Kastanienfudder 2013

Martin Jost

Die Kunstwelt schaut auf München. Aber was sind ein paar neu entdeckte Chagall et al. gegen zeitgenössische Werke der Freiburger Kastanienplastik? Nichts als Vorprogramm! – Dieses Jahr gibt es Ruhm und Ehre für eine Kastaniensafari, Wintersport, eine Superheldentruppe – und eine Liebesgeschichte, die gut ausgeht.



Im goldenen Oktober haben wir euch angestiftet, uns Fotos von euren schönsten Kastanien-Kunstwerken zu schicken. Wir freuen uns über die zahlreichen Einsendungen Klasse statt Masse und würdigen hier die 100 Prozent großartigen Stücke!


Der Mensch

„Kastanien im Skiurlaub“ von einer WG in St. Georgen



Das Kastanienmännchen fährt auf Ski aus Zahnstochern. Nach vorn gebeugt, rammt es gerade die Stöcke in den Boden um für die Abfahrt Schwung zu holen. Es trägt eine Bucheckermütze und einen Muff (angedeutet durch die Ausführung der Hände aus einer einzelnen Kastanie).

Bemerkenswert ist die Dynamik der Gestalt. Wie im Fall der besten Statuen der klassischen Antike macht „Kastanien im Skiurlaub“ den Betrachter staunen, dass er es hier mit einer unbelebten Plastik zu tun hat und nicht mit einem Schnappschuss aus der Bewegung. Die Haltung mit dem zum Schwerpunkt ausgefahrenen Sterz ist naturnah und kraftvoll. Der Skifahrer ist gesichtslos und damit ein Archetyp des Athleten, auf den wir unser je eigenes Menschenbild zu projizieren angehalten sind.

Die Natur

„Kastanienbaum“ von K. Imker



Der Werktitel ist schon ein Wortspiel: „Kastanienbaum“, dafür gibt es ja eigentlich schon einen Namen – die Kastanie. Hier ist aber nicht die Rosskastanie gemeint, sondern eine von lebendigen Kastanientierchen belebte Palme. Wir sehen eine Spinne, ein Äffchen, eine Giraffe, einen Igel und noch manch anderes Getier, das um und in einem tropischen Bäumchen klettert.

Die naheliegende Deutung der Installation ist die Wertschätzung der belebten Natur. Flora und Fauna um uns herum sind artenreich und wertvoll. Die bedrohten Tiere, die sich im schwindenden Regenwald um immer weniger Bäume scharen müssen, haben ein Gesicht.

Neben dieser fast umweltpolitischen Haltung hat das Werk aber noch ein zweites Thema – und fällt hier auf seinen Namen zurück. Der „Kastanienbaum“ ist eben nicht der Baum, an dem die Kastanien gewachsen sind, sondern er ist die Heimat, die sie sich gesucht haben. Das Bild handelt mittelbar von Abnabelung, Freiheit und Erwachsenwerden. In ihrem neuen Leben als verschmitzte Tierchen haben die Früchte der Kastanie sich ein eigenes Zuhause gesucht, wo ihnen ihre Stammmutter nicht dreinreden kann.

Die Vielfalt

„Kastaniencrew“ von Simone & Eva



Vielfalt ist auch ein Thema in „Kastaniencrew“. Simone und Eva haben eine Anzahl Wesen geschaffen, die in ihren kreativen Formen der Evolution in nichts nachstehen. Und doch erkennen wir nicht einfach Lebewesen, die es so in der Natur gibt. Ein Küken vielleicht oder auch mal einen Mops? Nein, das sind ganz übernatürliche Wesen. Zusammen erinnern sie an eine Zirkustruppe, eine belebte Kneipe auf einem fernen Weltraumbahnhof, oder an eine Liga aus Superhelden.

Von eleganten, langbeinigen, schlanken Riesen – zweifellos eine Verbeugung vor Giacometti – bis zu kleinen knuffigen Monstern (die politisch korrekte Bezeichnung ist hier natürlich nicht „Monster“, sondern „überraschende Lebensform“) ist die Gruppe vielfältig und pluralistisch. Dass sie sich nicht gegenüberstehen oder konfrontieren, sondern gemeinsam in eine Richtung schauen, ist ein Plädoyer der Künstler für Zusammenarbeit, Inklusion und Freude an der Vielfalt.

Die Liebe

„Erwin & Uschi“ von Manu & Katrin



Ab Ende der 60er-Jahre haben die Regisseure des „New Hollywood“ den Helden von der Mitte an den Rand der Kameraeinstellung verbannt. Manu und Katrin holen diesen Bruch mit Symmetrie und Konvention nun für das Liebespaar nach. Die Romantic Comedy ist als Genre überraschend lange von der Postmoderne unbehelligt geblieben und wird nun erst vorsichtig ironisiert.

Die Künstler haben zu ihrem Bild ein Narrativ mitgeliefert: „Erwin haben wir auf einer Straße im Heldenviertel gefunden, Uschi ist uns beim alten Wiehre-Bahnhof vor die Füße gefallen. Liebe auf den ersten Blick war es auf unserem Wohnzimmertisch.“ Die Kennenlern-Erzählung mit einer starken Zufallskomponente ist ein unentbehrliches Versatzstück im Genre der Liebeskomödie.

Manu und Katrin variieren aber auch die klassischen Vorgaben, indem sie das Pärchen durch starke Unschärfe isoliert vom Rest der Welt darstellen. Das Wir als Einheit, der Andere als einziger möglicher Verbündeter gegen die Einsamkeit in der Gesellschaft, ist ein Thema der moderneren Lieberatur.

Wieder bei den Regeln des Genres sind wir, wenn wir die Gesichtsausdrücke der beiden Kastanien studieren: Während Uschi noch grinst und ihr Blick verrät, dass sie vor Liebe völlig banane ist, zeigen sich in Erwins ausdruckslosen Augen und seinen angstvoll zusammengepressten Lippen Bindungsängste. Ihre Überwindung wird der vorletzte Akt von Erwin & Uschis Film sein.

Aber wie der ausgeht, wissen wir schon. So schreibt der große deutsche Philosoph Richard David Precht in „Liebe – Ein unordentliches Gefühl“ (München 2009, S. 322): „Wer sich liebt […] übernimmt unmerklich Gesten, Redewendungen und Ausdrucksformen des Partners.“ Müssen wir mehr sagen als: Eichelmützen und auf allen Vieren gehen? Erwin & Uschi forever!

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