Keinachten: Diesjahr schenken wir uns nichts

Martin Jost

Plötzliche Geschenke von Freunden. Das war so nicht abgesprochen. Und das gehört sich auch nicht - findet Martin, fudder-Autor und Experte für soziale Grauzonen. Was ein Notwehrgeschenk ist und wie sich unangenehme Überraschungen vermeiden lassen:


Gestern vor mir in der Supermarktschlange: Eins von diesen anstrengenden Neupärchen knuddelt und knutscht und verpasst die meiste Zeit den Anschluss, wenn die Schlange weiter rückt. Sie so: „Du schenkst mir bestimmt trotzdem was!“ – Er so: „Nein, keine Sorge.“ – Sie wieder: „Das sagst du nur so. Aber wenn du mir was schenkst, schenke ich dir auch was!“ – „Aber wir haben doch gesagt, wir schenken uns dieses Jahr nichts.“ – „Genau!“


In dieser säuselnden und dauergrinsenden Stimmlage hätten sie auch sagen können: „Du legst auf!“ – „Nein, du legst auf!“ – „Okay, gleichzeitig!“ Ihren linksdrehenden Joghurt hätte ich gern über ihre Köpfe geleert. Und dann hätte ich gern gesagt: Jetzt schenkt euch halt was, zum Kuckuck, und guckt gefälligst nach vorne, ihr müsst gleich euren Joghurt bezahlen!

Anderes Beispiel: Ich war in der Woche vor Weihnachten mit einer alten Kollegin und guten Freundin in der Mensa und sie fragt: „Schenken wir uns eigentlich was?“ – Antwort: Hast du’n Knall? Weißt du eigentlich, wie vielen Leuten ich an Weihnachten was schenken muss? Fünf oder so, alles Familie. Das ist wie fünf Geburtstage an einem Tag. Und es sollen ja lauter gute, durchdachte, treffende, persönliche Geschenke sein und alle gleichviel wert. Wenn ich jetzt meinen ganzen Freunden auch noch etwas schenken müsste – nichts da!

Ich muss zugeben, dass ich nicht immer so eine klare Linie hatte. Zum Beispiel habe ich mal kurz vor Weihnachten eine neue Freundin gewonnen, und sie fragte: „Kommst du mit Weihnachtsgeschenke kaufen? Ich schenke allen meinen Freunden was, wenn ich sie zwischen den Jahren sehe.“ Nun wusste ich nicht, woran ich bei ihr war und ich fand auch die Idee komisch, Freunden Weihnachtsgeschenke zu machen. Aber was für eine Horrorvorstellung: ein unabgesprochenes Geschenk bekommen – und nichts zurück zu geben zu haben!

Um auf Nummer sicher zu gehen, hielt ich von nun an ein Gegengeschenk in meinem Rucksack parat. Andere tragen ein Döschen CS-Gas mit sich herum, ich habe ein Notwehrgeschenk in der Tasche. Fertig eingepackt und alles. Ich würde nie zuerst ziehen, aber ich hätte immer zurückgeschenkt.

So läuft das ab jetzt

Das ist doch keine Lösung – Geschenkangst, Misstrauen gegenüber Freunden und noch mehr Stress vor Weihnachten! Und am Ende des Jahres ein zerknicktes Buch in abgewetztem Geschenkpapier im Sack. Deswegen mache ich jetzt mal eine Ansage, bevor hier noch eine soziale Norm den Bach runter geht:
  • Als Faustregel gilt: Wen du Heiligabend unterm Weihnachtsbaum knuddelst oder knutschst, den beschenkst du auch.
  • Absprachen, die von Regel Nummer 1 entbinden, sind sittenwidrig und nichtig. „Dieses Jahr schenken wir uns nichts“ gilt nicht. Kein Geld? Dann sprecht ab, dass ihr euch was bastelt. Ihr seid über 70 und euch fällt einfach nichts mehr ein, was euer Ehepartner noch nicht hat? Dann schenkt euch Duschbad, das wird wenigstens alle.
  • Kleine Präsente für Familie im weitesten Sinne, so man sie am ersten oder zweiten Weihnachtsfeiertag besucht, sind noch im Rahmen. Nach dem 26. Dezember ist das Geschenkfenster geschlossen.
  • Freunde schenken sich nichts! Freunde schenken sich nichts! Freunde schenken sich nichts!
Freunde sind dazu da, um nach dem ganzen Weihnachtsstress mit Gleichgesinnten Dampf abzulassen. Haben dir deine Eltern auch schon wieder einen Pyjama gekauft? Ist bei euch auch der Baum umgefallen? War euer Kartoffelsalat auch zu salzig? – Freunde sind das Gegenmittel für Weihnachtsstress, keine Fortsetzung der Geschenkangst mit anderen Mitteln. Freunde sollten eine Ruhezone sein, keinen Druck ausüben. Freunde machen sich keine Weihnachtsgeschenke. Freunde sind dafür viel zu wichtig.

Ruthe.de - Keinachten

Quelle: YouTube
 

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