Aufregen ist ihr Hobby

Keiner sollte dem CSD gleichgültig gegenüberstehen

Dita Whip

Die Saison der CSDs rückt näher. Und bei einigen hat sich diesen gegenüber schon eine gefährliche Gleichgültigkeit eingestellt. fudder-Kolumnistin Dita Whip findet das beunruhigend und fordert mehr Teilhabe aus der ganzen Gesellschaft.

Sommer, Sonne, schmelzendes Drag-Queen-Make-Up – es ist Mai und die Saison der CSDs (Christopher Street Day) kommt in Fahrt. In mehr als 60 Städten wird auch dieses Jahr wieder mit Politparaden, Festen, Events, Kulturwochen, Partys und Shows auf die Belange von LGBTIQA+ Menschen aufmerksam gemacht. Dabei liegt der Fokus auf Diversität, Toleranz, Akzeptanz und Sichtbarkeit aller unter den Schirmbegiff fallenden Menschen, Identitäten, und sexuellen Orientierungen. Was nach außen fast immer, nach einer leichten Veranstaltung aussieht, ist bei genauerem Hinsehen oft mit einigen Hindernissen und Problemen verbunden.

Aufregen ist ihr Hobby: Alle Teile der Serie auf einen Blick

Heute will deshalb auch mal das Whipsche Sarkasmus- und Ironie-Monster auf einen Auftritt verzichten. "Aufregen ist ihr Hobby" wendet sich einer Herzensangelegenheit zu. Auch wenn ich sicherlich nicht alle Probleme rund um die CSDs erfassen kann, schlage ich nun vier Punkte vor, wie jeder dabei helfen kann, die CSDs zu verbessern.

1. Diese Sache mit der Beteiligung

CSD Festivitäten werden oft von einem kleineren Kreis passionierter Personen getragen. Egal ob als offizieller Verein, als freie Arbeitsgruppe oder als Interessengruppe. So ein CSD bringt eine unvorstellbare Menge an viel Arbeit mit sich. Damit sich am Ende ein Ergebnis aus den Bemühungen herauskristallisiert, braucht es neben der planerischen Weitsicht und den ausreichenden Finanzmitteln vor allem helfende Hände und Köpfe. Und davon nicht wenig.

Auch der CSD Freiburg hat schon oft betont, dass das Orga-Team aus nur wenigen Personen besteht, welche über das ganze Jahr verteilt viel Zeit und Kraft in die Realisierung verschiedener Projekte stecken. Sicherlich geht es anderen – vor allem kleineren – CSD Gremien ähnlich. Es wäre sehr zu begrüßen, wenn mehr Menschen, egal welcher sexuellen Orientierung oder Identität sie sich zugehörig fühlen, es in Erwägung ziehen, dem CSD Verein ihrer Stadt beizutreten und mit anzupacken.

2. Diese Sache mit der Repräsentation

CSDs sind längst nicht mehr reine Proteste, sondern eine Feier für Sichtbarkeit, errungene Verbesserungen und vor allem des Lebens. Mit bunten und vielfältigen CSD-Festivitäten werden Berührungspunkte zwischen queeren und non-queeren Menschen geschaffen. Nachweislich sind es eben diese Berührungspunkte, die dabei helfen Homo-, Bi- oder Transphobie abzubauen und unsere Gesellschaft offener, bunter und toleranter werden zu lassen.

Gerade deshalb ist es wichtig, dass alle am CSD teilhaben. Egal ob Paradiesvogel oder stilles Mäuschen. Ein CSD repräsentiert die Vielfalt aller LGBTIQA+ Menschen und deren Unterstützerinnen und Unterstützer. Deshalb ist die lesbische Karrierefrau genauso ein Zugewinn zu jeder Parade wie der schwule Lederkerl, die pompöse Transperson oder das ruhige queere Rentenerinnenpärchen. Nur ein selbstsicherer Umgang mit der "unapologetic Queerness" hilft allen LGBTIQA+ Menschen von der Außengruppe in das Zentrum der Gesellschaft.

Einem CSD fernzubleiben, weil "da so komisch aufgetuntete Kerle und total bullige Dykes rumrennen", ist der falsche Ansatz.

3. Die Sache mit der Selbstverständlichkeit

Was mir persönlich oft auffällt, ist die gefühlte "Egalität" die manche Menschen einem CSD entgegenstellen. Und nein, ich spreche nicht vom erzkonservativen Mitt-50er, dem das alles nur als lautes Übel gegen den Strich geht. Ich spreche vor allem von Menschen, die unter den Schirm von LGBTIQA+ fallen. Mir persönlich tut es besonders weh, wenn junge queere Menschen einen CSD mit derselben Attitude entgegenstehen wie der nächsten Busfahrt zur Schule.
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In einer Gesellschaft aufzuwachsen, welche ständig offen über soziale Themen diskutiert, ist ein Luxus den sich viele LGBTIQA+ gewünscht hätten. Hat man das Glück, Toleranz und Akzeptanz in die Wiege gelegt zu bekommen, sollte man sich freuen. Was man nicht tun sollte ist dies als Selbstverständlichkeit hinzunehmen.

Im schlimmsten Falle geht es beim CSD eben nur noch um eine laute Party, die es gibt, weil "ein Christopher da irgendwo mal auf einer Straße ermordet wurde, und der war halt schwul". (Kein Witz, das habe ich persönlich so schon erklärt bekommen beim Nachfragen.)

Besonders als queere Person sollte man die grundlegenden Infos zu CSDs wissen. Weshalb gibt es den CSD? In welcher Tradition stehen sie? Weshalb sind sie wichtig? Nur weil es CSDs in deiner Lebenszeit schon immer gab, sind sie kein selbstverständliches Vergnügensevent.

4. Die Sache mit der Sache

Klar wird eine Kolumne der ollen Dita Whip die Situation nicht grundlegend verändern. Sicherlich gibt es auch bei CSD-Organisationen Streitpunkte zwischen Mitgliedern, Teilnehmer und Teilnehmerinnen und anderen Akteurinnen und Akteuren. Ich kann nicht abstreiten, dass ich auch meine Diskussionen mit CSD-Orga-Mitgliedern hatte.

Allerdings liegt es am Ende an uns Einzelnen, wie wir den politischen Protest der LGBTIQA+ Gemeinde formen und mitgestalten. Aus der Komfortzone der heimischen Couch, mit angepasster Ansicht und mit völliger Egalität, hat sich noch nie eine positive Veränderung für LGBTIQA+ eingestellt. Am Ende des Regenbogens ist nur eine Sache sicher: CSDs sind ein wichtiger Teil von queerem Aktivismus und haben eine Auswirkung auf unsere gelebte Realität.

Wir sehen uns hoffentlich auf einem CSD. Ich werde wie immer humoristisch böse und unfreundlich sein, während ich aus purer Selbstsucht versuche, auf so vielen Fotos wie nur möglich aufzutauchen.
Dita Whip

Dita Whip – die Freiburger Drag Queen, Burlesque Showgirl und One "Woman" Sensation hat prinzipiell eine Meinung zu allem. Vor allem aber zu Themen welche die queere Community betreffen. Und dabei bleibt die schwarze Witwe gern dem Motto "Hauptsache Unfreundlich" treu. Für fudder schreibt Dita Whip seit Januar 2019 monatlich eine Kolumne, in der es um Themen gehen soll, die die LGBTQI-Szene umtreiben. Da Dita von sich selbst sagt, dass Aufregen ihr Hobby ist, ist das auch das Stichwort der Kolumne.

Aufregen ist ihr Hobby: