Kevin Kenner im Spiegelzelt: Der Pianist als Masochist

Manuel Lorenz

Kevin Kenner ist ein Masochist. Anders lässt sich kaum erklären, warum sich der kalifornische Ausnahmepianist am heißesten Tag des Jahres im stickigsten Zelt der Republik ein Chopin-Recital gibt. Oder aber er ist ein Abenteurer, der wie Alexander von Humboldt in widrigsten Umständen die Standarte der Zivilisation hochhält. Ein Fitzcarraldo, der im peruanischen Dschungel ein Opernhaus errichten will, ein Schlingensief, mit seinem afrikanischen Festspielhaus. So ganz sicher ist sich fudder-Autor Manuel nach dem gestrigen Chopin-Recital auf dem ZMF immer noch nicht.



Kenner rinnt die Suppe von der Stirn, dass jedes Stück sich als Schweißtropfen-Prélude ausnimmt. Dies aber nur optisch, hört man seinem Klavierspiel die Pfützen doch keineswegs an, welche die Elfenbeintastatur zu unberechenbaren Glissando-Fallen werden lassen. Seine technische Perfektion rückt ihn dabei näher an den großen Horowitz heran als an den alchimistischen Rubinstein. Kontrolliert verändert er Dynamik und Geschwindigkeit, bewusst artikuliert er jede ach-so-versteckte Note und reproduziert Triller und Tonleitern mit einer Genauigkeit, dass einem der Schweiß in der Achselhöhle stockt.


Das fällt vor allem bei den vier Scherzi auf, die reifer und virtuoser sind, als die zahlreichen Miniaturen Walzer, Mazurken, Polonaisen und eine Nocturne, die Kenner ihnen gegenüberstellt und wie in einem DJ-Set nahtlos aneinanderreiht. Bei den Scherzi gehen auch mal die Gäule mit ihm durch, und er schaut nicht mehr drein wie ein unbeteiligter Nine-to-Fiver. Eher like a real rebel, der den Yamaha mit der brachialen Gewalt eines Speed-Metal-Drummers bearbeitet. Tosender Applaus natürlich. Sowas zieht.

Festivalbegründer Alex Heisler schüttelt währenddessen ungläubig den Kopf. Das Publikum hingegen nickt zustimmend, wenn es ein Stück zu erkennen glaubt wie etwa die Mazurka in cis-moll op. 6 Nr. 2. Leicht und unterhaltsam. Fast musique d’ameublement à la Erik Satie. Der Downbeat des 19. Jahrhunderts, gespielt, um die Lounges von einst zu beschallen. Im Unterschied dazu aber mit unauslotbarem Tiefgang unterhalb der Oberfläche, so dass innerhalb von drei Radio-Song-Minuten so viele Gefühlshorizonte aufgerissen werden wie nach ’nem beherztem Dipping ins Ahoibrause-Tütchen.

Vergangenheit und Zukunft werden genauso leibhaftig vor Ohren geführt wie die Gegenwart, welche einen dann trotz brütender Hitze eiskalt erwischt. Am heftigsten im bekannten Walzer in h-moll op. 69 Nr. 2, der mir fiktive Szenen einer glückseligen Kindheit auf Super 8 in Erinnerung ruft: Das Karussell im Pariser Jardin du Luxembourg, Familienurlaub an der stürmischen Nordsee, Eidechsenjagd auf einem Florentiner Campingplatz.

Kenner schaut auf den Notentext, der vor seinem inneren Auge abgebildet scheint, unterhält sich bald zögerlich, bald dionysisch mit dem Instrument und scattet drauflos, dass Ella Fitzgerald den Blues schieben würde. Ich trinke derweil mein x-tes Pils und komme so langsam in Stimmung. Was das betagte Publikum nämlich nicht zu wissen scheint: Chopin ist nicht nur Salon- sondern vor allem auch Saloonmusik. Mit doppeltem Boden, keine Frage. Aber: Frédéric würde sich im Grabe umdrehen, wenn er sehen würde, dass hier ausnahmslos Wasser über den Tresen geht. Stilles womöglich noch. Wie auch das Recital extra um die Mittagszeit angesetzt worden ist, um der Klassik die ihr gebührende Stille zukommen zu lassen. So formuliert das jedenfalls Alex Heisler. Und im nächsten Augenblick beklagt er lang und breit das Aussterben des Klassikbetriebs.

Was Hella von Sinnen dazu sagen würde, die sich mit ihrem Kolonialzeit-Tropenhelm in der ersten Reihe breit gemacht hat. Oder die Besitzerin eines esoterischen Gesundkostladens, die sich sowohl zwei Sitzkissen als auch einen ausklappbaren Fußschemel mitgebracht hat. Was der Toskana-gebräunte Mittfünfziger hinter mir dazu wohl meint, dessen Casual Chic schon bevor es los geht wie eine zweite Haut an seinem Körper klebt. Und die weltreisende Dame hinten links, die auf der Shanghai-Expo im Völkerrechtspavillion einen Fächer mit chinesischen Schriftzeichen ergattert hat.

Und während in mich noch Frage, ob alle Perlenketten in diesem Zelt aneinandergereiht bis zum Mond (und wieder zurück?) reichen würden, stimmt Kenner Chopins Souvenir de Paganini an – besser bekannt als „Mein Hut, der hat drei Ecken“. Schmunzeln allenthalben natürlich. Ich selbst grinse aber am breitesten, weiß ich doch, dass jene neapoletanische Canzonetta noch einen anderen Text hat: „Ich lieg im Bett und spiele / an seinem Schneckenhaus. / Er hat halt keine G’fühle: / der Schneck will nicht heraus.“

Ich freu mich pubertär darüber, und Kenner kommt noch ein letztes Mal auf die Bühne. Er spielt eine 30 sekündige Mini-Mazurka, ein Perpetuum mobile, an deren Ende steht: Da capo al fine – (noch einmal) vom Anfang bis zum Schluss. Das hat was vom repititiven Rumgeloope zeitgenössischer elektronischer Musik, wenn man so will. Aber nicht bei Kenner, der mit seinem weißen Handtuch und der Wasserflasche auf seinem Schemel sitzt wie ein Boxer in der Ringecke. Er ist zwar nicht K.O., nach zwölf Runden auf höchstem Niveau aber deutlich gezeichnet. Und so wiederholt er das kurzweilige Tänzchen drei, vier Mal, holt sich einen letzten Beifall ab und entlässt das tapfere Publikum in die versengende Sonne der hochsommerlichen Wirklichkeit.

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