Karriere statt Schule: Warum Jungmusiker sich oft gegen das Abi entscheiden

Miyuko Wahr

Jugendliche mit hoher musikalischer Begabung müssen früh eine Entscheidung fürs Leben treffen: Erst das Abitur machen? Oder direkt das Leben der Musik widmen? fudder-Autorin Miyuko - selbst Geigerin - über ihren Entschluss:



Seit ich drei Jahre alt bin, spiele ich Geige. Jetzt bin 16. Und Jungstudentin an der Universität der Künste in Berlin - und gleichzeitig Schülerin am Bertholdgymnasium in Freiburg. Während meine Klassenkameraden nach der Schule chillen, fernsehen oder am Computer sitzen, übe ich Geige und packe meinen Koffer für den Unterricht in Berlin. Mein Ziel: später Geige zu studieren, und von der Musik zu leben.


Junge Nachwuchsmusiker wie ich brauchen kein Abitur, um ihr Instrument zu studieren. Da die mittlere Reife für mein Violinstudium reicht, musste ich mir selber die Frage stellen: „Quäle ich mich durch ein Abitur, das ich gar nicht brauche - oder riskiere ich den Sprung direkt in das Violinstudium?“

Bereits im Alter von acht Jahren wurde ich regelmäßig von Leuten gefragt, ob ich später Geigerin werden wolle. Jahrelang versuchte ich, keine endgültige Entscheidung zu treffen, denn als Kind kann man nicht wissen, was man später wirklich werden will. Im Prinzip hatte ich mein Leben lang Zeit, mich mit diesem Thema auseinanderzusetzen und habe mich bemüht, von den Erfahrungen andere Musiker zu profitieren

Was viele Leute nicht wissen: Die meisten Musiker brechen die Schule ab. Denn gleichzeitig gute Erfolge in Schule und Musik zu leisten, ist schwierig. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass es nicht einfach ist, nach sechs Stunden Schule für die nächsten Klassenarbeiten zu lernen und danach noch drei Stunden auf seinem Instrument zu üben. Es kostet viel Kraft und Energie, den Tag so zu planen, dass genügend Zeit zum Üben, Büffeln und Schlafen bleibt. Die wenigsten Jungsmusiker schaffen es, auch noch andere Hobbys unterzubringen.

In der Musik sind Schulabbrecher im Vorteil: Sie können sich auf ihre Karriere konzentrieren und haben mehr Zeit für Meisterkurse und Wettbewerbe. In Wettbewerben haben sie meiner Meinung nach bessere Chancen, weil sie in der selben Kategorie sind, wie andere Musiker, die noch zur Schule gehen - und deshalb weniger Zeit zum Üben haben. Und Schüler, die ein Instrument intensiv spielen, haben Angst, dass sie später den Anschluß auf die gleichaltrigen jungen Studenten verlieren.

Und schließlich haben viele junge Musiker einfach keinen Bock auf Schule. Sie warten jahrelang ungeduldig darauf, von dieser Last befreit zu werden, damit sie sich sofort in das Musikerleben stürzen können. Wer in der Schule unmotiviert ist, bringt auch nur mittelmäßige Noten nach Hause - und das ist noch ein Grund mehr, warum Jungmusiker lieber gleich studieren, anstatt ein schlechtes Abi zu machen.

Trotzdem habe ich mich dazu entschlossen, mein Abitur zu machen. Denn man sollte eine Sache nie vergessen: Es kann immer etwas schief laufen. Nicht selten kommt es vor, dass man ernsthaft erkrankt und deswegen nicht mehr sein Instrument spielen kann oder durch ein Unfall der Weg zum Berufsmusiker nicht mehr möglich ist. Ich weiß, es klingt pessimistisch, aber ich finde, man sollte immer mit dem Schlimmsten rechnen.

Außerdem gibt es auch viele Studenten, die das Musikstudium vorzeitig abbrechen, weil sie merken, dass sie mit dem Druck nicht umgehen können. Nicht alle 16-Jährige besitzen die Reife und Selbstständigkeit, so früh zu studieren und in einer fremden Stadt zu wohnen - und ein stückweit geht auch ein Teil der Jugend verloren.

Sowohl meine Geigenlehrerin als auch meine Eltern bestehen darauf, dass ich mein Abi mache. Natürlich bedeutet das mehr Stress und viel Planung, aber ich bin fest davon überzeugt, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe.

Im vergangen Jahr habe ich mir viele Gedanken gemacht über einen Plan B: Ich kam auf die Idee, neben meinem Violinstudium ein weiteres Studienfach zu besuchen, und dafür wäre ein Abitur sehr nützlich. Außerdem kann ich mein Wissen erweitern, bevor ich mich vollständig auf die Musik konzentriere, und vielleicht entdecke ich ja noch neue Gebiete, die mich interessieren und die als Studium in Frage kommen.

Ich würde mich nicht als wissensdurstig beschreiben aber trotzdem habe ich den Ehrgeiz ein gutes Abi zu schreiben und meinen Horizont zu erweitern.

Über die Autorin

Miyuko Wahr spielt Geige, seit sie drei Jahre alt ist und besucht zur Zeit das Berthold-Gymnasium in Freiburg. Nachdem sie drei Jahre lang an der Musikhochschule Freiburg Geigenunterricht hatte, ist sie nun Jungstudentin an der Universität der Künste in Berlin.

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[Foto 1: © Andreas Hilger - Fotolia.com; Foto 2: Privat]