Kicken ohne Knigge

David Weigend

Auch wenn es im südbadischen Amateurfußball meist fair zugeht – der Tonfall wird rauer auf den Kickplätzen zwischen Bremgarten und Emmendingen. Beleidigungen häufen sich und werden immer öfter vom Sportrichter verfolgt. Wie gehen jüngere Schiedsrichter mit den verbalen Attacken um?



Kackvogel

Am 27. April 2008 empfängt in der Kreisliga B, Staffel II, der SV Ebnet den AC Milan Waldkirch. Beide Mannschaften haben noch Chancen für den Aufstieg in die Kreisliga A. In der zweiten Halbzeit steht es 2:1 für die Platzherren. Die Waldkircher sind mit der Leistung von Schiedsrichter Stefan Götz (30, Foto unten) nicht einverstanden. Einer von ihnen sagt zu ihm: „Schiri, du bist die größte Pfeife!“ Der Milanspieler wird wegen Beleidigung vom Platz gestellt. Daraufhin laufen ein Ersatzspieler und ein Anhänger von Milan aufs Feld. Sie nennen den Schiedsrichter „Kackvogel“, „Arschloch“ und drohen ihm: „Du kriegst nachher noch aufs Maul!“



Wenig später bricht Götz die Partie ab, da die Spieler von Milan Waldkirch aus Protest das Feld verlassen. Zuvor hatte es gegen sie drei Platzverweise gegeben. Es herrscht Durcheinander. Ein Milananhänger schlägt dem Schiedsrichter von hinten in den Rücken und rennt lachend davon. Ordner müssen Götz zur Kabine begleiten. Als sich der Schiedsrichter umgezogen hat und gehen will, versperren ihm acht Männer aus dem Milanumfeld die Treppe. Sie fragen ihn: „Na? Hast du Angst, rauszukommen?“ Schließlich muss die Polizei eingreifen. Das Spiel wird 3-0 für Ebnet gewertet, gegen den Schläger wurde Strafbefehl erlassen.



So erzählt die Geschichte Schiedsrichter Stefan Götz. Seit zehn Jahren pfeift der Freiburger in der Kreisliga B. Der Student der Forstwissenschaften weiß, wie es in den Niederungen des südbadischen Fußballverbands zugeht. Er wurde angespuckt, beleidigt, von Trainern an der Spielleitung gehindert. Wurst, Penner, Wichser, „Nimmst du Drogen?“, Götz kennt die Sprüche. Und man fragt sich, warum gerade in der Kreisklasse, in der es ja um vergleichsweise wenig geht, der Ton so rau geworden ist. „Je höher die Liga, desto mehr zählt der Leistungsgedanke. Es wird professioneller und geht aufsteigend auch um Geld“, sagt Götz.



Nach Abpfiff in den OP

Was nicht heißt, dass Unparteiische in höheren Spielklassen vor Angriffen gefeit sind. Andreas Klopfer, 31 und Diplom-Ingenieur aus Emmendingen, pfeift seit neun Jahren Oberliga. Vor drei Wochen leitete er dort das Spitzenspiel Villingen gegen Großaspach, Bilanz: zwei mal Rot, einmal Gelb-Rot. Nach Abpfiff kam es auf dem Spielfeld am Friedengrund zu Tumulten, bei denen der Großaspacher Trainer Thomas Letsch so schwer am Rücken verletzt wurde, dass ihm die Milz entfernt werden musste. Wen interessiert es da noch, dass Villingen das Spiel 1:0 gewann? Das Sportgericht wird sich mit der Partie jedenfalls bald befassen müssen.



Welcher Balken darfs sein?

Immerhin hatte Klopfer mit diesem traurigen Vorfall nicht unmittelbar zu tun. Anders war das im Mai 2006. Damals sollte er eine Partie leiten im Abstiegskampf. Die Vereine will Klopfer heute lieber nicht nennen. Schon im Vorfeld wurde ihm in einem Internetforum unterstellt, er würde eine Mannschaft verlieren lassen, da er aufgrund seines Wohnorts bestimmte Sympathien habe: „Da stand dann: ,Wenn du Scheißdreck pfeifst, kannst du dir aussuchen, an welchem Balken du aufgehängt werden willst; wenn du dich ins Stadion traust, kriegst du aufs Maul.“

Letztlich blieb es nur bei der Drohung. Das Spiel endete Unentschieden. Klopfer pfeift diesen Verein nicht mehr, um weitere Konfrontationen zu meiden.



Was ist eine Beleidigung?

Sein Kollege Matthias Jöllenbeck (Foto), 21-jähriger Medizinstudent aus Müllheim, hat vor fünf Jahren mit dem Pfeifen begonnen und seitdem eine beachtliche Karriere hinter sich. Er leitet inzwischen Oberligaspiele und assistiert in der Dritten Liga. „Auch ich höre hin und wieder einen blöden Spruch“, sagt er. Da gebe Jöllenbeck lieber eine entsprechende Antwort, als zur Karte zu greifen: „Im Extremfall könnte man eine Äußerung wie ,Schiri, das ist ein Witz!’ als Beleidigung interpretieren und dafür gleich Rot zeigen. So würde man den Platz aber in einer halben Stunde leerfegen.“

Es komme ohnehin öfters vor, dass man von Trainern oder Offiziellen beleidigt wird und dann dagegen vorgehen muss, sagt Jöllenbeck. Ihm ist es wichtig, bei jeder Äußerung zu differenzieren: „Der Übergang von dummen Bemerkungen im toleranten Bereich zu Beleidigungen ist etwas undeutlich.“



Fettsack

Wenn man sich ein wenig auf den Kickplätzen zwischen Grißheim und Winden herumtreibt, sieht man aber auch, dass die Praxis von der Lehrmeinung oft abweicht. Da sagt der Spieler zum Schiri: „Was pfeifsch hier für einen Scheiß zusammen“ und bekommt vom Mann in Gelb die Antwort: „Ja, was spielst du hier heut auch für nen Scheiß zusammen“, ohne jedoch eine Verwarnung zu bekommen. Oder: ein Spieler tituliert einen Gegner als „Fettsack“, der Schiri hört es und zeigt dafür nur Gelb. Denn: eine rote Karte macht Arbeit. Der Schiri muss einen genauen Bericht zur Situation schreiben, die zum Platzverweis geführt hat.

Irgendwann landet diese Meldung auf dem Schreibtisch von Klaus-Dieter Baron. Er ist Vorsitzender des Sportgerichts im Freiburger Bezirk und entscheidet über die Strafhöhe für den Spieler. „Jeder Fall ist anders gelagert“, sagt er. „Nehmen wir den Tatbestand der Tätlichkeit: Ob ich einen starken Stoß gegen die Brust oder einen Kopfstoß kriege, darin liegt natürlich eine unterschiedliche Wertigkeit.“

Der Sportrichter

Baron entscheidet aufgrund der Rechts- und Verfahrensordnung des Südbadischen Fußballverbands. Für eine Beleidigung des Schiedsrichters kann ein Spieler bis zu sechs Monaten gesperrt werden. In der Saison 2007/2008 musste Baron über 66 Schiedsrichterbeleidigungen urteilen und es gab 75 Tätlichkeiten gegen Spieler und Schiedsrichter. 379 Spieler wurden bestraft, die Gesamtsperre betrug 388 Monate. Der Trend im Dreijahresvergleich geht nach oben. Bei der Jugend sieht es nicht viel besser aus: Die Fülle der Fälle erforderte im Juli einen weiteren Sportrichter im Bezirk.



Beim AC Milan Waldkirch gab es diesen Sommer eine Zäsur: 13 Spieler haben den Verein verlassen, weil sie sich von Schiedsrichtern wiederholt ungerecht behandelt fühlten. „Das hat sie sauer gemacht“, sagt Trainer Sebastiano Ilari. Seine neuen Schützlinge seien bisher diszipliniert. Auch wegen einer klaren Ansage des Vereins: „Wenn ein Spieler gegenüber dem Schiri bestimmte Worte benutzt, dann ist der weg vom Fenster. Wir brauchen Disziplin, sonst können wir den Verein dichtmachen.“