Karim Matmour: Sarkozy hat Konflikte erzeugt

David Weigend

Der 22jährige Karim Matmour gehört während dieser kuriosen Rückrunde zu den Leistungsträgern im Kader des SC Freiburg. Beruhigend: Sein Vertrag läuft bis 2009. Vor dem Spiel gegen Paderborn spricht Matmour bei fudder über seine große Familie, die Probleme französischer Jugendlicher mit Migrationshintergrund und über seine Erlebnisse in der algerischen Nationalmannschaft.



Karim, du bist in Strasbourg geboren. Aus welchem Viertel kommst du?

Ich bin aufgewachsen im Quartier des Quinze. Ein Viertel im Osten der Stadt. Gebaut wurde es nach dem Krieg, ich glaube, um amerikanische Truppen zu beherbergen. Später sind dort Familien eingezogen.

Hast du Geschwister?

Ja, wir sind insgesamt sechs Kinder. Ich habe zwei Brüder und drei Schwestern. Das reicht, oder? Ich bin der Jüngste. Ein Bruder ist Lehrer, einer Ingenieur, zwei Schwestern arbeiten in der Immobilienbranche und eine ist Krankenschwester. Alle leben in Strasbourg.

Woher stammen deine Eltern?

Aus Algerien. Mein Vater hat in Strasbourg als Bauarbeiter geschafft, schon lange, bevor ich auf die Welt kam. Meine Mutter und die Geschwister siedelten dann 1984 über, ein Jahr vor meiner Geburt.



Dein erster Kickplatz?

Der war direkt vor meinem Haus. Es gab zwei in meinem Viertel, einen Beton- und einen Rasenplatz. Mit fünf Jahren ging ich in den Verein, Vauban Strasbourg. Mein erstes Idol war der Brasilianer Raí. Er spielte damals bei Paris St. Germain.

Und Zidane?

Klar, ein Traumspieler. Er hat ja wie ich algerische Wurzeln. Für Jungs wie mich ist er kein Idol, er ist Gott.

Inwiefern hast du einen persönlichen Bezug zu den Unruhen in den französischen Vorstädten? Auch in Strasbourg ging es ja teilweise hart zur Sache.

Involviert war ich nie. In meinem Viertel gab es keine größeren Unruhen. Diese Thematik ist ziemlich verzwickt, denn es gibt da viele verschiedene Konflikte.

Welche?

Zum Beispiel den zwischen Monsieur Sarkozy und den jungen Migranten der banlieues. Sie werden sich selbst überlassen. Es ist schwer für die ausländischen Jugendlichen, in Frankreich eine ordentliche Schulbildung zu bekommen und einen Job. Rassismus würde ich das nicht direkt nennen. Aber eine Chancenungleichheit gegenüber den, nun ja, richtigen Franzosen, die existiert schon. Sarkozy hat nicht versucht, diesen Konflikt zu entschärfen, im Gegenteil. Er hat die Jugendlichen in den Vorstädten beleidigt, etwa mit der Kärcher-Bemerkung.



Sprichst du aus persönlicher Erfahrung?

Oh ja. Ich kenne viele, die Probleme haben, einen Job zu finden; die ihren Lebenslauf losschicken und prompt eine Absage erhalten haben. Ich hatte das Glück, mit Fußball weiterzukommen. Aber das ist eher die Ausnahme.

Inwiefern hat Volker Finke eine Rolle gespielt in deiner Karriere als Fußballer?

Er war und ist wichtig für mich. Ihm habe ich es auch zu verdanken, dass ich an die Freiburger Fußballschule gekommen bin. Er hat mir beigebracht, was es heißt, Profifußballer zu sein. Das zeigt sich konkret in Spielsituationen, die ich als Amateur anders eingeschätzt habe: Wann spiele ich ab? Wann versuche ich es allein? Ich muss immer noch viel lernen.

Du bist algerischer Nationalspieler. Am 24. März habt ihr gegen Kap Verde 2:0 gewonnen, in der Qualifikation um die Afrikameisterschaft 2008.

Ja, das Spiel war in Algier. Verrückt, ich habe so etwas noch nie zuvor gesehen. Ein Riesenstadion, 85 000 Fans. Es ging wahnsinnig ab. Alle haben gesungen, niemand blieb ruhig. Alkohol gibt es da keinen. Momentan sind wir Spitzenreiter unserer Gruppe.



Wie unterscheidet sich das Spielsystem der algerischen Nationalelf und dem des SC Freiburg?

Ich habe ja erst zwei Spiele als Nationalspieler absolviert. Aber zumindest gegen Kap Verde haben wir mit dem gleichen System gespielt wie in Freiburg.

Auf welcher Sprache kommuniziert Volker Finke eigentlich im Training?

Immer auf Deutsch. Man muss die Sprache nicht perfekt beherrschen, um seine Anweisungen zu verstehen. Das Fußball-Vokabular ist doch begrenzt.

Habt ihr Deutschunterricht?

Ja, bei Stefanie in der Fußballschule. Wenn ein Spieler deutsch lernen möchte, kann er sich an sie wenden.

Sprichst du auch arabisch?

Nein. Allerdings verstehe ich immer ungefähr, um was es geht, wenn jemand arabisch spricht. Ich will es lernen. Meine gesamte Familie spricht untereinander hauptsächlich arabisch. Da ich aber von Anfang an in Frankreich aufgewachsen bin, habe ich es nie richtig gelernt.

Unterscheidet sich dein Französisch von dem, wie es etwa Jonathan Pitroipa spricht?

Nein, im Grunde nicht. Die Grammatik ist ja die gleiche. Pitroipa und auch Sanou und Bouba (Diarra) konstruieren höchstens die Sätze ein wenig anders als ich. Es unterscheidet sich ein bisschen vom Strasbourger Schulfranzösisch.

Dein bester Freund im Team?

Soumaila Coulibaly.



Du hast sechs Monate in Freiburg gewohnt. Jetzt lebst du wieder in Strasbourg. Warum?

Ich hatte hier ein Appartement, habe es gekündigt und innerhalb der Kündigungsfrist kein neues gefunden in Freiburg. In Strasbourg habe ich dann was Schönes bekommen. Ich pendele mit dem Auto, pro Fahrt etwa 40 Minuten.

Sportlich.

(lacht) Normal.

Musik auf der Autobahn?

Meistens nichts. Einfach Ruhe. Die Umgebung ist schon laut genug.

Denkst du dir in solchen Momente diese Wahnsinnstore aus, wie jenes, das du in Köln geschossen hast?

(lacht wieder) Viele haben mich darauf angesprochen und mich gefragt, warum ich gewartet und den Ball dann über den Torwart gelupft habe. Ich war erst nicht sicher, ob der Schiedsrichter die Situation als Abseits abpfeifft. Deshalb das Innehalten und der Blick nach rechts. Es war aber alles okay. Also habe ich versucht, den Ball schön unter die Latte zu heben. Es hat geklappt.

Haben deine Eltern das Tor gesehen?

In Köln waren sie nicht dabei. Aber ansonsten kommen sie immer ins Freiburger Stadion, wenn ihnen das möglich ist. Überhaupt kommen viele Strasbourger, um den SC Freiburg zu supporten, seitdem sie wissen, dass einer von ihnen dort spielt. Meine Kumpels schauen jeden Sonntag DSF, um zu schauen, wo wir stehen.



Was kocht deine Mutter, wenn du dich für einen Besuch ankündigst?

Meist eine algerische Spezialität, die ich mir nicht selber zubereiten kann. Ich mache mir ja meist nur Reis oder Nudeln.

Ein Bier dazu?

Nein. Auch wegen meiner Religion. Aber es schmeckt mir auch gar nicht. Ich habe es ja schon mal probiert. Keine Ahnung, was ich trinken werde, falls wir aufsteigen. Dann ist alles möglich.

Gehst du am Sonntag zur Wahl?

Selbstverständlich. Das ist Pflicht. Nach diesem Gespräch dürfte dir auch klar sein, wen ich wähle.

Vielen Dank für die Verständigungshilfe an Anne-Julie Maurer