Karlschule: Drohanrufer wird verurteilt

David Weigend

In einem beschleunigten Verfahren ist heute Nachmittag im Amtsgericht Freiburg ein 46-jähriger Mann verurteilt worden, der am 12. März im Sekretariat der Karlschule angerufen hat und mit dem Zünden zweier Bomben drohte. Ein Bericht von der Verhandlung.



Der Tathergang

Mittwoch, 11. März 2009, der Tag, an dem der Amoklauf von Winnenden geschah. Uwe H., 46, von Beruf Koch und arbeitslos, sitzt auf seiner heimischen Couch in Herbolzheim und verfolgt im Fernsehen die Berichterstattung über die Morde des Amokschützen.

Um 19 Uhr schaut ein Kollege bei ihm vorbei. Man öffnet gemeinsam eine Flasche Cognac und trinkt ein paar Gläser. Um 20.30 Uhr verabschiedet sich der Freund wieder. Uwe H. trinkt im Laufe des Abends weitere Gläser Cognac, dazu etwa vier kleine Flaschen Bier. Gegen Mitternacht schläft er vorm Fernseher ein. Doch sein Schlaf ist unruhig, schon seit längerem.

Denn ihn plagen Sorgen: Seit August 2008 ist er arbeitslos, zuvor hat er 23 Jahre lang gearbeitet. Meist war er für die Verpflegung verschiedener militärischer Einheiten zuständig, die in der Regio stationiert sind, etwa die Deutsch-Französische Brigade in Müllheim.

Vergangenen August jedenfalls hat Uwe H. um die Auflösung seines Arbeitsvertrags gebeten, da er sich als Mobbing-Opfer fühlte. Er bekam eine Abfindung von 50.000 Euro. Von denen lebt er nun, Arbeitslosengeld II bekommt er keines. Auf die Bewerbungen, die er seitdem abgeschickt hat, kamen nur Absagen. Von seiner Exfrau ließ sich Uwe H. vor acht Jahren scheiden. Das Alleinleben macht ihm zu schaffen. Dazu kommt seine schwer demenzielle Mutter. Seine beiden Söhne, neun und 12 Jahre alt und Schüler der Karlschule, sieht er alle 14 Tage.

Nun, das sind einige Eckpunkte aus dem Leben des Uwe H., ein Leben, mit dem er nicht zufrieden ist und das ihm deshalb auch hin und wieder den Schlaf raubt. Am Morgen des 12. März 2009, ein Donnerstag, steht Uwe H. auf und sieht auf dem Wohnzimmertisch, neben der Bildzeitung, diesen Zettel liegen. Auf dem Zettel steht die Telefonnummer der Karlschule. Er hat sie sich vor einigen Tagen rausgeschrieben, weil er seinen älteren Sohn entschuldigen lassen wollte, da er krank war. Wie gesagt, da steht sie, die Nummer. Es ist 7.12 Uhr. Uwe H. nimmt sein Handy und stellt die Nummer ein.

Es meldet sich der Anrufbeantworter der Schule. Uwe H. sagt: „Um 10:00 Uhr gegen zwei Bomben hoch.“ Er spricht diese Nachricht langsam auf, zweimal, mit leicht verstellter Stimme, vielleicht hat er einmal einen billig produzierten Krimi gesehen, in dem das so gemacht wurde. Dann beendet er den Anruf.



Danach schaltet er den Fernseher an und verfolgt die Neuigkeiten aus Winnenden. Später legt er sich ins Bett und schläft ein wenig. Am späten Vormittag steht er wieder auf, führt ein wenig Haushalt, kocht sich etwas, so wie immer. Am Nachmittag setzt er sich an den PC und arbeitet an seinen Bewerbungen.

Dann kommt Freitag, der 13.: Um 10.20 Uhr stehen fünf Polizisten in Uwe H.s Wohnung. Für sie war es ein Leichtes, ihn zu ermitteln. Am Anfang streitet er den Anruf in der Karlschule noch ab, doch dann gibt er ihn zu. Man fährt ihn zum Polizeiposten Kenzingen, wo er sein Geständnis zu Protokoll gibt. Am Abend sagt er in der Küche zu seinem älteren Sohn: „Du, ich hab Bockmist gebaut.“

Die Ungereimtheiten

Die Beweislage ist klar, das Motiv keineswegs. Der Angeklagte – im Übrigen ein etwa 1,75 Meter großer Mann, der die Gerichtsverhandlung Kaugummi kauend verfolgt, mit Schnauzbart, Lederblouson und Silberhalskettchen, der Angeklagte also, gibt keine plausible Erklärung für seine Tat, die der Richter Andreas Leipold in der Urteilsverkündung als „schwachsinnig“ bezeichnet. Uwe H. spricht von einem „Black Out“. Erklären könne er es nicht. Vielmehr zählt Uwe H. unbeholfen die unglücklichen „Faktoren“ seines Lebens auf: „Es brach plötzlich alles über mich herein.“



Der Richter versucht in der Verhandlung rasch, das klassische Motiv des Trittbrettfahrers herauszuarbeiten, in diesem Fall: Uwe H. als Quasi-Nachahmer von Winnenden. Doch Uwe H. streitet dieses Motiv ab: „Im Läbe nit!“ Die Morde von Winnenden habe er „verabscheut“ und die Berichterstattung über die Nachahmer sei ihm „auf den Keks gegangen.“

Gegen die Karlschule hingegen habe er nichts einzuwenden. Im Gegenteil, von ihr habe er „nur positive Eindrücke.“ Das macht die Sache für den Staatsanwalt nur noch unglaubwürdiger: „Es leuchtet mir nicht ein, dass ihre persönlichen Probleme etwas mit dem Anruf zu tun haben sollen. Das wäre schon eine seltsame Art der Frustbewältigung.“

Das Urteil

Uwe H. wird wegen Störung des öffentlichen Friedens durch Androhung von Straftaten zu vier Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt. Außerdem muss er hundert Stunden gemeinnützige Arbeit ableisten. Er trägt darüber hinaus die Kosten für den Einsatz von Polizei nebst Sprengstoffsuchhunden und Feuerwehr, eine Summe, die sich auf etwa 5000 Euro belaufen wird.



Der Richter Andreas Leipold begründet das Urteil mit zwei Argumenten. Erstens: Wie Zeugen bestätigt haben, hat Uwe H. durch seinen Drohanruf den Frieden von Schülern, Eltern und Lehrern an der Karlschule erheblich beeinträchtigt, ganz besonders einen Tag nach dem Amoklauf von Winnenden, der sowieso schon zu einer starken Verunsicherung der Bevölkerung geführt habe.

Zweitens: Uwe H. reduziert durch seine Tat die Hemmschwelle für Nachahmungstäter. Von denen gibt es seit dem 11. März nun schon 135. „Das ist kein Kavaliersdelikt“, wie Leipold betont. Zuletzt sagt er zum Verurteilten: „Was diese Tat in Hinblick auf ihre beiden Söhne bedeutet, wissen Sie hoffentlich selbst.“

Das schönste Zitat

Uwe H. auf die Frage, ob er Anspruch erhebe auf sein als Beweismittel sichergestelltes Handy: „Nein, aber das Ladekabel hätt’ ich schon ganz gern wieder.“

Mehr dazu:

fudder.de: Bericht von der Bombendrohung an der Karlschule