Kann losgehen

Linda Zimmermann

Das Vorglühen ist ein Ritual, das Eltern beargwöhnen und Jugendliche lieben. Vor dem Clubbesuch trifft man sich, um die ersten Drinks zu kippen - weil es günstiger ist als in der Kneipe - und so gesellig. Linda (20) hat sich mit drei Jungs am Wochenende getroffen. Ein Warmtrinkreport zwischen billigem Korn, Kartenpusten und Männergesprächen.



19.50 Uhr: Supermarkt

Ich stehe mit zwei Jungs vor einem Supermarkt. Sie wollen Alkohol kaufen. Welchen, das wollen sie drinnen besprechen. Vor dem Alkoholregal, den harten Sachen natürlich, beginnt die Diskussion. Schnaps? Wenn ja, welchen? Oder doch Whiskey? Was ist mit Baileys? "Nee, das macht nur den Bauch voll und man wird nicht betrunken", sagt Kai. Also kein Baileys. "Die ganz billigen Sachen schmecken einfach scheiße", meint Joschua während er die Preisangebote liest. "Ich wäre für Whiskey Cola, das ist grad im Angebot. Und Bier."

Weil Kai keinen Bock mehr hat auf Diskutieren und der Laden gleich zu macht, einigt man sich darauf. Sie spendieren mir noch eine Flasche Sekt und so verlassen wir das Geschäft mit nem Kasten Bier, zwei Flaschen Jim Beam und Cola. Draußen ist es mittlerweile ziemlich kalt. Wir beschließen, das Vorglühen nach drinnen zu verlegen. "Wir können zu mir in den Keller gehen", schlägt Joschua vor.



20.30 Uhr: Transport

Der Fußmarsch dauert 40 Minuten. Offenbar gehört das genüssliche Herumtragen der Alkoholika zum Ritus des Vorglühens dazu. Nach einer Zigarettenpause stehen wir vor einem fünfstöckigen Mehrfamilienhaus. "Wir gehn einfach schon mal runter. Sven kommt sicher wieder später." Unten setzen wir uns auf eine ziemlich ramponierte und mit Flecken übersäte Eckcouch.

Es werden Gläser geholt, ein Aschenbecher steht bereits auf dem Tisch. Leere Bierkästen stapeln sich in einer Ecke. Die beiden Jungs sitzen gegenüber von mir und grinsen. Der eine streckt sich: "Jetzt kanns losgehn." Musik geht an, irgendwas von Bob Marley. Eine Stehlampe verbreitet gedämpftes Licht.

21 Uhr: Jungsgespräche

Jeder der Jungs raucht eine nach der anderen. Der kleine Raum hat keine Fenster, der Rauch hängt in der Luft. Das dritte Bier wird geöffnet, jetzt noch mit einem Öffner. Ich nippe noch an meinem ersten. Die Jungs trinken schnell. Sie reden. Ein Vater hat einen neuen Geschäftswagen: "Ein geiles Gerät sag ich dir! Kanns kaum erwarten, bis ich endlich meinen Lappen hab!" Sie fachsimpeln über Autos und Auspuffe.



22 Uhr: Whiskey Madeleine

Die Tür geht auf, ein dritter Junge kommt rein. Sie begrüßen sich mit lässigem Handschlag. Er setzt sich neben mich, holt aus seinem Rucksack eine Schnapsflasche. "So Jungs, ich hoffe ihr seid noch fit!" Das Bier ist schon fast leer. Die erste Whiskeyflasche wurde vor wenigen Minuten geöffnet, die Mischungen sind ordentlich. Dreiviertel Whiskey, einviertel Cola, sie leeren die Gläser schnell, es ist schon zehn und man will noch in die Stadt. "Madeleine ist heute auch da!" Joschua grinst. "Ach, die kann doch nix. Die ist doch flach wie n Brett!" Der Neuhinzugekommene lacht. Mit geübtem Griff dreht er den Verschluss der Kornflasche auf. "Shit, ich hab Brause vergessen. Die Mischung haut immer so schön rein. Na ja egal, dann muss es halt so runter."

Er setzt die Flasche an und trinkt ein, zwei Schlücke. Sein Mund verzieht sich zu einer angewiderten Grimasse. Schnell öffnet er ein Bier an der Tischkante und trinkt in schnellen Zügen nach. "Du bist ja auch n Penner!", sagt Joschua beleidigt. "Du hast doch keine Ahnung von Mädels, du kannst ja noch nich mal richtig trinken." Die Stimmung ist angespannt. Der Dritte im Bunde, Kai, versucht zu schlichten. "Lasst uns doch was spielen. 'Einmal Koma und zurück' ist geil." Sie erklären mir, dass es sich dabei um ein Kartenspiel handelt.



22.30 Uhr: Kartenpusten

Das Thema Madeleine ist wieder vom Tisch. Neu hinzu gekommen sind  Shotgläser, randvoll mit Korn und Whiskey, pur. Die Cola ist leer und so wird eben mit Bier nachgetrunken. Inzwischen spielen wir Kartenpusten, das ist eher simpel. Ein Kartenstapel liegt auf einem Glas, reihum wird versucht, so viele Karten wie möglich herunter zu pusten. Derjenige, bei dem die letzte Karte herunterfällt, muss ein Shotglas exen, also in einem Zug trinken.

Das Spiel zeigt Wirkung. Die Jungs ziehen ihre Pullover aus, ihre Gesichter röten sich, die Jungs prusten los, wenn schon wieder die letzte Karte auf dem Tisch gelandet ist. Die Pinkelpausen häufen sich. Die Zigaretten sind alle. Kai steht auf, kippt nach vorne, muss sich auf dem niedrigen Tisch abstützen.

Zwei leere Bierflaschen kippen um. Die anderen beiden lachen, hauen sich auf die Schenkel. Kai steht wieder aufrecht, nur die Farbe ist aus seinem Gesicht gewichen. "Geh mal schnell zur Tanke. Kippen holen. Dann können wir los." Die Sätze sind abghackt und wegen der schweren Zunge kaum zu verstehen.



23 Uhr: Heiterkeit

Die Konversation ist fast ununterbrochenen Lachsalven gewichen. "Hab grad so Bock zu tanzen!" "Oh ja Mann, lass uns bald losgehn." "Madeleine ist schon ne heiße Chica! Ich schwör dir, heute sag ich ihr, dass sie das Geilste ist was so rumläuft!" Lachen. Immer wieder nehmen sie sich vor, bald aufzubrechen, doch der Alkohol macht müde und das Sofa ist bequem. Man liegt in den Polstern, Aufstehen ist außerdem viel zu gefährlich. Es dreht sich wohl auch so schon alles.



24 Uhr: Aufbruch

Drei wankende und lachende Jungs machen sich auf den Weg in die Stadt. Zu Fuß. Es sind etwa vier Kilometer. Madeleine wartet angeblich in der "Nachtschicht". Aber einen genauen Plan scheinen Kai, Joschua und Sven nicht zu haben. Ob sie angekommen sind, werden sie mir erst morgen erzählen.