Entscheidung

Kein Denkmal: Graffiti-Haus in der Wiehre kann bleiben

Johannes Tran (aktualisiert um 16 Uhr)

Das Graffiti-Haus in der Wiehre ist gar kein Denkmal – und die Graffiti müssen gar nicht entfernt werden. Diese überraschende Neuigkeit teilte die Stadtverwaltung am Mittwoch mit.

Überraschende Entscheidung im Streit um das Graffiti-Haus an der Kirchstraße: Künstler Tom Brane darf sein Wandgemälde vollenden, die angedrohte Übertünchung des Kunstwerks ist vom Tisch. Der Grund: Das Eckhaus, das in den letzten Wochen für so viel Furore sorgte, ist anders als zunächst angenommen doch nicht denkmalgeschützt. Das teilte das Baurechtsamt der Hauseigentümerin am Mittwoch mit.




Kuriose Wende nach reichlich Gegenwind

Ein kurioser Fall ist um eine kuriose Wendung reicher. Am Montag hatten Vertreter der Denkmalbehörden das Graffiti-Haus von innen begutachtet und waren sich einig: Das Innere des Hauses sei in den Jahren 1968 und 1979 dermaßen stark verändert worden, dass man nicht von einem Denkmal sprechen könne. Sämtliche historischen Oberflächen und Ausstattungen seien verloren gegangen, Treppenhaus, Türen, Stuck und Täfelungen dabei verändert oder beseitigt worden. Weil das Haus somit nicht mehr unter den Denkmalschutz falle, dürfe die Eigentümerin ihre Hausfassade nach Belieben gestalten.

Das hat sogar Holger Ratzel, den stellvertretenden Leiter des Baurechtsamts, verdutzt: "Ich war überrascht, dass ein derart klares Ergebnis herauskam." Es sei, sagt Ratzel, durchaus die Regel, dass Gebäude nicht von innen betreten werden müssen, um sie als Denkmäler zu deklarieren.

Von Innen wurde das Haus nie begutachtet

Als das Haus an der Kirchstraße wie zahlreiche weitere Gebäude in der Wiehre im Jahr 1982 als Denkmal erfasst wurde, habe man gar nicht die Kapazitäten gehabt, alle Häuser auch innen anzuschauen. Deshalb sei die Entscheidung des Baurechtsamts richtig gewesen, die Künstlerarbeiten von Tom Brane zwangsweise einstellen zu lassen, um den Fall zu überprüfen, findet Ratzel: "Wir würden heute ähnlich handeln."

Es ist ein Drama in vier Akten, das nun seinen Schlusspunkt gefunden hat. Erster Akt: Anfang September beginnt der stadtbekannte Graffiti-Künstler Tom Brane mit der Gestaltung der gesamten Frontfassade des Hauses in der Wiehre, nachdem die Hauseigentümerin ihn mit den Arbeiten beauftragt hatte. Zweiter Akt: Am 27. September stoppt das Baurechtsamt die Künstlerarbeiten. Die Begründung: Das Haus stehe unter Denkmalschutz, das kurz vor der Vollendung stehende Graffito müsse wohl übertüncht werden.

Dritter Akt: Die Entscheidung des Amts tritt eine hitzige öffentliche Diskussion los. Anwohner organisieren Unterschriftenaktionen für den Erhalt des Gemäldes – eine Online-Petition sammelte über 1700 Stimmen ein, eine Unterschriftenaktion mehr als 3000 –, der Gemeinderat diskutiert über das Graffito, Kunstexperten schalten sich ein.

Und nun der vierte, finale Akt: Das Baurechtsamt revidiert seine Entscheidung. Künstler Tom Brane darf ab sofort weitermachen.

Der Künstler ist erleichtert

Holger Ratzel vom Baurechtsamt verwehrt sich derweil gegen den Eindruck, der öffentliche Druck habe Einfluss auf die Entscheidung seiner Behörde gehabt. "Das war eine fachliche Entscheidung der Denkmalschutzbehörden."

Tom Brane jedenfalls ist außer sich vor Freude: "Das ist unglaublich.Was für eine großartige Wendung des Ganzen!" Am kommenden Dienstag möchte er seine Arbeit fortsetzen und peilt die Bemalung der beiden weiteren Hausfassaden an.
Termin

Am Freitag veranstaltet die BZ eine Ortsbesichtigung des Graffitihaus. Der Künstler des Werkes, Tom Brane, hat sich bereit erklärt, BZ-Leserinnen und -Lesern vor Ort zu beschreiben, wie ein solches Kunstwerk entsteht und welche Vorarbeiten geleistet werden müssen.
  • Termin: Freitag, 14.Oktober 2016, 14 Uhr
  • Treffpunkt: Kirchstraße / Ecke Konradstraße

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