Katholischer Priester wegen Erpressung, Betrug, Nötigung und Körperverletzung vor dem Landgericht

Carolin Buchheim

Der Prozess, der seit gestern vor dem Landgericht Freiburg verhandelt wird, könnte eine Vorlage für einen abendfüllenden Kino-Thriller sein: verhandelt wird gegen den 39 Jahre alten katholischen Priester Frank B., der sich durch eine Vielzahl von abenteuerlichen Lügengeschichten mehr als eine viertel Million Euro erschlichen hat, unter anderem von der Erzdiözese Freiburg und einer ihm zugetanen Frau. Das Geld investierte er in Luxusmöbel, schnelle Autos und weitere Frauen. Caro war beim ersten Prozesstag dabei.



Die Anklage

Frank B. ist 39 Jahre alt, katholischer Priester und scheint nicht nur akute Probleme mit dem Zölibat sondern auch mit den Geboten Sechs ("Du sollst nicht ehebrechen"), Sieben ("Du sollst nicht stehlen"), Acht ("Du sollst kein falsches Zeugnis geben"), Neun ("Du sollst nicht begehren deines Nächsten Frau") und Zehn ("Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus") zu haben.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Priester einen bunten Katalog an Straftaten vor: zwei Fälle von räuberischer Erpressung, vierzehn Fälle von Betrug, 37 Fälle von Untreue, zwei Fälle von Nötigung sowie fünf Körperverletzungen. Seine Opfer: die Erzdiözese Freiburg, die Freiburger Innenstadt-Pfarrei St. Martin, die ihm zugetane Gudrun E. aus Buchen im Odenwald, eine Verwandte von Gudrun E., ein ehemaliger Ministerpräsident eines deutschen Bundeslands sowie zwei weitere Frauen, Sonja T. und Ertrud D.

In den Jahren 2003 und 2004 soll der Priester und Doktorand der Moraltheologie von seinem Dienstherrn, der Erzdiözese Freiburg, zwei Darlehen in Höhe von 35.000 und 85.000 Euro erschlichen haben. Seinem Arbeitgeber gegenüber gab B. an, das Geld werde für eine dringend notwendige ärztliche Behandlung seines – tatsächlich vorhandenen – schwerbehinderten Bruders benötigt; bald werde eine Zahlung der "Aktion Mensch" eintreffen, dann könne er das Darlehen zurückzahlen.

Der Leitung der Pfarrei St. Martin, an der er ehrenamtlich in der Seelsorge tätig war, soll er die gleiche Geschichte erzählt und 10.000 Euro erhalten haben. Von dem ehemaligen Ministerpräsidenten soll Frank B. 4.000 Euro erhalten haben, nachdem er eine alleinerziehende Studentin in einer dringenden Notlage erfunden haben soll. Die Spende des Politikers soll B. über die Katholische Hochschulgemeinde (KHG) der Pädagogischen Hochschule auf ein Konto von Gudrun E. überwiesen haben, auf das er Zugriff hatte.

Die Beziehung zwischen Gudrun E. und Frank B. steht im Zentrum der Tatkomplexe dieses Prozesses: 46 Straftaten zu Lasten von Gudrun E. werden Frank B. von der Staatsanwaltschaft vorgeworfen; darunter Betrugsstraftaten, Körperverletzungen und räuberische Erpressung. E. und B. hatten sich in einer Kleinstadt im Odenwald kennengelernt, wo B. als Kaplan tätig war. Nachdem B. 2003 nach Freiburg gezogen war, um seine Promotion zu verfolgen, war E. ihm nach Freiburg gefolgt. Laut Anklage soll die Beziehung von Geldforderungen des B. und körperlichen Aggressionen geprägt gewesen sein.

Einer Verwandten von E. soll B. vorgespiegelt haben, dass E. nicht in der Lage sei, mit Geld umzugehen, und daher dringend Geld benötige. Die Verwandte soll so rund 90.000 Euro an E. überwiesen haben; Geld, das B. zu Gute gekommen sein soll.

Letztlich soll B. im Herbst 2005 und im Frühjahr 2006 zwei weitere Geschädigte, Sonja T. und Ertrud D. mit einer erfundenen Darmkrebs-Erkrankung davon überzeugt haben, ihm insgesamt 5.000 Euro überwiesen zu haben.

Die Aussage

Im Fokus des ersten Prozesstags steht die Aussage des Angeklagten.

Frank B. sitzt zwischen seinen beiden Verteidigern und sieht genau so aus, wie man sich einen aufstrebenden katholischen Priester vorstellt: dunkler Anzug, weißes Hemd, dunkle Krawatte, randlose Brille. Sein braunes Haar trägt er in einem konservativen Kurzhaarschnitt, der das schüttere Haar an seinem Hinterkopf und seine Geheimratsecken nicht verbirgt.

Im predigenden Tonfall äußert sich B. zunächst zu seiner Person. Er erzählt von seiner Kindheit und Jugend am Bodensee und seinem Weg zum Priesterberuf. Nachdem ein Antrag der Verteidigung auf Ausschluss der Öffentlichkeit von der Kammer abgewiesen wird, da der Angeklagte als katholischer Geistlicher eine Person des öffentlichen Lebens sei, beginnt Frank B.'s Aussage zur Sache. Frank B. legt ein Teilgeständnis ab. Er schildert seine Taten eloquent und flüssig. In seiner Schilderung weicht er allerdings in vielen Punkten von der Anklage der Staatsanwaltschaft ab.

Er gibt an, Gudrun E., in der Kleinstadt im Odenwald als Aushilfsmitarbeiterin in einem Drogeriemarkt tätig, habe ihn zu einem luxuriösen Leben, den teuren Möbeln, dem Kauf eines Audi A3 im Wert von rund 30.000 Euro und später eines getunten Mercedes im Wert von 72.000 Euro, angestiftet. Sie habe ihm versichert, von einer Verwandten mehrere Grundstücke überschrieben bekommen zu haben, die veräußert werden könnten. "Gönn' Dir was, Geld ist kein Problem", soll Gudrun E. nach Aussage des Priesters immer wieder gesagt haben. Als das Geld nicht gekommen sei, wären die Betrügereien gegenüber seinem Dienstherrn und den anderen Opfern notwendig geworden.

Wieder und wieder verwendet der Priester während seiner Aussage religiös aufgeladene sprachliche Bilder: "Da muss mich der Teufel geritten haben"; sagt er auf die Frage des vorsitzenden Richters, warum er wieder und wieder neue Lügengeschichten erzählt habe, um an Geld zu gelangen. B.'s Aussage ist rund und gar stimmig. Sie wirkt wie das perfekt konstruierte Gebilde eines Menschen, der beim Lügen erwischt wurde, und nun versucht, den Schaden zu minimieren.

B. sagt, dass er einem Großteil seiner Opfer den entstandenen Schaden bereits erstattet habe und äußert seine Hoffnung, "wenn alles hier vorbei ist" wieder in der Kirche arbeiten zu können. "Wir sind völlig im Reinen", sagt er über diverse seiner Opfer.

Seltsam erscheint seine Schilderung einer Auseinandersetzung zwischen ihm und Gudrun E. im Dezember 2004. E. habe in seiner Wohnung ein Kristallglas fallen gelassen, "meinen ganzen Stolz", so B., und habe verleugnet, das Glas kaputt gemacht zu haben, obwohl die Scherben im Mülleimer gelegen hätten. Daraufhin sei ein "gegenseitiges Durcheinander" entstanden, weil Gudrun E. nach seiner in Kalbsleder gebundenen Lieblingsbibel gegriffen habe, und auf die Bibel habe schwören wollen, dass sie das Glas nicht habe fallen lassen. Die Behauptung der Staatsanwaltschaft, B. habe E. dann mit seinem Gürtel verprügelt, weist B. zurück. Auch habe er sie nicht mit beschuhten Füßen getreten. "In der Wohnung trage ich keine Schuhe, sondern Wollsocken. Die strickt mir jeden Winter eine gute Frau aus B. [Anmerkung der Redaktion: der Heimatstadt von Gudrun E.]."

Als Kammer und Staatsanwalt die Gelegenheit zur Nachfrage bekommen, ist es vorbei mit Frank B.'s Eloquenz. Er sitzt angespannt auf der Anklagebank und kann Fragen zu den Lücken seiner Aussage nicht beantworten. Auch zu den vorgetäuschten Krankheiten will er sich noch nicht äußern, sondern erst nach den Aussagen der Sachverständigen.

"Sie haben doch gewusst, dass das Geld von Frau E. nicht mehr kommt", sagt der Vorsitzende an einer Stelle. "Warum haben Sie dann weiter gekauft?" B. antwortet nicht. Auch eine plausible Erklärung für das von ihm geschilderte Verhalten von Gudrun E. kann er nicht geben.

Als die Nebenklage, Gudrun E.'s Rechtsanwalt, an der Reihe ist, wird B. geradezu bockig und verweigert Antworten. "Auf wen war der Audi, den sie vom Geld meiner Mandantin gekauft haben, eigentlich angemeldet?", fragt der Nebenklagevertreter. B. gibt vor, es nicht mehr zu wissen. "Vielleicht auf Daniela N.?", fragt der Nebenklagevertreter nach. B. verzieht sein Gesicht in Abscheu. Auch auf die Frage, ob das Kennzeichen des Autos – FR-FF – ein Wunschkennzeichen war, und wer sich dieses denn gewünscht habe, antwortet B. nicht. Gerüchten im Gerichtssaal zufolge soll die Abkürzung für "Franks Frau" stehen. Zu Daniela N. soll B. eine Beziehung gepflegt haben, die er vor Gudrun E. verborgen haben soll.

Die Aussichten

Für den Prozess sind sieben Verhandlungstage angesetzt. Insgesamt sollen 21 Zeugen und 2 Sachverständige gehört werden, das Urteil wird am 17. Oktober erwartet. Heute Morgen werden die Vorgesetzten von Frank B. bei der Erzdiözese befragt. Interessant dürfte es werden, wenn das Gericht versucht, das Beziehungsgeflecht des Frank B. aufzuschlüsseln. Der Priester scheint bisher nicht näher definierte Beziehungen zu insgesamt vier Frauen gepflegt zu haben, die viele Fragen aufwerfen. Drei der Frauen werden bereits heute Nachmittag als Zeuginnen gehört; Gudrun E. ist zu Donnerstag als Zeugin geladen.

Ein Zitat

Der Staatsanwalt: "Ist eigentlich gegen sie ein Disziplinarverfahren anhängig?"
Der Angeklagte: "Nein, es gibt keine Vorverurteilung in der Kirche."