Kein Heimweh nach Gilo: Ein FSJ in einer jüdischen Siedlung

Florian Elsemüller

Malte Gölz ist 21 Jahre alt. Er studiert Islamwissenschaften, chinesische Sprache, Geschichte und Kultur in Freiburg. Doch bis vor wenigen Wochen lebte er an einem der umstrittensten Schauplätze des Nahostkonflikts: Gilo, die jüdische Siedlung bei Jerusalem, nach internationalem Recht illegal besiedeltes Palästinenserland. Er leistete ein Freiwilliges Soziales Jahr und betreute behinderte Menschen. Der deutsche Staat erkannte ihm das als Ersatz für seinen Wehrdienst an.

„Nach Gilo kann man kein Heimweh haben“, sagt Malte heute in seiner WG in Freiburg, „aber Ramallah oder Nablus, das wäre jetzt toll.“ Während Malte im badischen Winter sitzt, träumt er davon, in diesen arabischen Städten im Westjordanland durch die Moscheen zu laufen und endlich die Details in der Architektur und den Ornamenten zu verstehen, die er nun im Studium schon kennengelernt hat.


Während seines Jahres in Gilo hat sich Malte in den Orient verliebt. Er weiß, dass was im Nahen Osten passiert, Einfluss auf die ganze Welt hat: Friede in Nahost, zwischen Juden und Arabern, würde das Verhältnis der westlichen und arabischen Welt verbessern und wäre ein bedeutender Schritt für den Weltfrieden. Die jüdischen Siedlungen sind heute einer der Hauptstreitpunkte im Nahost-Konflikt: Eine halbe Million jüdische Siedler leben in Ostjerusalem und in 121 Siedlungen auf den Bergkuppen des Westjordanlands. Und es werden mehr. Sie beschneiden das Land, auf dem eines Tages ein unabhängiger Palästinenserstaat entstehen könnte.

Der Soldat steigt aus dem dürr-braunen Gestrüpp. Einen großen Schritt nach vorne, stellt er sich in Maltes Weg: „Dreh um. Hier geht’s nicht lang!“ Malte kommt aus dem Tal, 100 Meter tiefer, wo die Olivenbäume wachsen. Er will nach Hause. „Dreh um. Es ist zu gefährlich hier“, sagt der israelische Soldat und trägt das M16-Gewehr auf Höhe seiner Hüfte. Malte schaut ins Gesicht seines Gegenüber, der selbst kaum älter ist als er. „Unsinn, ich wohn’ dahinten. Lass mich durch“, fährt er den jungen Soldaten auf Englisch  an und lässt ihn links liegen – als Ausländer kann er sich das erlauben.


Malte steckte mitten drin im Streit zwischen Israelis und Palästinensern, seitdem er sich entschieden hatte, nach Israel zu kommen. Damals war das für ihn eine klare Sache.  Aufgewachsen ist Malte in einem Haus, das bis zur Reichspogromnacht eine jüdische Schule war. Vor seinem Abitur hatte er drei Jahre Althebräisch gelernt, danach schloss er mit dem Hebraicum ab. Das hat Malte geprägt und ihn auf die Idee gebracht, nach einem Zivijob in Israel zu suchen. Er fand die israelische Organisation Schekel.

Für sie betreute er eine Wohngemeinschaft, in der zwei Frauen und vier Männer lebten. Sie waren körperlich und geistig schwer behindert und sahen viel jünger aus als Malte, obwohl sie zwischen 19 und 28 Jahren alt sind. Sein Job in der WG war hart, besonders wenn Ehuds* Beine verkrampften und es fast unmöglich wurde, seine Einlagen zu wechseln. „An schlechten Tagen hast du Shimon* zehn Minuten auf die Toilette gesetzt, nichts passierte. Du duschst ihn, und dann legt er los“, sagt Malte. Er las hebräische Kinderbücher vor, brachte seine Schützlinge ins Bett und saß in der Nacht bei ihnen, wenn sie schliefen. „Benjamin* ist voll auf Musik abgefahren. Wenn ich CDs mitgebracht habe, dann hat es richtig Spaß gemacht, mit ihm zu singen.“ Die Stimmung in der WG war locker, die Arbeit mit Behinderten gab Malte das gute Gefühl, etwas Wichtiges zu tun und gebraucht zu werden.

Aber diese WG machte ihm auch Sorgen: Seine Organisation betrieb die Wohnung der Behinderten in Gilo, genau wie das Appartement, das sie ihm stellten. Und das ist illegal besiedeltes Gebiet, zumindest ist das die Position der EU, der USA, der Vereinten Nationen – und natürlich der Arabischen Liga.

Wenn in Maltes Nachbarschaft in Merzhausen neue Häuser gebaut werden, dann interessiert das außerhalb von Freiburg keinen Menschen. Wenn aber  ein paar Straßen neben Maltes Appartement in Gilo neue Wohnungen gebaut werden sollen, dann reagiert sogar der US-Präsident. Obama ging vor die Presse und nannte die israelische Baugenehmigungen für 900 Wohnungen „sehr gefährlich“; die EU ist in einer offiziellen Erklärung bestürzt.



Malte dachte viel nach, ob es richtig sei, in einer Siedlung zu arbeiten. Er lebte bei den Siedlern, ging in ihren Supermärkten einkaufen: „Unterstütze ich sie, nur weil ich in Gilo wohne?“ Legitimierte seine Anwesenheit ihre Anwesenheit? Und warum sollen Juden eigentlich nicht im Westjordanland leben? Malte machte sich im Internet auf die Suche, die Antwort fand er in den Genfer Konventionen: Kein Staat darf die eigene Bevölkerung auf einem Gebiet ansiedeln, das er militärisch besetzt hält. Doch das passiert hier, die Israelis ziehen Vorteile daraus. Den Arabern im Westjordanland bleiben die israelischen Bürgerrechte verwehrt – und Israelis können trotzdem auf Palästinenserland wohnen.

Malte verlässt die Behinderten-WG, und wie jeden Tag geht er mit Nisan* auf einen Spaziergang, 20 Minuten durch Gilo. Malte hält seine Hand und stützt die Schulter, sonst würde Nisan sofort fallen. Auf den ersten Blick unterscheidet die Siedlung nichts von einer normalen israelischen Stadt. 30000 Einwohner, bewässerte Grünstreifen an den Straßen, Bankfilialen reihen sich neben Versicherungsbüros und die Post.


Alle Gebäude in der Siedlung sind aus Jerusalemstein gebaut – oder zumindest ist die Fassade mit einer millimeterdicken Schicht des hellbraunen Steins verkleidet. Es ist keine farbenfrohe Ecke der Welt, besonders im Sommer, wenn kein Regen fällt und das Land die hellbraune Farbe der Wände annimmt. Sogar die Graffiti sind nur schwarze Strichzeichnungen. Alles ist hellbraun, „in Freiburg sind die Steine auch mal dunkelbraun“, sagt Malte und lacht. Zum ersten Mal begreift er, wie bunt Freiburgs Fachwerkhäuser sind, oder die Türme entlang der Stadtmauer.

Laut einer Studie vonPeace Now, einer angesehenen israelischen Friedensinitiative, ziehen 77 Prozent der Siedler ins Westjordanland, weil sie nach mehr Lebensqualität suchen. „Qualitätssiedler“ nennt man sie daher in Israel; sie schätzen die günstigeren Mieten und neueren Wohnungen. Auch Maajan Ruggaber, Maltes Chefin, lebt in Gilo und sagt: „Schekel ist nicht aus ideologischen Gründen nach Gilo gekommen, sondern vielmehr wegen der Wohnungen, die hier so günstig sind.“

Was Malte vermisste, waren  Bars, Clubs und Kunstausstellungen. In seiner Freizeit ist er aus Gilo weggefahren. Dann zog es ihn in die Neustadt von Jerusalem, in die arabischen Viertel im Osten, oder er überquerte den Checkpoint an der Mauer, um in die Nachbarstadt Bethlehem zu kommen.

Er liebt es, zum Einkaufen auf den Basar von Ramallah zu gehen oder in Nablus Knaffe zu essen, eine Süßigkeit aus fettigem Käse. Malte mag die Wasserpfeifen mit Apfelduft, die er im Beduinenzelt-Restaurant von Bet Sahur raucht, mit einem Panoramablick auf die sieben Stockwerke hohen Wohnblöcke der Siedlung von Har Homa, die sich den Hang des Tals hochziehen.


Maltes ehemalige Nachbarn aus Gilo durften nicht nach Bethlehem – würden sich das auch nicht trauen. Für die Palästinenser aus dem Beduinenzelt blieb Jerusalem eine verbotene Stadt. Malte aber konnte sich freier bewegen als jeder Einheimische:  „Ich konnte zum Mittag die besten Falafel in Ramallah essen und am Abend am Strand von Tel Aviv einen Vodka-Energy trinken.“ Malte schätzt heute, dass Freiburg auch außerhalb des Zentrums spannend und lebenswert ist, dass es hier den Seepark gibt, das Vauban und die Dreisam. Flüsse, alternative Stadtviertel und große Parks sind in Gilo oder Jerusalem rar. Und so hilft ein Jahr im Heiligen Land nicht nur, sich in den Nahen Osten zu verlieben, sondern auch Freiburg mit neuen Augen zu sehen.

[* Namen von der Redaktion geändert]

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Die Siedlung Gilo

Das jüdische Wohnquartier Gilo liegt am südlichen Rand Jerusalems und wurde 1971 gegründet.  Die internationale Staatengemeinschaft und die UNO sehen Gilo als illegale israelische Siedlung in Ost-Jerusalem, Israel hingegen bezeichnet Gilo als Teil der Stadt Jerusalem.