Klangkarussells "Sonnentanz" ist eine Sampling-Collage: Was sagen Freiburger DJs dazu?

Bernhard Amelung

"Sonnentanz" von Klangkarussell war eine der Techno-Festival-Hymnen 2012 schlechthin. Seit einer Woche steht das österreichische DJ- und Produzenten-Duo in der Kritik. Der Vorwurf: Der Song bestehe ausschließlich aus Bausteinen einer Sample-CD. Wir haben bei Freiburger DJs nachgefragt, wie sie diese Tatsache bewerten:



"Sonnentanz", produziert vom österreichischen Duo Klangkarussell, war eine der Techno-Festival- und Club-Hymnen 2012. Auch in der Mercedes-Benz-Niederlassung in Freiburg haben im Januar hunderte Nachtschwärmer aus der Region dazu getanzt (Fotos: Klangkarussell in der Mercedes-Benz-Niederlassung).


Vor einer Woche hat der niederländische Radio-DJ Domien Verschuuren in einem Videobeitrag auf YouTube aufgedeckt, dass dieses Stück eine Sampling-Collage sei. Verschuuren seziert darin "Sonnentanz" in seine einzelnen Bausteine und zeigt, dass diese aus einem einzigen Sample-Ordner stammen. Die Kritik: Die Vibraphon-, Saxophon- und Gitarren-Instrumentals, die dem Stück seine charakteristische Prägung geben, stammen alle von der Sample-CD "Nu Jazz City" des Herstellers Big Fish Audio und Tobias Rieser und Adrian Held, das sind Klangkarussell, haben die einzelnen Audiodateien nahezu unbearbeitet arrangiert.



Auf diese Enthüllung reagierten zahlreiche Fans auf Facebook und in Blogs empört. "Schwache Nummer" und "schön die Welt beschissen" schrieben sie den beiden Innsbruckern auf die Facebook-Seite. Einen großen Sturm der Entrüstung löste zudem die Reaktion von Universal Records, derzeit die Plattenfirma von Klangkarussell, aus. Universal Records bewirkte auf YouTube die Sperrung von Verschuurens Enthüllungsvideo. Inzwischen gibt es jedoch weitere Videobeiträge, die die Produktionsweise von Rieser und Held nachzeichnen.

Veröffentlicht auf Oliver Koletzkis Label Stil vor Talent im Juli 2012, hat "Sonnentanz" auch Eingang in die Sets einiger Freiburger Disc Jockeys gefunden.

Wir haben uns bei ihnen umgehört, wie sie zu der Sampling-Collage stehen:

Seven Saki (Schmitz Katze)


"Unabhängig davon ob mir Klangkarussell und ihr Track Sonnentanz gefallen oder nicht, muss man objektiv betrachtet zugeben, dass Sonnentanz ein "Hit" ist und Leute beim ertönen glücklich macht. Die Sample-CD, aus der angeblich hauptsächlich "Sonnentanz" zusammen gebastelt wurde, war frei zugänglich und daher ist es nicht unbedingt verwerflich, dass sie die auf der CD enthaltenen Elemente verwendet haben. Natürlich hört es sich immer attraktiver an, wenn jemand ein ganzes Orchester hat einspielen lassen oder live daran stundenlang selbst gebastelt hat.

Wichtig ist das Arrangement eines Liedes, und das ist es ja auch, was aus einem Lied schlussendlich einen "Hit" macht. Mein Fazit: Wer "Sonnentanz" gemocht hat, soll den Track weiterhin mögen. Wer den Track verabscheut hat, soll es weiterhin tun. Desweiteren glaube ich nicht, dass "Sonnentanz" der einzige Track ist, der auf so eine Art entstanden ist."

Uncut (Ohrklang)


"Einerseits ist es eine gewiefte und gefuchste Sache, es sich einfach zu machen und wohl das erst Beste zu nehmen, was man in die Finger bekommt. Dabei auch gleich mal Erfolg zu haben, macht das Ganze schier perfekt. Ich gönne es denn jungs nicht unbedingt, da sie aus dem leicht gebauten Beat und Melodiekonstrukt ein nervendes Lied für mehrere wochen gemacht haben und wohl selber nicht damit gerechnet haben, damit so einen Ohrwurm zu erschaffen. Ich mag ja lieber das Besondere an einem Lied und nicht die Einfachheit, dass es plötzlich jedem gefallen könnte. Aber es sind immer mal wieder Stücke dabei, die man selber feiert, bis sie durch die high rotation kaputt gemacht werden. That's music."

 

Michael Ellis (Aem&Ellis)


"Ob es überhaupt eine Meldung wert ist, dass die beiden Jungs ihren Hit aus Soundschnipseln gebastelt haben, die extra dafür eingespielt wurden, ist fraglich. Die Anatomie des Tracks, welcher mit Garantie der Erste in jeder Playlist war, sobald irgendwo in einer WG ein Laptop zwecks musikalischer Beschallung aufgeklappt wurde, überrascht kaum. Dass sich daran die Gemüter erhitzen, kann ich auch nicht nachvollziehen. Spätestens nach dem "Konzert" Anfang des Jahres war ja auch den größten Fans klar, dass alles eine große Reproduktion und Sound-Panscherei ist.

Klangkarussell steht für die musikalische Verkörperung des Pferdefleisch-Skandals: Dass Zutaten unterschiedlicher Herkunft zu einem Einheitsbrei zusammengemischt werden, ist für jeden klar, und so genau will man um die Herkunft ja auch nicht Bescheid wissen, solange es nicht gesundheitsschädlich ist - und schmeckt. Spätestens aber, wenn man selber zum Kochlöffel greift und etwas "organisches" zaubert, vergeht einem der Appetit auf den Supermarkt-Fraß gehörig. Klangkarussell klang eben nur, klingt nicht mehr, und schwindlig wurde einem dabei sowieso nie. Dazu war das Stück zu belanglos, ohne Momente und fern jeglicher Dynamik. Wer weiß, vielleicht wird die CD, von welcher die Bausteine für den "Mega-Hit" stammen, nun gleich der Steuersünder-CDs als Sample-Sünder-CD gehandelt. Sandkörner auf dem Spielplatz der Loops - wen kümmert's."

LA Rokoko (Time to Jack)


"Mir ziemlich Sternschnuppe was Klangkarussell veranstaltet. Ich persönlich würde schon aus eigenem Anspruch nicht auf so eine Idee kommen. Dann doch lieber mit eigenem Fieldrecorder einen Hit aus Küchenutensilien scheppern, was auch schon bescheuert wäre. Aber dafür diniere ich mit dem Zeug selbst." (Chris)

"Ungeachtet der Tatsache, dass mich diese Art von Musik überhaupt nicht interessiert bin ich weder überrascht noch schockiert und man sollte sich lieber mal die Frage stellen, wie die 20.000 Beatport-Tracks pro Woche eigentlich zustande kommen. Wer sich heute die Maschine von Native Instruments kauft, bekommt die bereits amtlich klingenden Original-Drums und -Samples von internationalen Musikern wie Ame u.a. gleich mitgeliefert und kann ohne Vorkenntnisse bereits in wenigen Tagen brauchbare Ergebnisse vorzeigen. Ein netter kleiner Verkaufstrick der Industrie. So kann jeder Tracks machen, die genau so klingen wie der Sound seines Lieblingsproduzenten, der gerade einen schlechten Tag hatte. Etwas neues entsteht dabei aber leider nicht." (Manu)

Van Goetz (ArTik)


"Ist eigentlich ein guter Track. Schade, dass der Track halt aus nem Sample-Pack zusammengestellt wurde, so dass des eigentlich jeder machen kann. Und dass man dann mit so einem Track so krass gefeiert wird, ist dann schon ein bisschen unfair. Aber jetzt hört man ja auch nichts mehr von ihnen."

         



Subjkts (Chez)

"Also mir ist das vollkommen egal." (Fabian)

"Der größte elektronische Charterfolg des letzten Jahres wurde von einem holländischen Radiomoderatoren entzaubert und auf einmal regen sich alle darüber auf. Aber warum? Weswegen ist hier die Empörung so groß, während Wankelmut mit seinem genauso erfolgreichen Edit von One Day größtenteils verschont wurde?

Womöglich hängt das damit zusammen, dass viele der Meinung sind, einen Track um ein Acapella zu bauen sei schwieriger und sie selbst hätten mit bloßen Zusammensetzen der Loops aus dem NuJazz City Sample-Kit einfach ein ähnliches Ergebnis wie die Österreicher erzielen können. Hat aber niemand. Klangkarussell waren schneller und landeten einen Hit in den Charts.

Genau so sollte man damit auch umgehen: Sonnentanz war ein Charterfolg im Vier-Viertel-Takt, mit einem Major Label namens Universal im Rücken, ausgelegt auf Massenkompatibilität und kein Track aus dem tiefen und roughen Untergrund einer Szene. Und da verstehe ich einfach die ganzen DJs nicht, die jetzt lauthals darüber schimpfen. Darunter sind auch diejenigen, die diese Produktion in der Vergangenheit noch als DEN Track des Jahres rauf und runter gespielt haben. Diejenigen, die auch wahnsinnig gerne auf Holi Open-Airs spielen würden. Ehrlich, wenn ihr mehr Anspruch im Verwenden von Samples sucht, dann hört doch einfach Theo Parrish und nicht Klangkarussell!" (Dominik)

Dimitri Dilano (Sinnestäuschung)


"Dass Disc Jockeys und Produzenten oft mit Samples oder gar Ghostwritern arbeiten, ist nichts neues. Allerdings gehört für mich mehr dazu, einen tiefgründigen und harmonischen Track zu produzieren. Die Eins-zu-eins-Verarbeitung der Samples von Klangkarussell gehört für mich nicht zu dem, was man unter produzieren versteht. Die Erzeugung einzelner Klänge oder Melodien bleibt in diesem Fall auf der Strecke! Ob die Jungs von Klangkarussell diesen Shitstorm verdient haben, sei mal dahin gestellt. Aber man bedenke die Geschichte hinter diesem Titel, sie haben ihn gebaut und auf YouTube hochgeladen und dieser schlug ein wie 'ne Bombe. Damit haben sie selbst möglicherweise nicht gerechnet. Das sind die Verrücktheiten des Musikbusiness. That´s Life."



Paavo (Tiger Rag Club)

"Ich finde es nicht schlimm, dass Klangkarussell ihren Sommerhit mit Samples von nur einer CD produziert haben. Die Jungs waren einfach raffiniert genug, die Samples zu einem massentauglichen Track zusammen zusetzen. Ob das jetzt die große Kunst und ein toller Track ist, sei dahingestellt. So lange es aber Menschen zum Tanzen bewegt, ist es doch eigentlich egal, wie es produziert wurde. Viel trauriger finde ich Disc Jockeys und Produzenten, die ihre Tracks von anderen produzieren lassen und diese als ihre eigenen vermarkten. Davon gibt es jede Menge."

Klangkarussell - Sonnentanz

Quelle: YouTube


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