Kein Ringen um die Stimme: Wie ein Austauschstudent aus Deutschland in Oregon den US-Wahlkampf erlebt

Niklas Ehrentreich

Am 6. November 2012 haben die Menschen in den USA die Wahl: Obama oder Romney? Niklas Ehrentreich aus Lörrach ist zurzeit als Austauschstudent an der Oregon State University in Corvallis - und erlebt dort einen Wahlkampf, der keiner ist.

Als die Lichter in der „Memorial Union“, dem Vorzeigebau der Oregon State University im amerikanischen Corvallis, zu Gunsten des Beamers ausgehen, haben die meisten ihre Wahl schon getroffen. Im Westflügel sitzt eine Handvoll Studenten mit Essen von einem der Fast-Food-Stände vor der Leinwand, auf der die erste Debatte zwischen Mitt Romney und Barack Obama gezeigt wird. Nur ein Dutzend Zuschauer hat sich zu diesem Public Viewing auf dem Campus eingefunden – unter ihnen sieben deutsche Austauschstudenten.


Erica Emerson und Claire Oslund zeigen ihre Präferenz offen. Sie sind Mitglieder der Hochschulgruppe der Demokraten und versuchen, ihre Kommilitonen zum Wählen zu motivieren. An ihrem Stand verteilen sie Shirts mit einem großen „O“ für Oregon und „-bama“ für ihren Kandidaten.  Dass sich Wahlberechtigte für ihre Partei registrieren sei nicht so wichtig, solange Studenten endlich überhaupt von ihrem Stimmrecht Gebrauch machen würden. Dass dabei oft mehr Anteile an die Demokraten gehen als an Romneys Partei sei natürlich ein schöner Effekt. „Die Republikaner versuchen nicht, Studenten zur Wahl zu bringen“, sagt Emerson.

Der Tisch der beiden ist einer der raren Hinweise darauf, dass am 6. November der mächtigste Mann der Welt gewählt wird. Verglichen mit Wahlen in Deutschland findet kaum Werbung statt. Hin und wieder erinnern Spots auf den Fernsehbildschirmen im Fitnesscenter, stumm geschaltet und entsprechend beiläufig registriert, an das Votum. Plakate, Stände oder fleißige Parteisoldaten sind selten zu sehen in der 55000 Einwohner großen Stadt Corvallis.

Wählen junge Akademiker wirklich überwiegend demokratisch? Nicht jeder hier ist so gut auf den Präsidenten zu sprechen wie Erica und Claire, vier Jahre, nachdem dieser gerade viele Jüngere gewinnen konnte. Nicht zu jedem Obama-blauen Aufkleber, der noch von 2008 die Stoßstange ziert, hat sich ein 2012er Gegenstück gesellt.

Vielen sei eben bewusst geworden, dass neben modernen gesellschaftlichen Visionen, mit denen der Demokrat antrat, auch ökonomisches Know-how gehört – so die Vermutung von Kurt Juengling. Er ist Student und besitzt die Hälfte eines Hot-Dog-Restaurants, eines jener kleinen Betriebe also, um deren Wohl sich die Kandidaten so bemüht zeigen. Für Kurt ist die Entscheidung einfach. Obama hat in seinen Augen versagt, Romney dagegen als Geschäftsmann das Zeug, den Karren aus dem Dreck zu ziehen. Und er ist Mormone, wie Kurt und seine Frau Emily.

Um Oregon scheren sich beide Parteien wenig

Wer Fernsehbilder aus den noch nicht entschiedenen Staaten kennt, aus Ohio etwa oder aus Virginia, den überrascht die weitgehende Nicht-Präsenz des Wahlkampfes in Oregon. Um Oregon als demokratische Bastion scheren sich beide Parteien wenig. „Romney/Ryan“-Schilder zieren an den Landstraßen hier und dort Einfahrten, unterscheiden sich aber kaum von Werbetafeln für örtliche Matratzengeschäfte.

Lebte Sam Manriquez in Ohio, wäre er wohl Ziel von Werbeattacken beider Seiten. Er ist ein Latino und gehört damit  zu  einer der meist umkämpften Wählergruppen in diesem Jahr. Hier, in Oregon, spürt er kein Ringen um seine Stimme. Für ihn ausschlaggebend bei der Wahl sind seine Interessen als Student: Sam musste über den Sommer die Uni verlassen, da er die Gebühren nicht mehr aufbringen konnte. Gerade arbeitet er bei einer Fast-Food-Kette, um sich bald wieder einschreiben zu können.  Die Kostenexplosion bei den Gebühren zu bremsen, das traut er keinem der beiden Kandidaten zu, dabei wäre vor allem das wichtig für ihn.  Als Neuwähler hat er sich vor allem in seinem Umfeld informiert, bei seiner demokratisch wählenden Mutter und seinem Stiefvater, der für die Republikaner zu stimmen pflegt.



Manchmal  wird doch noch deutlich, dass die Abstimmung ein Thema für die Menschen ist. Wenn Friseur Nelson, früher auf dem Campus angesiedelt und wegen seines 10-Dollar-Angebotes für Studenten deren bevorzugter Barbier, seine Kundschaft in Angst und Schrecken versetzt zum Beispiel. Der schwarze Ex-Marine schwenkt seine Schneidemaschine, während er über Romney wettert, den er für einen ausgemachten Lügner hält. Für freundliche Zurückhaltung ist in seinem Laden zwischen Postern von Muhammad Ali und  Malcolm X kein Platz, und die Entscheidung scheint für ihn und die um ihre Frisur besorgten Kunden auf einmal vollkommen klar.

Sie wollen vor allem die Jüngeren mobilisieren.


Hayley Maller
(Bild oben) will nicht sagen, ob sie es mit Blau oder Rot, mit Demokraten oder Republikanern hält. „Eine Erinnerung der Studentenvertretung“ steht auf den T-Shirts, in denen sie und ihre Verbündeten über den Campus jagen, um bis zuletzt Wähler zu gewinnen. Sie wollen vor allem  die Jüngeren mobilisieren und helfen ihnen bei der Registrierung: In der Vergangenheit bekamen Mieter in Wohnheimen oft trotz Anmeldung keine Wahlunterlagen, wenn sie etwa vergessen hatten, ihre Zimmernummern anzugeben. Manche Studenten kommen direkt auf Hayley zu, andere zeigen auch dann kein Interesse, wenn sie direkt angesprochen werden. Die Wahl ist den meisten schlicht  egal. Und so sind Campus und  Stadtbild in Corvallis  weder von Blau noch von Rot beherrscht, sondern von Kürbis-Orange: Halloween ist das wichtigste Ereignis in naher  Zukunft.

Baden-Württemberg und Oregon

Niklas Ehrentreich (Bild rechts) ist als Austauschstudent in in Oregon. Der Bundesstaat an der amerikanischen Westküste ist Partner Baden-Württembergs in einem traditionsreichen Austauschprogramm, an dem jährlich bis zu 40 Studierende beider Seiten teilnehmen können. Seit  1968 verbringen deutsche Studierende Auslandstrimester an  Universitäten wie der Oregon State University in Corvallis. Der Campus  ist das Herzstück der rund  55000-Einwohner-Stadt, hier lernen 25.000 Studenten.

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  [Fotos: Niklas Ehrentreich]