Kinder-Ritter im Spiegelzelt

Felix Lüttge

Auch für Kinder bietet das ZMF ein Programm an. Wie ein Nachmittag für das ganz junge Publikum aussieht, hat sich Felix angesehen und ist bei Verdi & Schulz gewesen. Da ging es um Ritter, die nicht kämpfen und Burgfräuleins, die nicht heiraten wollen.



Zwischen Kindern im Kinderwagen, auf den Armen ihrer Mütter oder Schultern ihrer Väter bitte ich die grauen Wolken, mit dem Entleeren noch wenigstens so lange zu warten, bis die Türen des Spiegelzelt geöffnet werden.


Die Kinder schätze ich auf ein Alter zwischen eins und sieben, eine ungefähr Zehnjährige bildet die einzige Ausnahme. Die Mütter, den Vätern zahlenmäßig weit überlegen, tragen rote Outdoor-Jacken und Turnschuhe. Die meisten von ihnen sind ungeschminkt. Sicherlich ist auch die ein oder andere Waldorf-Familie anwesend, viele haben Brote oder Kuchen in Tupperdosen dabei.  Wäre ich 15 Jahre jünger, könnte es gut sein, dass ich hier ebenfalls an der Hand meiner Mama stünde und "Wer hat die Kokosnuss geklaut" sänge.

Im Spiegelzelt sitzen die Kinder neben ihren Eltern auf Bierbänken. Das heißt: eigentlich sitzen die Eltern und der Nachwuchs turnt um sie herum. Eines meiner Vorurteile über Kinder wird wieder vollständig bestätigt: Kinder können nicht langsam laufen. Jede Strecke, die es zurückzulegen gilt, wird gerannt.

Mit dem Sehen haben es die Kinder in den hinteren Reihen schwer, weil sich Eltern auch in die ersten Reihen gesetzt haben. Hinter mir fragt Klein-Felix. "Mami, kann ich auf deinen Schoß?" Ein Freund von ihm, offensichtlich mutiger, hat einen Platz ganz vorne ausgemacht: "Da kann man voll gut sehen!" Kleinfelix aber traut sich nicht weg vom Schoß seiner Mutter.




Christian M. Schulz
betritt die Bühne und übt sich dabei im Schwertkampf, den er nicht sonderlich gut beherrscht. Da aber Bänkelsänger und kein Ritter ist, muss er das auch nicht. Noch bevor er sich vorstellt, bittet Schulz, so nennt er sich auf der Bühne, die Kinder im Publikum, vorzulesen, was auf zwei Kästen steht, die das Bühnenbild bilden.

"Verdi" und "Schulz" hätten sie lesen sollen, aber weil die Wenigsten im lesefähigen Alter sind, ist der Erfolg gering. Verdi, stellt sich heraus, ist Schulzes Partner und ein Akkordeon, auch "Quetschkommode" genannt, wie ich von einem der Kleinen erfahre.

"Menschen brauchen Bänkelsänger", sagt Schulz und erzählt in seinen Liedern Geschichten, von Rittern, die keinen Mut besitzen und lieber laufen gehen, anstatt zu kämpfen und Burgfräuleins, die lieber gemeinsam tanzen als zu heiraten. Singen kann Schulz, über die Lieder freuen sich wohl vor allem die Eltern, den Kindern machen Schulzes Witze dazwischen Spaß und dass sie mitmachen dürfen.

"Integratives Theater" würde ich es vielleicht nennen, was da auf der Bühne passiert. Zuerst sind es nur wenige, die sich melden, wenn Schulz nach Freiwilligen verlangt. Ein Junge erklärt sich bereit, einen Ritter zu spielen, um dann, mit Plastikschild, -helm und –schwert bestückt zu verkünden: "Ich mag doch nicht." Die, die bereit sind, als Freiwillige aufzutreten, werden im Laufe der Vorstellung immer mehr. Auch Erwachsene werden als Freiwillige benötigt, zeigen aber gar kein Interesse daran. Ihre Kinder kommen Schulz zu Hilfe und zeigen mit dem Finger auf ihre Mamas, wenn er eine Magd braucht.
Als Schulz nach einem Mann verlangt, er grimmig gucken kann, fangen die Väter plötzlich alle an zu lächeln. Weder Kinder noch Eltern verstehen immer so ganz genau, was sie auf der Bühne tun sollen und laufen zum falschen Zeitpunkt in die falsche Richtung; konstruktives Chaos herrscht auf der Bühne.

Die Kinder tauchen in die verschiedensten Rollen: Schlossgespenster, Ritter, Knappen, König und und und. Der König gefällt sich, passenderweise, besonders in seiner Rolle, die Knappen, ebenfalls sehr passend, geben sich eher schüchtern. Ein ganz kleines Kind hinter mir klingt, ohne es zu wollen, sehr viel mehr nach einem Drachen als der Vater, der ihn auf der Bühne imitieren soll.



Viele Witze Schulzes gehen auf Kosten der Erwachsenen, manche wirken gezwungen und wie, als müssten sie Löcher füllen. Stille scheint etwas zu sein, vor dem Schulz sich fürchtet. Die Melodien der Lieder ähneln sich, ganz selten ist ein Reim im Text auch mal mit Gewalt erzeugt.

Die Zugabe muss er seinem Publikum anbieten, die schnell folgenden Sprechchöre der Kinder zeigen, dass sie das Prinzip kennen.

Die Kinder finden es super, den Eltern gefällt die Show auch. Nur ich sitze da und finde wenig lustig. Zu weit bin ich wohl entfernt vom Kleinkindsein, an das man durchs Vater- oder Mutterwerden wohl wieder etwas näher rankommt.

Schulz, der sein Kinderprogramm seit 1992 anbietet und selbst keine Kinder hat, weiß, dass Kinder leicht zu begeistern sind. "Aber Kinder sind auch ein sehr unhöfliches Publikum. Wenn es langweilig sind, sitzen sie nicht da und halten den Mund, sondern fangen an zu labern." Gefloppt ist aber noch keine seiner Vorstellungen. "Wenn mal einer Nummer nicht so gut ankommt, kommt ja bald die nächste."

Nach der Vorstellung rennen die Kinder selbstverständlich aus dem Spiegelzelt. Wer von ihnen in einer Stunde noch an Verdi & Schulz denkt, weiß man nicht. "Sie sind einfach schnell da und schnell weg", sagt Schulz.
 



Mehr dazu:

Verdi & Schulz: Website