Karsten Hohages Freiburger Studentenverbindungs-Buch "Männer-WG mit Trinkzwang"

Philip Hehn

Es gibt sie überall in den schöneren Vierteln Freiburgs: prächtige Altbauten mit Fahnen und verschnörkelten Buchstaben dran. Studentenverbindungen haben eine lange Tradition, viele Freiburger Studenten stehen ihnen heute gleichgültig, kopfschüttelnd, oder sogar abweisend gegenüber. Karsten Hohages autobiografischer Aufklärungsroman "Männer-WG mit Trinkzwang" soll dem abhelfen.



Im Wintersemester 1989 trifft Hohage, frisch aus der Bundeswehr entlassen, an seinem künftigen Studienort ein. Die Stadt und die Schauplätze sind, aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes, leicht verfremdet, die Verlagswebsite teilt verschmitzt mit, dass Hohage „im Badischen“ studiert hat, auch wenn im Internet ohne weiteres zu erfahrenist, wo genau im Badischen es nun war.


Ortskundigen eines bestimmten Studentenstädtchens im Badischen dürfte jedenfalls bei einem Studiwohnheim in einer Exkaserne mit in die Wände eingelassenen Gewehrständern, einem nach einem Baum benannten Anzeigenblättchen, einem Punkclub in Bahnhofsnähe und einem Konzert in einer Gammelkneipe mit spießigem Männernamen ein Lichtchen aufgehen. Auch das Haus der Sängerschaft, um die es geht, ist anhand des Textes ohne besondere Ortskunde zu finden. (Hi Jungs!)

Der junge Karsten landet nach zunächst erfolgloser Zimmersuche bei der Sängerschaft Augustinia-Saxonia. Zunächst leicht fremdelnd verbringt er anfangs viel Zeit damit, in vorauseilendem Gehorsam alles zu hinterfragen. Er und viele der Mitbewohner sind eigentlich zunächst nur zufällig, wegen des billigen Zimmers, in der Sängerschaft gelandet und raufen sich jetzt zusammen, was leider als Perspektive auf das Verbindungsleben weniger spannend ist – normal ist jeder. Der erzählte Studentenalltag ist dann auch eben das – der Alltag eines ganz normalen Studenten: Bier, Kaffee, Musik, Zigaretten. Eher punktuell – oh verflossenes Prä-Bologna-Arkadien – kommt auch die Uni vor. Über die nächsten Semester werden nun Sitten und Gebräuche der Sängerschaft, in der er da gelandet ist, ausführlich vorgestellt.

Die Präsentation der vielen Fakten geschieht dabei – in der zweiten Buchhälfte wird es besser – leider zu oft in Form von infodumpigen Mono- oder Dialogen anstatt über die Beschreibung prallen Lebens. Diese Dialoge, insbesondere die mit dem widerwillig aufgeschlossenen Linksradikalen Matze, der Hohages, äh, Charme (hier hoher Fremdschamfaktor) erliegt – sie werden Freunde –, sind nicht immer genauso unterhaltsam wie informativ.

Es wird viel gesungen, ein bisschen gefochten, ein bisschen politisiert und viel über die Geschichte der Studentenverbindungen referiert, aber das Schlimmste im Sinne von inhaltlich Anstößigste am Buch – abgesehen von ein paar Ewiggestrigen, die Gottseidank auch noch vorkommen – ist die permanente, wirklich ekelhafte Sauferei, die selbst über das Erstiübliche weit hinausgeht.

Man will Hohage nicht ganz folgen wenn er den Konsum für im Bereich des Normalen liegenden einschätzt unter anderem weil er nur einmal erlebt habe, wie ein Bundesbruder ein Delirium tremens – auf einer Wanderung ohne Alkohol – erleidet: Zu keinem Zeitpunkt ist nämlich ein Verbindungsmitglied gezwungen, einen kritisch niedrigen Pegel zu riskieren: Wenn alle Stricke reißen wird ein telefonisches Staffel-Wettsaufen mit einer Verbindung aus einer anderen Stadt förmlich vereinbart. Auch für aufgeschlossene Leser dürfte der Reiz des Mützenstudenten-Lebensstils zumindest in diesem Aspekt eher im Dunkeln bleiben.

Inhaltliche Aspekte beiseite muss man sagen, dass sich „Männer-WG mit Trinkzwang“ hier und da zu sehr wie ein Wikipedia-Artikel zum Thema liest, und man auf den einen oder anderen Fakt wohl hätte verzichten können zugunsten von mehr, pardon, Couleur. Das ist umso tragischer, weil Hohage das besser kann: Das Kapitel über seinen nachmitternächtlichen besoffenen Missbrauch der widerwilligen – und, wie sich herausstellt, durchaus verteidigungsfähigen – Gastfreundschaft einer anderen Verbindung zum Beispiel ist ebenso informativ wie unterhaltsam/traumatisierend, aber leider steckt es im Würgegriff zweier Kapitel, in denen er den armen Linksradikalen zutextet.

Auch seine zugunsten der Verbindung vernachlässigte Freundin taucht allzu sporadisch auf, und generell bleiben viele Figuren etwas sehr Staffage. Als Hohage dann sogar großartige und faszinierende Abgründe einer bestimmten Untergruppe von Verbindungen anreißt – „Man könnte geradezu meinen, alle grüne Corpsstudenten seien angehalten, sich täglich zu überlegen, welche normalmenschlichen Sitten, Gebräuche und Umgangsformen sie heute ignorieren wollen“ (S. 246) –, dieses extrem interessante Völkchen dann aber mit keinem weiteren Wort mehr erwähnt, bin ich schlicht sprachlos. Hierzu im zweiten Band bitte alle Kapitel, Herr Hohage. Die Einführung in die absurde Verbindungssprache ist die Lektüre trotzdem allein schon wert.

Fazit: „Männer-WG mit Trinkzwang“ ist ein solides, nettes Buch.

Karsten Hohage
Männer-WG mit Trinkzwang
rororo
ISBN-13: 978-3499629563
288 Seiten
9,99 Euro

Mehr dazu:

Karsten Hohage liest am 29. Novemeber 2012 im Haus der Sängerschaft Guielelmia-Niedersachen aus „Männer-WG mit Trinkzwang“.
  • fudder: http://fudder.de titel="">Couleurdamen: Warum Mädels mit Verbindungsstudenten