Kenzinger Hans Zuther rettete Geflüchtete im Mittelmeer – im White Rabbit erzählt er davon

Kerstin Ernst

Sea Eye e.V. rettet im Mittelmeer Schiffbrüchige vor dem Ertrinken. Hans Zuther aus Kenzingen war Ende Mai für zwei Wochen bei einem Einsatz als Kapitän auf der Seefuchs dabei. Auf der Soliparty im White Rabbit erzählt er von seinen Erfahrungen. Fudder hat ihn interviewt.

Herr Zuther, Sie als 63-jähriger Rentner haben sich entschlossen als Kapitän für Sea Eye in einer Mission im Mittelmeer mitzufahren. Wie kam der Entschluss dazu?

Das kam so, dass ein guter Freund und ich uns nach unserer Altersteilzeit ehrenamtlich engagieren wollten. Ich wollte ihn eigentlich bei seinem Projekt in Burkina Faso unterstützen. Da ging es um eine mobile gynäkologische Praxis. Leider ist dieses Projekt gescheitert, weil seine Approbation nicht anerkannt wurde und er viel Geld für eine Erlaubnis hätte zahlen müssen. Bei einem Bericht im Fernsehen bin ich auf die Organisation Sea-Watch aufmerksam geworden. Für die war ich allerdings schon zu alt, Sea-Eye hat mich jedoch angenommen. Nach einer Übungsfahrt mit der Seefuchs von Brest nach Malta, fühlte ich mich sicher genug, um als Kapitän in einer Mission im Mittelmeer mit zu fahren.

Wie haben Sie und ihr Team vor Ort geholfen?

In erster Linie haben wir Seenotrettung betrieben. Unsere Aufgabe war es, außerhalb der 24-Meilen-Zone nach Menschen zu suchen. Wir haben meistens von der MRCC (Maritime Rescue Coordination Center) in Rom die Order bekommen, dass es schiffbrüchige Personen gibt, haben die Koordinaten durchgesagt bekommen und haben dort nach den Personen gesucht. Eine Überfahrt der Flüchtlinge bis nach Europa hat es nicht gegeben, die Geflüchteten werden, wenn sie erstversorgt wurden, an weitere Schiffe übergeben. Nachdem wir die Boote mit den Menschen gefunden hatten, mussten wir die Schiffe kennzeichnen und vernichten.

"In den zwei Wochen habe ich sehr vieles erlebt und gesehen."

Wie sah das Team aus, mit dem Sie zwei Wochen lang auf See waren?

Meine Crew war die jüngste Crew von Sea-Eye, die im Einsatz war. Wir waren etwa zehn Leute, drei davon waren so zwischen 50 und 60 Jahren alt, alle anderen waren im Alter von 20 bis 30 Jahren, also relativ jung. Es war eine bunte Mischung verschiedener Leute aus unterschiedlichen beruflichen Bereichen, aber alle mit dem gleichen Ziel: humanitäre Hilfe zu leisten. Viele von ihnen hätte ich wahrscheinlich nie kennengelernt, wenn ich nicht mit auf die Mission gegangen wäre.

Was haben Sie dort erlebt?

In den zwei Wochen habe ich sehr vieles erlebt und gesehen. Sicherlich auch nicht viel Schönes. Wir haben vergewaltigte Frauen auf unser Schiff gebracht, viele Menschen mit schweren Verletzungen. Wir hatten einen Mann an Bord, der hatte eine schlimme offene Verletzung an der Schulter.

"Die Vorwürfe gegen die NGOs wie Sea-Eye, finde ich einfach dumm, dreist und unwahr."

Würden Sie trotz allem noch einmal auf eine Mission mitgehen?

Zum jetzigen Zeitpunkt eher nicht. Ich habe viele unschöne Dinge gesehen, was psychisch schwer zu verarbeiten war. Da ist es wichtig, mit jemanden über das, was man dort gesehen und erlebt hat, zu sprechen. Wenn es notwendig wäre, würde ich schon an einer weiteren Mission teilnehmen, jedoch nur mit dem selben Team. Ich denke, wenn man gewillt ist zu helfen, dann klappt es auch alles Erlebte irgendwie zu verarbeiten.

Den NGOs wie Sea Eye wird vorgeworfen, mit Schleppern zusammen zu arbeiten: Was sagen Sie zu diesen Vorwürfen?

Die Vorwürfe gegen die NGOs wie Sea-Eye, finde ich einfach dumm, dreist und unwahr. Was haben denn die NGOs davon? Das ist ja keine Selbstbereicherung, denn die ganzen Menschen, die dort unten helfen, die zahlen das alles aus ihrer eigenen Tasche. Dafür bekommen sie kein Geld. Sie haben nur humanitär geholfen, dass das Mittelmeer eben nicht zu einem Massengrab für Geflüchtete wird.

"Im Mittelmeer herrscht Krieg."

Viele Hilfsorganisationen haben vor kurzem ihre Leute aus dem Mittelmeer abgezogen. Wie sehen Sie die aktuelle Situation im Mittelmeer?

Ich finde, dass dieses Thema momentan von Europa einfach so hingenommen wird und man handlungslos dabei zuschaut. Unmoralisch daran ist, dass den libyschen Organisationen noch Geld in den Rachen geschmissen wird. Im Mittelmeer herrscht Krieg, denn es werden international geltende Gesetze außer Kraft gesetzt, wie es bei der "Search and Rescue"-Zone der Fall ist. Die von der libyschen Regierung festgesetzte Zone reicht weit über ihr Hoheitsgebiet hinaus in internationale Gewässer, wo sie normalerweise nichts tun dürfen. Deshalb sahen sich viele NGOs gezwungen, ihre Leute von dort abzuziehen, weil sie schutzlos waren.
Bei seinem Vortrag auf der Soliparty für Sea-Eye e.V. berichtet der Skipper von seinen Erfahrungen, die er im Mittelmeer gemacht hat. Zum Einstieg zeigt er einen kurzen Film, der die Zustände vor Ort und die Arbeit von Sea-Eye zeigen soll. "Diese Thematik im Mittelmeer und mit den Flüchtlingen wird in den Medien oft zu verwirrend berichtet", sagt Hans Zuther und möchte deshalb Aufklärungsarbeit leisten. Ihm ist es wichtig, dass das Thema nicht in der Versenkung verschwindet.

Innerhalb der 24-Meilen-Zone vor der Küste eines Landes gelten die selben Gesetze, wie an Land. Außerhalb dieser Zone wird nach den in internationalen Gewässer gültigen internationalen Gesetzen gehandelt.

Die Search and Rescue Zone wurde von der libyschen Regierung erklärt. Sie reicht weit über die Hoheitsgewässer von Libyen hinaus in die internationalen Gewässer und ermöglicht den libyschen Behörden verschärft gegen die Seenotretter vorzugehen.

  • Was: Soliparty für Sea-Eye e.V.
  • Wann: ab 20.30 Uhr Vortrag von Skipper Hans, ab 22.30 Uhr Konzert von Defenders oft the Universe und Scheissdiebullen, danach Aftershowparty mit Farine Dijion (wave punk femme) und dem DJ-Team Rahmschnitzel (Hits Hits Hits)
  • Wo: White Rabbit
  • Eintritt: für Konzert und Aftershowparty 6 Euro. Die Einnahmen des Abends gehen an die Organisation Sea-Eye e.V., von denen Materialkosten gedeckt werden.