Keith Caputo überzeugt im Café Atlantik

Alexander Ochs

Abgehackte Bewegungen, am ganzen Körper zuckend, das ist selbstvergessene Trance, das ist Keith Caputo. Der Sänger von Life of Agony legte gestern Abend im Café Atlantik einen starken Auftritt hin, mit eigenen Songs und seiner Band The Sad-Eyed Ladies. Alex war ganz Ohr.



Ricky Warwick, früher Tourgitarrist der New Model Army und einst Bandleader der – Achtung, Kalauer! – Schottenrockband The Almighty, gibt vorab den rockigen und auch mal rolligen One-Man-Act.


Als reich bebildertes Gesamtkunstwerk mit Bon-Scott-Mütze und Bon-Jovi-Stimme war sein sympathischer Auftritt tatsächlich ein Bonbon. Launige Ansagen zu irischen Surfmeisterschaften (mit 3 cm hohen Wellen), Magic Mushrooms und Paris Hilton sorgen für Heiterkeit. Und bei seinem letzten Song schafft er es mühelos, die rund 300 Zuschauer zum rhythmischen Klatschen zu bewegen, während er a cappella singt.



Dann ist es soweit: Nicht Little Richard, nicht Keith Richards, sondern Little Keith erklimmt die Bühne, begleitet von seiner Band The Sad-Eyed Ladies – allesamt Herren der Schöpfung. Diese heterogene holländische Truppe spielt alles in allem sehr homogen zusammen, vom hünenhaften Keyboarder über den halbnackten Drummer bis hin zum langmähnigen Gitarristen und dem Bassisten mit blassem Bubigesicht.

Zwischendrin, vorne dran und stets darüber thront auf entfesselte Art Meister Caputo.

Wo hat der Kerl mit den schwarz lackierten Nägeln nur diese Stimme her? Großartig ist gar kein Ausdruck. Am ganzen Körper zuckend, schmerzverzerrt und vom Schmerz verzehrt, presst der kleine Magier einen einzigartigen Gesang aus jedem Quadratmillimeter seines Körpers; ein Gesang, der selbst überzeugte Jazz- oder Weltmusikfans zu Begeisterungsstürmen hinreißt.



Meine Konzertbegleitung ist in zehn Jahren zum ersten Mal im Atlantik und Rockmusik eher weniger zugetan – aber vollkommen aus dem Häuschen: „Er gibt alles, das gibt’s doch gar nicht, giving it all away, er ist Gott!“, stammelt sie glückstrunken. Schade nur, dass der kleine Mann mit der großen Stimme sich stets auf den Halleffekt verlässt.

Keith Caputo und seine Band zaubern eine verträumte, schwermütige, düstere Musik auf die Bühne. Der Klang wechselt zwischen emotionalen Balladen mit ihren ruhigen, melodisch-schwelgerischen Momenten wie in „Home“ und Life of Agonyschen Rocknummern wie „Troubles Down“, mit schön röhrenden Gitarren.



Zunächst nur vom Keyboarder begleitet, bringt Caputo die wunderschöne Nummer „Let’s pretend“ vom LOA-Zweitwerk "Ugly" als Zugabe, bis schließlich die gesamte Band wieder einsteigt und den furiosen Schlusspunkt setzt. Danach wirkt der Sänger – letzter Kalauer – so was von kaputt, oh...

Nichtsdestotrotz ist er wenige Minuten später wieder für seine Fans da und signiert quietschfidel. Hier wird eine emotionale Balance sichtbar, die während Caputos "River Runs Red"-Phase von Angst, Verlusten und Aggression erschüttert wurde. Aber vielleicht muss man ja all das erlebt haben, um so zu klingen, wie Caputo heute klingt.

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