Katatura - hier findet das Leben auf der Straße statt

Linda Tuttmann

"Katatura, the place where you never feel at home", hatte Charles gesagt, als wir am Stadtteilschild vorbei fuhren. Wir, das ist ein Minibus voll mit Austauschstudenten, Charles, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Geographie Institut, und ich. Um den Neuankömmlingen einen Eindruck von der Stadt zu vermitteln, sind wir in eine Gegend gefahren, in der fast nur Schwarze leben - in ärmlichen Verhältnissen.



Kolonialbauten, wie die Christus Kirche und den Tintenpalast, die an die deutsche Vergangenheit erinnern, haben wir gesehen. Sind an eher amerikanisch anmutenden Shoppingmalls vorbei gefahren und haben auf dem Stra?enmarkt, wo Farbige um die Gunst der Touristen buhlen, typisch afrikanische Holzschnitzereien erstanden. Irgendwie scheint hier nichts zusammen zu passen: afrikanisch, amerikanisch, deutsch ? ein Kulturenmix. Aber wir wollen weiter, raus aus dem Zentrum der Stadt. Langsam wird es dämmerig. Nach einem kurzen Abstecher zu den Nobelgegenden Windhoeks, Ludwigsdorf und Klein Windhoek, wo sich Villa an Villa reiht, umgeben von Hochsicherheitszäunen, kommen wir an, in Katatura.


Informal Settlement, sagt man, wenn man politisch korrekt sein will. Township hört man aber immer noch viel. Ist aber eher verpönt. Zu sehr werden Erinnerungen aus der Zeit der Apartheit wach gerufen. "Da war es Schwarzen noch verboten, sich nach 18 Uhr in "weißen" Vierteln aufzuhalten", erzählt Charles. Nach Feierabend der "Domestic Workers" - ein Großteil der Schwarzen arbeitet als Hausmädchen, Putzfrau oder Gärtner bei wei?en Familien -, ging es per Bus wieder nach Katatura zurück.

"Und auch noch heute geht es morgens rein in die Stadt und abends wieder raus", erklärt Charles, "Taxi is here luxery". Und er hat Recht. Füllige Herero-Frauen schieben sich aus dem Bus, Männer laufen in Grüppchen weg vom Zentrum rein nach Katatura. Es herrscht Feierabendstimmung. Langbeinige Teenagerjungen spielen Fußball auf dem Tankstellen-Vorplatz, Väter stehen für ihr wohlverdientes Bier an und die Mütter rühren in riesigen Kochtöpfen auf offenen Feuerstellen. Hier findet das Leben auf der Straße statt. Im Gegensatz zu den sonst menschenleeren Straßen Windhoeks nach Einbruch der Dämmerung wirkt es hier fast voll.

Vielleicht auch, weil es draußen mehr Platz gibt als in den kleinen, aus Wellblech zusammengeflickten Häusern. Teilweise bis zu zehn Menschen leben hier auf engstem Raum zusammen. Kein Wunder also, dass man den Feierabend lieber draußen verbringt. Bis 1999 gab es hier noch nicht mal Strom, wird uns erzählt, und immer noch diene in vielen Haushalten ein bloßer Eimer als Dusche.

Wir halten an. "Kurz die Beine vertreten", sagt Charles. Ich habe ein mulmiges Gefühl in der Magengegend. Fühle mich fehl am Platz. Bleiben dann doch noch auf ein Bier in einer Kneipe. Mit den Plastikstühlen, dem Billardtisch und der provisorischen Bar herrscht dort fast Jugendzentrum-Atmosphäre. Aber nur fast. Zu sehr pfeift der Wind durch die Wellblechwände, zu niedrig ist auch das Wellblechdach, Jan mit seinen 1,93 Metern kann so eben gerade stehen. "Alcohol invites risky sex, please control", warnt ein Plakat vor ungeschütztem Sex.

Wir fallen auf, nicht nur wegen unserer Hautfarbe. Verstohlen wird zu uns rüber geguckt. Man mustert uns. Dann sitzen wir wieder im Minibus, Charles steuert wieder auf die Hauptstraße in Richtung Zentrum. Eine der wenigen, die in Katatura geteert ist.

Katatura

In Katatura (= the place where you never feel at home) leben um die 200.000 Menschen, mehr als in allen anderen Stadtteilen Windhoeks. Mitte der 1960er Jahre zu Zeiten der Apartheit wurden gemäß der Apartheitsgesetze alle Farbigen aus ihrer ursprünglichen Wohnsiedlung im Zentrum der Stadt nach Katatura vertrieben. 1968 war die Vertreibung abgeschlossen und Windhoek (Zentrum) nur von Weißen bewohnt. Und noch heute ist ein in Katatura lebender Weißer eine Ausnahme, auch wenn die Regierung große Anstrengung unternimmt, die Infrastruktur und die Lebensbedingungen der Bewohner zu verbessern.