem ein weiteres Jugendzentrum im Bau.



Lahmste Projekte: Seit langem ist ein Radweg zwischen Gündlingen und dem Nachbarort Ihringen in Planung, aber noch immer sind keine Mittel dafür bereitgestellt. Während dieser Weg die beiden Dörfer verbinden soll, löst ein anderes Straßenbauvorhaben Streit aus. Gündlingen protestiert gegen den Bau der B31 West auf seiner Gemarkung – Ihringen setzt sich hingegen dafür ein.

Häufige Nachnamen:
Die Namen Schächtele, Wolf, Binz, Wiedensohler und Figlestahler sind seit dem 17. Jahrhundert verzeichnet und noch heute verbreitet.

Ortsrivalität:
Die Feindschaft mit Merdingen geht auf Grenzstreitigkeiten im frühen Mittelalter zurück, wo das Eichensammeln auf falschem Gebiet noch böse enden konnte. Die Gündlinger nennen die Merdinger „Zwulcher“, da viele dort offenbar Kittel aus Zwillich trugen, einem groben Leinenstoff. Die Ihringer sind als „Ihringer Esel“ bekannt, und wer früher beim Durchqueren des Orts ein Taschentuch aus der Tasche hängen ließ, war an Leib und Leben gefährdet - zeigte man den Einwohnern doch Eselsohren. Aber trotz der Sticheleien gibt es zwischen den Bürgern der drei Dörfer viele Verwandschafts- und Freundschafsverhältnisse.



Foto-Galerie: Tobias Schächtele