Kimono trifft Bollenhut: Japanische Studierende in Freiburg

Yvonne Siemann & Felix Blaß

Die Begegnung zwischen Deutschen und Japanern ist oft von Fremdheit und Vorurteilen geprägt. Die Stadt Freiburg pflegt seit 1988 die Städtepartnerschaft mit Matsuyama. Auch die Uni bietet Austauschprogramme zwischen Deutschland und Japan an. Wie erleben japanische Studierende Freiburg? Yvonne und Felix haben nachgeforscht.



Als Freiburger kennt man Japaner als eine häufig in Rudeln auftretende Sorte Mensch, die zumeist in Reisebussen lebt. An strategischen Punkten verlassen sie ihre Behausungen für kurze Rundgänge, das Gesicht halb von einer Kamera verdeckt oder zum schützenden Grinsen verzogen. In der Tasche einen Manga-Comic, am zarten Körper einen seidig schimmernden Kimono strömen sie durch deutsche Lande. Nachdem sie die wichtigsten deutschen und europäischen Attraktionen nach zehn Tagen abgehakt haben, zeigen sie die abfotografierten Sehenswürdigkeiten später stolz ihren Freunden und Verwandten auf ihrem neuen Fotohandy mit Hello-Kitty-Anhänger. Perfekt wird das Bild dann, wenn sie selbst darauf die Finger zum Victory-Zeichen formen. So will es zumindest das Klischee.


Auf die Studentinnen, die gerade im Europacafé im KG II einen Imbiss zu sich nehmen, scheinen diese Klischees aber nur bedingt zuzutreffen: zumindest ist Hello Kitty nirgendwo zu sehen.

Haruka studiert Journalismus an der Ritsumeikan-Universität in der alten Kaiserstadt Kyoto. Die Zwanzigjährige hält sich derzeit mit 20 weiteren japanischen Studierenden zum Deutschlernen in Freiburg auf. Sie mag Maultaschen, Brezeln und Bier, liebt Freiburgs Altbauten und findet die Deutschen sehr freundlich.

Das von der Universität Freiburg angebotene Studienprogramm, an dem sie teilnimmt, beinhaltet einen zweiwöchigen Intensiv-Sprachkurs, wo die japanischen Studierenden sich mit dem Alphabet, den deutschen Artikeln „der“, „die“ und „das“ oder dem Unterschied zwischen „r“ und „l“ beschäftigen und ihre ersten deutschen Sätze bilden.

Nachmittags oder am Wochenende gibt es dann doch Reisebusse: die Studierenden besichtigen die Heidelberger Altstadt, machen eine Fahrt in den malerischen Schwarzwald und einen Kurztrip über die Schweizer Grenze nach Basel. Außerdem besteigen sie das Freiburger Münster, machen eine Weinprobe oder eine Tour durch die Vauban, besichtigen das Uniseum oder hören Vorträge über Politik und Gesellschaft. Wäre Haruka zum längeren Sommerprogramm angereist, zu dem regelmäßig rund 130 Studierende kommen, hätte sie auch Ausflüge an den Bodensee und den obligatorischen Dreitages-Trip zum Schloss Neuschwanstein und nach München erleben können. Dafür konnte sie mit ihren Kommilitonen während eines zweiwöchigen Aufenthalts in Saarbrücken die europäischen Institutionen in Brüssel, Luxemburg und Straßburg kennen lernen.

Benjamin Gehring, der Vizekoordinator im International Office der Albert-Ludwigs-Universität, beschreibt das als „Abenteuerurlaub“. Schließlich sind die Studierenden erst zwischen 19 und 21 Jahre alt und viele auch das erste Mal länger alleine unterwegs. Manche sind auch das erste Mal im Ausland. Die Programme speziell für japanische Studierende gibt es seit Mitte der Neunziger Jahre in Freiburg; die Albert-Ludwigs-Universität war die erste deutsche Hochschule, die ein solches Angebot stellte.

Die Lernkultur in Japan macht ein solches gesondertes Angebot sinnvoll. „Japaner sind ein Stück weit schüchtern und den deutschen Unterrichtsstil nicht gewohnt“, sagt Benjamin Gehring. „Wenn dann Studierende aus anderen Ländern dazu kommen, die deutlich temperamentvoller sind, gehen sie ziemlich unter.“ Im Freiburger Programm wird deshalb ein Kompromiss zwischen einem komplett durchorganisiertem Tagesablauf und einer selbstständigen Gestaltung des Aufenthalts versucht.

Trotz des Abenteuers scheinen sich Haruka und ihre japanischen Kommilitoninnen aber auch für wenig exotische Dinge begeistern zu können: Sie schwärmen von den Einkaufsmöglichkeiten und -preisen in Freiburg, Haruka zeigt stolz ihre neue Jacke. Daneben stehen echte deutsche Gummibärchen, Schokolade und Kuchen bei ihnen hoch im Kurs; allerdings staunen sie über die großen Essensportionen.

Auch die ruhige Atmosphäre und vor allem die großzügig bemessenen Häuser gefallen ihnen. Diese Beschreibung wird man auch als Bobbele schnell nachvollziehen können, wenn man weiß, dass in japanischen Großstädten etwa zehn mal so viele Einwohner auf einem Quadratkilometer leben wie in Freiburg. Harukas Freundin Nao haben es vor allem Freiburgs öffentliche Verkehrsmittel und die vielen Fahrradwege angetan. „In Kyoto verschmutzen so viele Autos die Umwelt,“ ergänzt Natsumi. Auch der Freiburger Markt mit seinen frischen, nicht abgepackten Produkten ist ihnen aufgefallen.



Um die gegenseitigen Vorurteile zu überprüfen und abzubauen, sollen die japanischen Gäste auch mit deutschen Studierenden in Berührung kommen. Diese Begegnung soll auf verschiedene Weise erfolgen: Zuerst einmal werden die Teilnehmer des Programms in der Studentensiedlung am Seepark und im Studentendorf Vauban untergebracht.

Benjamin Gehring erläutert: „Dort haben sie in Studentenwohnheimen teilweise Einzelzimmer, der Großteil wohnt aber in WGs, damit sie das deutsche Studentenleben ein bisschen mitbekommen. WGs sind in Japan sehr ungewöhnlich. Dort wohnen die Studenten zumeist alleine und auch die Wohnheime sind ziemlich abgeschottet.“ Fragt man Natsumi nach der Studentensiedlung, redet sie von Schmutz und Ungeziefer. Haruka berichtet gar, in der StuSie noch keine Studierenden kennen gelernt zu haben.

Daneben veranstaltet das International Office einen wöchentlichen Stammtisch, zu dem neben den japanischen Programmteilnehmern auch Freiburger Studierende eingeladen sind, die durch Studium oder Auslandsaufenthalte eine Beziehung zu Japan haben. Außerdem veranstalteten deutsche Studierende in kleinen Gruppen eine „Stadttour abseits der typischen kulturellen Highlights“. Einige (männliche) Teilnehmer gingen mit Freiburger Studenten zum Fußballspiel.

Als Dank wollen die japanischen Studierenden nun mit ihnen japanisch kochen. Zusätzlich werden die Programmteilnehmer auch von Freiburger Familien zum Kaffee eingeladen und bekommen so die Gelegenheit, einen deutschen Haushalt von innen kennen zu lernen. Benjamin Gehring spricht von einem „regen Austausch“, der während des ersten Abends zustande gekommen sei. Und tatsächlich berichtet auch Natsumi, Freunde gefunden zu haben und Haruka ergänzt, neben einigen schüchternen auch sehr offene deutsche Studierende kennen gelernt zu haben. Und wie als Beweis hat ihre Freundin Kurara gerade mit einem deutschen Studenten am Nachbartisch Bekanntschaft geknüpft.

Und was ist das Fazit der Studentinnen? Einstimmig bekräftigen sie, dass sie gerne wieder einen Aufenthalt in Freiburg machen würden, vielleicht sogar zum Studium. In den vergangenen Jahren sind etliche Studierende schon mehrmals nach Freiburg zurückgekehrt, manche gar für einen kompletten Studiengang. Eine Sache will Natsumi aber noch loswerden: “Die Leute hier glauben, die japanische Jugendkultur bestünde nur aus Manga und Anime. Aber es gibt viel mehr als das, und keine von uns liest Manga!“

Die Überwindung kultureller Differenzen ist also auf Bemühungen beider Seiten angewiesen. Wer mit Haruka, Natsumi oder anderen internationalen Studierenden der Freiburger Hochschulen ins Gespräch kommen möchte, findet beim International Office der Albert-Ludwig-Universität oder beim International Club des Freiburger Studentenwerks Ansprechpartner.


Yvonne Siemann
(25, Spanisch, Portugiesisch & Ethnologie) und Felix Blaß (22, Geographie) studieren an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Am Zentrum für Schlüsselqualifikationen haben sie im Wintersemester an einem Grundlagenkurs zum Thema "Online-Journalismus" teilgenommen, den die fudder-Redakteure Markus Hofmann und Carolin Buchheim angeboten haben. Diese Multimedia-Reportage ist im Rahmen dieses Kurses entstanden.

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