Klatsche und Prügel

David Weigend

Der SC Freiburg verliert das badische Derby gegen den Karlsruher SC mit 0:4. Auf der Nordtribüne singt man in Spott "Oh, wie ist das schön", ruft man in Wut "Wir ham die Schnauze voll", fordert einerseits "Finke raus", andererseits "Ultras raus". Dabei ist der harte Kern der Freiburger "Natural Born Ultras" (NBUs) schon seit dem letzten Aufeinandertreffen mit Anhängern des KSCs draußen. Wie es zum Stadionverbot gekommen ist und auf welche anderen Belastungsproben SC-Fans derzeit gestellt werden, steht im folgenden.



Das Badenovastadion ist mit 22 000 Zuschauern zwar nicht ausverkauft heute abend, aber für die Tatsache, dass der Erotiksender DSF die Begegnung überträgt, ist es doch gut gefüllt. Die Nordtribüne, ziemlich voll und doch fast ultraleer. Siebzehn Männer, die das Spiel gern vor Ort gesehen hätten, schauen es sich im Fernsehen an. Nicht, weil sie keine Karten mehr bekommen haben. Sondern weil der SC Freiburg gegen sie ein Stadionverbot verhängt hat. Dieses Stadionverbot besteht wegen einem Vorfall, der sich nach dem Spiel des Karlsruher SC gegen den SC Freiburg im Februar zugetragen hat.


17. Februar 2006, 20.45 Uhr, Abpfiff im Karlsruher Wildpark. Das Derby endet 1:1. Die Fans verlassen das Stadion, einige fahren zum Bahnhof, andere setzen sich wieder in die offiziellen Fanbusse. In einem dieser Busse sitzen neben Großvätern, ihren Enkeln und ganz normalen Anhängern auch Mitglieder der Freiburger Fangruppe Natural Born Ultras.



Etwas später auf der Autobahn A5. Ein Fan bittet den Busfahrer, an der Raststätte Baden-Baden für eine Pause anzuhalten. Der Busfahrer parkt, dann geht alles ganz schnell. Es soll eine abgesprochene Schlägerei stattfinden zwischen zehn Freiburger und zehn Karlsruher Fans.

Die Karlsruher Fraktion am dunklen Waldrand ist jedoch deutlich größer als angekündigt und entgegen der Abmachung teilweise bewaffnet. Die Freiburger Ultragruppe muss Dresche einstecken, ergreift in Panik die Flucht und rennt zurück in den Fanbus. Chaos, Geschrei. Die Blauweißen laufen hinterher, sie werfen Gegenstände und Flaschen gegen den startenden Bus, es entsteht Sachschaden. Viel schlimmer: die restlichen, uneingeweihten Insassen werden von der Attacke völlig überrascht und verschreckt.



Die Wahrscheinlichkeit, dass sich diese Geschichte so abgespielt hat, ist hoch. Die Beschreibung der unsicheren und unschönen Details könnten höchstens die unmittelbar Beteiligten vornehmen, und die schweigen oder machen allenfalls vage Andeutungen. Immerhin stehen gegen sie Anklagen wegen Landfriedensbruch und Körperverletzung im Raum.

Ob und wann der Prozess stattfindet, steht noch nicht fest. Ein Szenekenner sagt: „Die FreiburgerUltras wollten es darauf anlegen und zeigen, dass sie auch was drauf haben. So kam es zu der verabredeten Schlägerei mit den Karlsruhern. Es gibt Belege, dass Telefonate stattgefunden haben, in denen der Treffpunkt vereinbart wurde. Dass sich die Karlsruher nicht an die Abmachungen gehalten haben, war Pech.“

Dennoch bleibe der Vorwurf, in eine ohnehin schon verwerfliche Schlägerei Unbeteiligte hineingezogen zu haben. Einer der Natural Born Ultras sagt: „Das sind Geschichten, die beim Fußball passieren können. Damit muss man leider rechnen, wenn man in der Szene aktiv ist. Ich bin kein Freund von so etwas, es sollte auch nicht vorkommen. Es war das erste Mal in über sechs Jahren NBU, dass einige von uns in so was verwickelt worden sind.“

Wer hier wen verwickelt hat, werden wohl die Freiburger Amtsrichter zu klären haben. Fakt ist, dass der SC Freiburg gegen 17 Mitglieder der Natural Born Ultras Stadionverbot verhängt hat. Es gilt bis Juni 2009 in allen Stadien der ersten, zweiten und der beiden Regionalligen. „Die DFL (Deutsche Fußball Liga) hat uns in diesem Fall das Recht erteilt, die Stadionverbote auszusprechen“, so Martin Braun, Pressesprecher des SC Freiburg.

Ein Freispruch der Ultras würde nicht automatisch das vorzeitige Ende des Stadionverbots nach sich ziehen. Braun: „Ich möchte da nicht spekulieren. Wenn die Fälle abgeschlossen sind, kann man sich jeden einzelnen Fall anschauen und beratschlagen, was man für sinnvoll erachtet.“



Der Kreis der Freiburger "Natural Born Ultras" ist deutlich kleiner als die Karlsruher Ultragruppierung der Phönix Sons: "Wir sind ungefähr zwanzig. Die Karlsruher sind drei- bis viermal so viele", sagt ein Freiburger Ultra. Das gerade gesehene und immer noch schmerzende Derby wirkt wie eine fatale Einladung, dieses Kräfteverhältnis auf Spielerpotenzial und Durchsetzungsvermögen von Blauweiß und Rotweiß zu übertragen.

Am meisten weh getan hat das zweite Karlsruher Tor durch Staffeldt. Es fiel in der 64. Minute, als jäher, spielwendender Abschluss einer Phase, in der sich der SCF kraftvoll aufbäumte und den Ausgleich zu erzwingen versuchte. Diese 64. Minute war, wie wenn man einen Patienten, der sich gerade von der Erkältung erholt hat, in eine Wanne voller Eiswürfel tunkt. Danach ging gar nichts mehr. Giovanni Federico schoss einen traumhaften Schuss ins rechte, obere Eck des Freiburger Tors, Wilfried Sanou markierte ein sehenswertes Eigentor und eine SC-Anhängerin gab einigen versprengten KSC-Fans auf Nord Feuer, ohne einen Funken Abneigung in der Stimme.



Nach dem Abpfiff kommt Achim Sarstedt auf den Rasen. Er sieht aus, als habe man ihn soeben gegen seinen Willen geweckt. "Volker Finke, es wird jetzt Zeit zu gehn!", "Wir wolln den Trainer sehn!" "Wir ham die Schnauze voll!" und "Finke raus!" tönt es von der Nordtribüne. Sarstedt geht zu Cafú, zu Coulibaly, zuletzt zu Antar. Er ermuntert die Spieler, den Fans durch Beifall Respekt zu zeigen. Die Spieler wirken gleichgültig.

Wie seltsam muss es für sie sein, jemandem zu applaudieren, der die Schnauze von ihnen voll hat.