Kiffen: Runter vom Gras

David Weigend

Ein 29-jähriger Cannabiskonsument aus Freiburg verbrachte vier Monate in einer Entzugsklinik in Schluchsee. fudder-Leser werden ihn vielleicht kennen: Im August 2007 sprach er mit uns über sein Kifferleben und den Plan, ein THC-freies Leben daraus zu machen. Ob ihm dies gelungen ist, steht im folgenden.



Rückblende

Ein Mittag im August 2007, irgendwo in der Wiehre. Im Schaukelstuhl, draußen auf dem Balkon, sitzt Ivo (Name geändert). Auf den ersten Blick ein ganz normaler, junger Mann: 29, Jeans, Sonnenbrille, 1,78 Meter groß. Dann aber sieht man, dass Ivo schwitzt, obwohl er im Schatten sitzt; er ist nervös und hat Mühe, die Hände still zu halten. Er sagt: „Ich habe heute Morgen eine Grasmischung aus der Bong geraucht. Mein Frühstück. Aber jetzt brauche ich langsam wieder was.“

Ivo gibt bis zu 500 Euro im Monat für Cannabis aus. Er raucht täglich zwischen zwei und drei Gramm Gras, dazu trinkt er drei Flaschen Bier, als Katalysator. Viele Deutsche rauchen hin und wieder einen Joint – auf einer Party, in Konzerten oder am Feierabend. Mit solch einem Gelegenheitskonsum hat Ivos THC-Verbrauch schon lang nichts mehr zu tun. Der Tontechniker kifft seit der 11. Klasse und die Phase, in der ihm das Rauchen einer Tüte ein Euphoriegefühl beschert hat, liegt lang zurück. „Ich werde nicht mehr high, sondern, für meine Verhältnisse, normal. Ich komme sozusagen auf Null.“



Im Grunde liegt Ivos gesamtes Leben auf Null. Die Droge hat ihn gleichgültig gemacht, konfliktscheu, arbeitsunfähig. Er machte Fehler im Job, irgendwann blieben die Aufträge aus. Sein Freundeskreis verkleinerte sich. Symptome, die Suchtexperten als typisch bezeichnen und als Alarmzeichen für eine Therapie begreifen. Anstatt abends auszugehen, zog sich Ivo mit der Wasserpfeife in seine Wohnung zurück. „In den letzten acht Jahren hatte ich keine feste Beziehung.“

Ivo hat Existenzangst. Er beschließt, die Kifferei zu beenden. Seine Entscheidung: vier Monate Entzug in einer speziellen Klinik.

Vier Monate, so lang? „Diese Leute brauchen wahnsinnig viel Zeit“, sagt Gerhard Eckstein. Er ist leitender Psychologe im Glöcklehof, jener Klinik für Abhängigkeitserkrankungen, die auch Ivo besuchen wird.

Eckstein erzählt von einem Patienten, der sich während der Therapie jeden Morgen um halb sieben ans Fenster setzte und einfach hinaus schaute. Der Patient sagte: „Ich sitze hier und merke, wie mein Hirn wieder ganz, ganz langsam aufmacht. Es ist wie ein Knacks in Zeitlupe.“ Dieser THC-Schleier, der sich über Jahre hinweg aufs Hirn legt, verschwindet nur allmählich.

Das Wiedersehen

April 2008. Nach acht Monaten treffen wir Ivo wieder. Das Schokocroissant auf dem Teller lässt er liegen: „Ich habe während des Entzugs ein paar Kilo zugelegt. Das gute Essen in der Reha war eines der wenigen Dinge, auf die man sich freuen konnte.“ Ivo trinkt Kaffee und erzählt: vom letzten Joint, den er auf dem Parkplatz vor der Klinik im Nordschwarzwald geraucht hat; vom Moment, als sich das Ausbleiben des THC-Nachschubs bemerkbar machte: „Es ist ungewohnt, so klar zu sein. Langsam wurde mir bewusst, wie sehr dieser Dauer-Platt-Zustand meine Wahrnehmung betäubt hat.“

Ivo entgiftet seinen Körper drei Wochen lang. Bevor er mit der Therapie anfangen darf, muss sein Urin rückläufige THC-Werte aufweisen. Als ihn der Arzt zum ersten Mal untersucht, sagt er zu Ivo: „Sie haben eine Lunge wie ein 50-jähriger Bergarbeiter. Wenn Sie so weiterrauchen, geben wir Ihnen noch 15 Jahre.“



Ivo folgt dem Rhythmus der Entgiftung. 7 Uhr Frühstück, Spaziergang, Ergotherapie, Magnesiumeinnahme, Sauna. „In meiner Gruppe waren noch 20 andere Patienten. Manche hatten Psychosen. Ein 22-jähriger Kollege hatte Jesusvorstellungen. Da ging es mir vergleichsweise gut.“

Am 23. November 2007 kommt Ivo in den Glöcklehof. Die Lage ist idyllisch, die Regeln sind streng. Die ersten zwei Wochen hat Ivo Ausgangsverbot. Sein Handy muss er abgeben, Internet gibt es nicht. Die Gruppentherapie wird zum zentralen Bestandteil von Ivos Entzug. „Ein Stuhlkreis mit 12 Patienten und ein bis zwei Therapheuten. Dann geht es los mit der Befindlichkeitsrunde: ,Was hast du für ein Thema?‘“

Das herauszufinden, sei das Schwierigste, sagt Ivo. Warum habe ich so viel gekifft? Was genau an mir und meinem Leben wollte ich mit dem Kiffen neutralisieren? Diese Fragen stellt er sich am Schluchsee, immer und immer wieder: wenn er den Fantasyroman zuklappt, wenn er im Wald durch den Schnee stapft, sogar nach den abendlichen Pokerrunden, die er mit seinen Glöcklekollegen trotz Verbots pflegt.

Das Kiffen sein zu lassen und mit dem Suchtdruck umzugehen, sei eine Sache. Aber vor der gesamten Therapiegruppe die mangelnde Eigenverantwortung einzugestehen, die Abstumpfung der eigenen Gefühle und die Tatsache, mit 30 immer noch den Eltern auf der Tasche zu liegen – das sei hart gewesen. „In der Gruppe wurde auch geweint. Hin und wieder kam es zu Aggressionen“, sagt Ivo.



Wir gehen hinaus auf den Balkon mit dem Schaukelstuhl. Diesmal zündet sich Ivo keine Tüte an, wie vergangenen Sommer, sondern eine Zigarette. Er schaut in den Aprilregen. Ob die Therapie erfolgreich war? Ivo spricht zunächst von einem neuen Körpergefühl: „Wir haben viel Volleyball gespielt da oben, gekickt, es gab eine Schwimmhalle. Ich spüre wieder Kraft, Anstrengung und Müdigkeit. Davor war ich ja permanent matt drauf.“ Und dann sagt Ivo einen Satz, den uns kein Therapeut lehrbuchhafter in den Notizblock diktieren könnte: „Ich habe gelernt, wieder mit meinen negativen Gefühlen umzugehen, ohne mich wegzuballern.“

Dennoch: die Zeit der Bewährung geht für Ivo erst los. Er wohnt jetzt in einer betreuten WG und muss im Beruf wieder von vorn anfangen. Ivo will ein Praktikum machen bei den Tontechnikern des Freiburger Theaters, nebenher wird er jobben – und sich an seine Rolle als nüchterner Fetengast gewöhnen müssen. Bisher klappt das. Mit Kippe und Ginger Ale. „Das ist verdammt schwer und eine ganz neue Erfahrung, wenn man sein Leben lang dicht auf Party war.“



Infobox

600.000 junge Menschen in Deutschland sind „starke Kiffer“ (Suchtbericht des Bundesministeriums für Gesundheit vom 5. Mai 2008). Immer mehr Kiffer unter 29 Jahren lassen sich in Beratungsstellen betreuen. 8.403 Klienten waren es im Jahr 2001, 18.155 im Jahr 2005. Die Rehaklinik Glöcklehof in Schluchsee bietet seit einem Jahr eine Gruppentherapie an, um vom THC loszukommen. Sie dauert etwa fünf Monate. Bisher haben 60 Patienten daran teilgenommen.

Jüngere Süchtige (zwischen 13 und 18) entscheiden sich alternativ oft für eine Familientherapie. Die Kosten übernimmt die Rentenversicherung. Schüler und Studenten können sich an ihre Krankenkasse wenden, die in der Regel den Großteil der Kosten übernimmt.

Mehr dazu:

 fudder.de: Interview mit Ivo vom August 2007

fudder.de: StudiVZ will Staatsanwälten Kifferdaten geben