Kleine Reizgaskunde

David Weigend

Die Reizgasattacke von Kirchzarten hat gezeigt, dass man mit diesen kleinen Sprühdosen viel Schaden anrichten kann. Warum dürfen schon 14-Jährige CS-Gas kaufen? Welche Sorten gibt es, wie wirken sie? Wir haben einen Waffenexperten aus der Kriminaltechnik gefragt. Indessen will sich die Polizei nicht zu den Vernehmungen des 16-jährigen Realschülers äußern, der vor einer Woche an der Haupt- und Realschule von Kirchzarten mit seiner Sprühwolke für Panik gesorgt hat.

Es gibt im wesentlichen drei Stoffe, die in Reizstoffsprühgeräten zum Einsatz kommen: Das CS-Reizgas, das auch der 16-jährige Junge in Kirchzarten verwendet hat; CS steht dabei für B.B. Corson und R.W. Stoughton, die 1928 das 2-Chlorbenzyliden-malonsäuredinitril entdeckt haben.


Zweitens gibt es das CN-Gas, das ist so ähnlich wie das CS-Gas; drittens gilt es das so genannte Pfefferspray zu berücksichtigen - quasi Pfeffer in hochkonzentrierter Form, der mit einem Trägermedium ausgeprüht wird. Die Unterschiede in der Wirkung der drei Stoffe sind nicht wesentlich. Allerdings wirkt Pfefferspray auch bei Hunden.

Reizstoffsprühgeräte kann man kaufen, wenn man 14 Jahre alt ist. "Sie werden als Selbstverteidigungssprays angeboten, deswegen hat man die Altersbeschränkung im Waffengesetz heruntergesetzt", sagt Roland Braunwarth, Waffenexperte bei der Landespolizeidirektion.

In Deutschland sind die CS- und CN-Sprühgeräte nur dann zugelassen, wenn sie in Sprühreichweite und Sprühdauer begrenzt sind. Das belegen Prüfzeichen auf den Dosen: Raute "BKA", zukünftig Raute "PDB". "Problematisch wird's, wenn ich so ein Ding in der Schweiz kaufe. In Deutschland darf ich das dann unter Umständen nicht einsetzen", so Braunwarth. Ausländische Reizgase können zum Beispiel eine höhere CS-Konzentration haben.

Pfeffersprays wiederum sind nur als Tierabwehrsprays zugelassen. Bei ihnen gibt es keine Altersbegrenzung, so dass sich theoretisch auch ein Zehnjähriger Pfefferspray kaufen kann.

Praktisch sieht es ein wenig anders aus. Ein Freiburger Waffenhändler sagt auf unsere Nachfrage, dass er sich durchaus das Recht vorbehalte, ein Reizgas auch dann nicht zu verkaufen, wenn der Interessent schon 14 Jahre alt ist. Mache der Interessent keinen seriösen Eindruck, erfolge kein Verkauf.

Die Sprays reizen Schleimhäute und Atemwege. Sie verursachen ein Brennen in Augen, Nase und Mund. Tränen und Nasenschleim fließen. Es kann zu Übelkeit kommen, verbunden mit Hustenreiz. Die Wirkungsstärke ist abhängig von der Konstitution des Angegriffenen. Erstaunlich ist aber im Kirchzartener Fall, wie schnell sich das Gas in einem großen, hohen Raum ausgebreitet hat.

"Wenn ich das Gas in einem 30 Quadratmeter großen, geschlossenen Klassenzimmer versprühe, bekommt jeder was ab. Es verteilt sich schnell", so Braunwarth.

Im Kirchzartener Schulzentrum ist eine Paniksituation entstanden. Viele hatten noch nie mit CS-Gas zu tun und dachten: "Was passiert denn da jetzt mit mir?"  Braunwarth gibt zu bedenken, dass das Gas in dieser Konzentration gesundheitlich unbedenklich gewesen sei. "Man sollte es auswaschen und danach an die frische Luft gehen. Da gibt es keine bleibenden Schäden, sonst würde es nie zugelassen werden."

Natürlich hätten die Einsatzkräfte dennoch richtig gehandelt, da im ersten Moment nicht klar war, um welches Gas es sich handelte. Im Falle der Asthmatikerin war die Einlieferung ins Krankenhaus unumgänglich. "Wenn man gleich gewusst hätte, da wurde CS-Gas gesprüht, wären die vielen Klinikeinlieferungen aber nicht notwendig gewesen."

Hat der Verursacher der Schulpanik nun mit einer Strafe zu rechnen? Mit welcher? Die Polizei will sich dazu in Rücksicht auf den Realschüler nicht äußern.