Kaspar Häuser Meer: Von gequälten Kindern

Josef Mackert & Ursula Cadenbach

Immer wieder berichten Medien über misshandelte und gequälte Kinder in deutschen Häusern. Wer trägt die Schuld? Eltern, Sozialämter, der Staat? Für ihr Stück "Kaspar Häuser Meer", das morgen am Theater Freiburg uraufgeführt wird, hat sich Felicia Zeller in den Alltag deutscher Sozialämter begeben.



Der Hintergrund

Der „Fall Kevin“ hat es in Deutschland zu trauriger Popularität gebracht. Es handelt sich dabei um die Geschichte des kleinen Jungen aus Bremen-Gröpelingen, der an den Folgen schwerer Misshandlungen starb und im Oktober 2006 tot im Kühlschrank der elterlichen Wohnung gefunden wurde.

Kevin ist kein Einzelfall, sondern nur ein Beispiel, das unter mehr als 3000 anderen Fällen pro Jahr in Deutschland die größte mediale Aufmerksamkeit erzeugt hat. Was damit zusammenhängt, dass dieses Kind nicht fern jeder Öffentlichkeit starb. Kevin und seine Familie wurden vom Amt für Soziale Dienste beobachtet, das Bremer Jugendamt hatte die Vormundschaft für ihn übernommen, seit August 2004 (da war er ein halbes Jahr alt) war der Verdacht auf Kindesmisshandlung aktenkundig.

„Kevin tot zu Haus“, obwohl die zuständigen Helfer von den Betreuern vor Ort bis hinauf zum Bürgermeister mit diesem Fall befasst waren. „Kevin“ passiert in unserem Land täglich und zwar in schockierender Häufigkeit. Überforderte, weil überlastete Jugendämter gibt es nicht nur in Bremen. Aber liegt hier das eigentliche Problem?

Zum Stück

Felicia Zeller hat ihr Stück, das morgen am Stadtheater uraufgeführt wird, „Kaspar Häuser Meer“ genannt. Die Kaspar Hausers von heute heißen Dennis, Lisa, André, Chantal, Kevin, Lea-Marie, Jessica oder Celine. Ihre Eltern haben sich am Rand unserer Städte und im Dickicht unseres Sozialstaates verheddert, haben den Anschluss verloren und finden keine Perspektive mehr, um mit dem gesellschaftlich vorgegebenen Takt Schritt zu halten.

Das müssen die Kinder büßen. Die Nachrichten melden Tag für Tag das Unbeschreibliche, Unfassbare dieser Fälle. Und jedes Mal stellt sich reflexhaft die Frage, wer das hätte verhindern können oder müssen. Wo waren die Betreuer, die Sozialarbeiter – wo waren die Zuständigen? Als ob sich Verantwortung so einfach delegieren ließe.

Felicia Zeller schafft es in diesem Stück gegenüber den handelnden Personen nicht in einen besserwisserischen Entlarvungsgestus zu verfallen. Ihre Recherchen dienen dem Auffinden einer Formel, mit der sie Konflikte im Inneren jeder einzelnen Sachbearbeiterin über eine künstliche Oberfläche nach außen sichtbar machen kann.

So sehen wir ihnen etwa dabei zu, wie sie unbewusst die Verhaltensweisen ihrer Klienten übernehmen. Wie die Absicherungszwänge ihrer Arbeitsabläufe das unausweichliche „zu spät“ erzeugen, vor dem sie sich doch gleichzeitig schützen wollen. Man kann beobachten, dass das systematische Delegieren von Verantwortung in verwaltungstechnische Vorgänge strukturelle Überforderung erzeugt, die die Überforderung jedes einzelnen in einem anderen Licht erscheinen lässt.



Was: „Kaspar Häuser Meer“. Uraufführung von Felicia Zeller
Wann: Premiere Samstag, 20. Januar, 20 Uhr
(weitere Vorstellungen: 22.1. / 23.1. / 14.2. / 21.2.)
Wo: Theater Freiburg, Kleines Haus

Autor: Josef Mackert ist Dramaturg am Theater Freiburg.