Kamasi Washington hat dem Zelt-Musik-Festival einen erhabenen Moment geschenkt

Bernhard Amelung

Großer Auftakt für das Zelt-Musik-Festival: Zwei Tage vor der eigentlichen Eröffnung hat Jazz-Star Kamasi Washington ein exklusives Vorabkonzert im Zirkuszelt gespielt. Ein Abend voller politischer Botschaften und magischer Momente.

Kamasi Washington steht auf der Bühne des Zirkuszelts. Er trägt einen schwarzen Umhang und schweren, mit blau-grün schimmernden Steinen besetzten Goldschmuck. Sein Haar hat er zu einem voluminösen Afro gekämmt. Er greift zum Mikrofon, schließt die Augen und spricht mit leiser Stimme.


"Ich muss nicht so aussehen wie du, um dich zu lieben. Ich muss nicht so sprechen wie du, um dich zu lieben. Ich muss nicht dasselbe glauben, um dich zu lieben."

Washingtons Geschenk ist die Musik

Washington hat an diesem Abend, dem Auftakt zum Zelt-Musik-Festival, eine Botschaft. Sie lässt sich mit dem Wort Liebe zusammenfassen. Es ist eine Liebe, die nicht haben, sondern schenken will; eine Liebe, die den anderen Menschen in seinem Anderssein begreift und annimmt.

Washingtons Geschenk an die rund Tausend Gäste auf dem Mundenhof ist die Musik. Er begreift sie als Sprache, die jeden Menschen egal welcher Herkunft und welcher Kultur erreicht. Dieser Ansatz baut auf dem Hauptanliegen einer Bewegung auf, als deren musikalischer Botschafter er gilt: Black Lives Matter – Schwarze Leben zählen.

Soundtrack afroamerikanischer Bürgerrechtsbewegung

Bei ihm, 1981 in Los Angeles geboren und im Bezirk South Central aufgewachsen, wird der Jazz wieder zu dem, was er in den späten Fünfzigern und Sechzigern einmal war: der Soundtrack der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Davon zeugen Songs wie "Malcolm’s Theme", "The Message" oder "The Rhythm Changes", alle enthalten auf seinem Debütalbum "The Epic", das 2015 erschienen ist.

Darauf und auf dem 2018 erschienenen Folgealbum "Heaven And Earth" spannt Washington den Bogen vom Free Jazz der Sechziger und Siebziger zu kosmisch-psychedelischen Klängen zu Afrobeat, Elektrofunk und HipHop. John Coltrane, Pharoah Sanders, Sun Ra und George Clinton in einer Person.

Magische und erhabene Momente

In Freiburg setzen Washington am Saxophon und seine Musiker – Miles Mosley (Bass), Brandon Coleman (Keyboard), Ryan Porter (Trompete), Rickey Washington (Flöte) – zum Song "Truth" an, erschienen 2017 auf der EP "Harmony Of Difference". Dieser rund 13 Minuten lange Song baut auf Elementen der fünf anderen Stücke der EP auf, "Desire", "Humility", "Knowledge", "Perspective" und "Integrity".

Jede Stimme bleibt so eigenständig und wird gleichzeitig zur Partnerstimme der anderen. Die musikalischen Dimensionen gehen nicht nur in die Länge, sondern in die Tiefe. Das erst recht, kaum dass die Schlagzeuger Tony Austin und Ronald Bruner Jr. mit ihrem Call-and-Response-Spiel einsetzen. Ein magischer Moment, dem Kamasi Washington auch eine Solo-Einlage widmet.

Zum Abschluss noch einmal Politik. "Our time as victims is over. We will no longer ask for justice. Instead, we will take our retribution", singt, vielmehr deklamiert Sängerin Patrice Quinn. Den langwierigen Kampf um die Gleichberechtigung hör- und körperlich spürbar machen, ist eine Leistung, die sich Sängerin Quinn, die Band und Mastermind Kamasi Washington ebenbürtig teilen. Ein erhabener Moment. Dann treten Washington und seine Band ab. Keine Zugabe. Warum auch. Es ist alles gesagt.

Danach kann eigentlich nur Stille kommen.