Kinder-Casting: Das Lächeln kriegen wir auch noch hin

Anselm Müller

Castingshows sind das Nonplusultra für Menschen, die bisher unbekannt sind und gern ein Star werden möchten. Am vergangenen Samstag lud eine Castingagentur ins Central Hotel, um Freiburger Eltern die Möglichkeit zu bieten, ihre Söhne und Töchter als Starkandidaten zu präsentieren. Anselm war dabei und berichtet von der viel versprechenden Warteveranstaltung.



Wartende Stars

Ich werde fast vom Kinderwagen überrollt, als ich auf den Parkplatz des Central Hotels abbiege. Eine Mutter, die ihre 12- bis 14-jährige Tochter im Schlepptau hat, rennt fluchend mit ihrem Kinderwagen an mir vorbei: „Scheiße, wir sind zu spät." Der Kinderwagen beginnt gefährlich zu kippen, als sie das Hotel stürmt. Der Kinderwagen kommt kurz vor der Rezeption zum Stoppen: „Ich will zum Casting“.


Die Rezeptionistin lächelt und zeigt nach oben: „Dort oben müssen sie warten.“ Die erste Lektion des Stardaseins ist den ungefähr 25 Teilnehmern plus Anhang noch nicht bekannt: Ein Star kommt aus Prinzip zu spät zu einem Termin! Im Warteraum checken die Eltern nochmals ihre Frisur und hindern ihre Kinder am Herumrennen.

Ein kleines Zimmer für ungefähr 25 Personen

Nach weiteren 20 Minuten erscheint eine Hotelangestellte und verkündet, dass die Teilnehmer sich nun in das Castingzimmer begeben dürften. Auf einmal herrscht eine unglaubliche Betriebsamkeit, die Kinder werden geschnappt und man eilt schnellen Schrittes dem Ort entgegen, in dem das Fotoshooting stattfinden soll. Problematisch: viel zu viele Leute wurden auf 10 Uhr bestellt. Sie versuchen nun krampfhaft, sich durch die Tür ins Castingzimmer zu zwängen.

Ich ernte einige böse Blicke, als ich mich nach vorne drängele. Im Zimmer gibt es einen Empfangstisch, an dem Michaela Pink sitzt und die Anmeldungen managt. Im hinteren Teil des Zimmers sitzt eine Fotografin vor einem blauen Samtvorhang, der als Hintergrund für die Bilder dient. Um sie herum liegen ein paar Spielsachen und ein Korb, in den die Kleinen während des Shootings gesetzt werden.

Charaktereigenschaften, Statur, eventuelle Talente

Zur Anmeldung gehört ein Fragebogen. Zu den Adressangaben sowie zu Größe und Gewicht werden die Eltern befragt, auch die Statur ihre Kinder müssen sie einordnen (zierlich, normal (?), vollschlank, schlank, kräftig, dick), die Hautfarbe ebenso (weiß, südamerikanisch, asiatisch, südländisch, afrikanisch, indianisch). Wichtige Fragen gilt es zu den Charaktereigenschaften zu beantworten (pflegeleicht, sensibel, ehrgeizig, offen, zickig, lustig, schüchtern, aufgeweckt, witzig, temperamentvoll).

Wie soll man solche Charaktereigenschaften bei einem acht- bis siebzehnmonatigen Kind ausmachen? Die Eltern zumindest sind eifrig am Eintragen.

Melissa, 17 Monate – das neue Nokiamodell?

Der Trubel und die Enge im Raum lassen mich an einem der drei Tische Platz nehmen. Mir gegenüber sitzen Eva und Persio Gatto, Gastronomen aus Freiburg. Sie sind mit ihrer 17-monatigen Tochter Melissa hier. Auf die Frage, ob sie glauben, dass Melissa nachher beim Shooting ruhig sein wird, sagen beide einstimmig: „Natürlich!“ Warum sie hier sind? „Melissa mag gerne Tanzen, steht auf Handies und ist sehr fotogen“, erzählt ihre Mutter. Das beweist Melissa, indem sie, sobald ein Handy aus ihrer Hand genommen wird, laut protestiert.

Sie seien eigentlich eher aus Spaß hier. Ein Auftrag fürs Werbefernsehen wäre zwar toll, ist aber nicht notwendig. Diese Antwort erhalte ich fast von allen Befragten. Aus Spaß? Der ist mit 49 Euro ziemlich teuer. Jedoch sei das ganze Setting sehr angenehm, wie mir alle bestätigen.

„Eine Zumutung für die Kinder!“

Fast alle. Sandra Wink, Unternehmerin aus Baden-Baden, ist mit ihrem sechsjährigen Sohn Maximilian angereist. „Das ganze Casting hier ist ziemlich chaotisch. Wir wurden auf 10.30 Uhr bestellt und warten schon über eine dreiviertel Stunde. Ich finde es eine Zumutung, dass die Kinder hier solange warten müssen“, sagt Frau Wink verärgert. Michaela Pink vom Empfang bestätigt mir im Nachhinein, dass man zum ersten Mal im Central Hotel gewesen sei und die Räumlichkeiten nicht gekannt habe und auch nicht davon ausgegangen sei, dass alle Leute zum selben Zeitpunkt kommen. Ein kleines Koordinationsproblem?

34 Kandidaten und nur eine Absage

Erstaunlich war, wie gelassen manche Kinder das Fotoshooting über sich haben ergehen lassen haben. Andere waren etwas unruhiger und ließen sich weniger gut auf die Fotographin ein.

Von den insgesamt 34 gecasteten Kindern wurde nur ein einziges als noch nicht reif genug eingestuft. Vielleicht könnte die hohe Erfolgsquote auch an dem Sachverhalt liegen, dass jedes Kind, das nicht in die Castingdatei aufgenommen wird, seine Anmeldegebühr zurückerhält. Nur so ein Gedanke.