Kein Bock auf Bildungspolitik: Löst sich der Freiburger Schülerrat auf?

Frank Zimmermann

Wenn am kommenden Dienstag der Freiburger Schülerrat zu seiner Mitgliederversammlung einlädt, könnte es brenzlig werden: Das 2001 gegründete Gremium hat große Personalprobleme, noch ist unklar, ob jemand und wenn ja wer in die Fußstapfen des derzeitigen Vorsitzenden Nikolas Klauser tritt, der wegen des Abiturs kürzer treten will. Frank Zimmermann hat mit dem 18-jährigen Schülerratsvorsitzenden gesprochen.



Der Schülerrat tritt – zumindest ist das mein Eindruck – selten in der Öffentlichkeit auf und wird entsprechend wenig wahrgenommen. Warum?

Nikolas Klauser: Ja, das ist ein Problem – der Schülerrat ist bei städtischen Gremien relativ bekannt, aber sehr wenig in den Schulen.

Woran liegt das?

Das Problem liegt zum einen an der mangelnden Kommunikation mit den Schülersprechern, die funktioniert nur per Post oder E-Mail. In der Kommunikation zwischen Schülerrat und Schulen muss sich viel ändern, auch von Schulseite. Wenn wir uns den Schülern vorstellen wollen, sperren sich die Rektoren, weil dann natürlich Unterricht ausfällt. Zum anderen scheint das Interesse am Schülerrat aber auch eher gering zu sein.

Könnte man daraus schließen, dass der Schülerrat gar nicht gebraucht wird?

Der Schülerrat ist meiner Meinung nach wichtig, er sollte alle Freiburger Schülerinnen und Schüler vertreten, etwa im Gemeinderatsausschuss für Schule und Weiterbildung, wo wir beratendes Mitglied sind. Das ist eine Möglichkeit, Einfluss auf die Freiburger Bildungspolitik zu nehmen.

Werden Sie denn wenigstens von der Politik wahrgenommen?

Den Eindruck habe ich schon, die Akzeptanz des Schülerrats ist relativ groß. Wir werden immer angeschrieben, wenn es um schulpolitische Dinge.

Nennen Sie mal ein Beispiel, wo Sie eine Stimme haben?

Bei der Neuentwicklung des Jugendgremiums haben wir mitgearbeitet.

Ist Politik für Jugendliche zu unsexy?

Tja (überlegt). Wir diskutieren stundenlang über dieses Thema, in erster Linie liegt es einfach daran, dass viele Jugendliche durch das G 8 nicht mehr die Zeit haben, sich zu engagieren, vielleicht aber auch einfach nicht das Interesse an Politik. Warum das so ist, weiß ich auch nicht. Ich für mich kann sagen: Mir hat das immer Spaß gemacht, ich konnte durch den Schülerrat ganz viel lernen und Erfahrungen fürs Leben sammeln.



Welche Erfahrungen zum Beispiel?

Die Zusammenarbeit mit Behörden. Wir kriegen Zuschüsse von der Stadt [2300 Euro pro Jahr, die Red.] und müssen natürlich rechtfertigen, was wir damit machen. Da lernt man, wie städtische Gremien funktionieren, wie man zum Beispiel Gelder beantragen kann.

Wie kann sich der Schülerrat breiter aufstellen?

Unser erster Schritt war, unsere uralte Homepage zu erneuern. Und wir haben angefangen, mit mehreren Briefen aktiv Werbung an den Schulen zu machen und interessierte Schüler direkt auf Veranstaltungen anzusprechen.

Was macht der Schülerrat denn?

Wir haben erst neulich die Freiburger Schülerratshütte organisiert, eine Art jährlich stattfindendes Fortbildungsseminar für Schülersprecher und schulpolitisch engagierte Schüler. Wir hatten zum Beispiel auch schon eine Podiumsdiskussion zum Thema Klimawandel, auf der es darum ging, was man in dem Bereich an Schulen ändern kann, das ging von der Energiesparlampe bis hin zur Photovoltaikanlage auf dem Dach. Und wir beteiligen uns aktiv am Bildungsstreik, wir haben beispielsweise die große Demo im November mitorganisiert und mitfinanziert. Es gab im Rahmen des Bildungsstreiks auch die erste Schülervollversammlung mit 40 Teilnehmern im Audimax, auf der es darum ging, was Schüler von der Landesregierung fordern können – die Studenten hatten vorgelegt, da müssen die Schüler jetzt mal nachziehen.

Ganze 40 Schüler auf einer Vollversammlung, wenn man bedenkt, dass es mehr als 80 Freiburger Schulen gibt – ist das nicht frustrierend?

Natürlich ist das frustrierend, aber es ist ja immer so, dass sich ein harter Kern herausbildet. Irgendwann kommt halt das Problem auf, dass die, die sich engagieren, mit der Schule fertig sind. Von diesem harten Kern des Schülerrats – derzeit gibt es acht aktive Mitglieder – machen jetzt die meisten ihren Schulabschluss, auch ich mache im kommenden Jahr Abitur. Danach werde ich mich aber bestimmt wieder politisch engagieren.

Gab es ein Highlight Ihrer Amtszeit?

Im November vergangenen Jahres vor 5000 Schülerinnen, Schülern und Studierenden auf dem Platz der Alten Synagoge zu stehen und eine Rede zu halten über Schulpolitik und unsere Forderungen. Die gingen von der Abschaffung von Bildungshürden wie Studiengebühren bis hin zu Klassenteilern und der Finanzierung von Schulen.

Hat der Schülerrat Pläne?

In erster Linie liegt mir seine Erhaltung am Herzen, die ist nicht wirklich gewährleistet. Momentan ist es etwas gruselig.

Könnte es sein, dass sich der Schülerrat am Dienstag einfach ganz auflöst?

Ja, die Gefahr besteht. Es ist eine Utopie, aber vielleicht schaffen wir als Gremium es irgendwann, dass die Schulen sagen: „Alle Schülersprecher müssen da hin, da könnt ihr was lernen.“ Ich denke zwar nicht, dass es zur Auflösung des Schülerrats kommt, aber mit drei aktiven Mitgliedern kann der Schülerrat nicht viel bewegen.

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Schülerrat Freiburg


Nikolas Klauser
ist seit zwei Jahren Vorsitzender des Schülerrats. Er lebt in Freiburg und geht in die 12. Klasse des Kollegs St. Sebastian in Stegen. Der Schülerrat ist eine Vereinigung aller Freiburger Schülersprecher.

Darin vertreten sind derzeit aus Freiburg das Goethe-Gymnasium, das Walter-Eucken-Gymnasium, das St. Ursula- und das Wentzinger-Gymnasium, die Weiherhof-Realschule, das Kolleg St. Sebastian in Stegen und das Marie-Curie-Gymnasium in Kirchzarten.

Den Schülerrat gibt es seit 2001, seit 2002 als gemeinnützigen Verein. Der Schülerrat kooperiert unter anderem mit Junges Freiburg, den Studierendenvertretungen U-Asta (Universität) und Usta (PH) und dem Jugendbüro.

Am Dienstag, 2. Februar um 18 Uhr findet im „Time Out“ in der Talstraße 9 eine Vollversammlung des Schülerrats statt. Auf der Tagesordnung steht unter anderem auch die Wahl eines neuen Vorstands.
[Dieser Text ist heute ebenfalls auf der 'Frisch gepresst'-Seite im Lokalteil Freiburg der Badischen Zeitung erschienen; Foto: Ingo Schneider]