Kafka in Taucherschuhen

Rebecca Schnell & Nadja Röll

In einer neuen Serie stellen Nadja und Rebecca regelmäßig Theaterstücke in Freiburg vor. Dabei werfen sie auch einen Blick hinter die Kulissen. Als Auftakt berichten sie über Kafkas "Process" in einer Inszenierung von Jarg Pataki im Stadttheater. Anschließend erfahrt ihr, worüber sich Alexander Albiker, der Leiter der Werkstätten, den Kopf zerbricht, wenn die Bühne in ein Wasserbad verwandelt wird.



Die Premiere: „Der Process“

„Ohne dass Josef K., Prokurist einer angesehenen Bank, etwas Böses getan hat, wird er am Morgen seines 30. Geburtstags von drei Männern in Zivil verhaftet.“
So lautet der erste Satz in Kafkas Roman „Der Process“, der im Stadttheater Freiburg als Schauspiel von Regisseur Jarg Pataki inszeniert wird. Kafkas Abgründigkeit übersetzt er bildgewaltig in eine symbolische Wasserorgie, die ganz tief auf den Grund, ins Innerste des Menschen führt.

Die Abgesandten des Gerichts verwickeln den Durchschnittsbürger K. (gespielt von Florian Schmidt Gahlen) in einen mysteriösen Prozess. K. dürfe sich frei bewegen, seiner Arbeit nachgehen, und doch sei er verhaftet. Eine schiefe Bühne, der schrille Wahnsinn der Haushälterin und die dissonanten Kommentare des glatzköpfigen Chortrios deuten erste Risse im Gefüge der Normalität an.
In einem vergeblichen Versuch, seine Lage zu begreifen, begibt sich K. auf die Suche nach dem Gericht. Eine lüsterne Putzfrau mit Halbglatze und wasserblondem Schweif verstrickt K. immer tiefer in die undurchdringlichen Gesetzmäßigkeiten des Gerichts, bis er schließlich in das Innere des Gerichts geführt wird.

Nach und nach hebt sich der Vorhang und es zeigt sich eine wasserüberflutete Unterwelt mit angestrahltem Wasserfall. Sphärische, elektronische und klassische Musikelemente sowie die subtile Beleuchtung verleihen dieser (Alp-)Traumlandschaft etwas Schwebend-Schimärisches. Im Wasser lösen sich alle festen Kategorien auf, dem Menschen wird buchstäblich der Boden unter den Füßen entzogen.

Unzählige Märchenwesen schlagen K. mit Bewegungen und Geräuschen in ihren Bann. So trifft er auf den Advokaten, einen dämonischen Magier und dessen intrigante Geliebte, die in einem grünen Nymphenkleid auf Schwimmflossen über das Wasser schliddert. Wo der arme K. auch hinsieht, überall reckt sich ihm seine eigene Triebhaftigkeit in Form riesiger Brüste und Phalli entgegen. Doch das Wasser birgt auch Reinigung für den „unschuldig Schuldigen“: In einer dritten Ebene eröffnet sich eine Tribüne, auf der schwarzbekleidet und mit dem Rücken zu K. und dem Publikum der Chor sitzt.

Im Zentrum des Gerichts erzählt ihm ein Priester die Torhüterparabel, bevor der Chor sein feierliches „Agnus Dei“ anstimmt.
Am Morgen seines 31. Geburtstags wird K. von zwei Clowns abgeholt. Jedoch führen nicht sie ihn, sondern er sich selbst in den Tod. Das rätselhafte Schlussbild: Auflösung des Raums in schillerndem Licht und Wasser. Die Fabelwesen verschwinden eines nach dem anderen hinter einer Tür.

Hinter den Kulissen: Die Werkstätten

Vom Zuschauerraum aus sieht man nur Wasser. Was steckt dahinter und darunter? Wir fragten Alexander Albiker, den Leiter der Werkstätten.

Die komplette Bühne unter Wasser zu setzen, bedeutete insbesondere für die Technik einen Kraftaufwand: „Mein erster Gedanke war: Oh Gott, wie sollten wir das Wasserbecken so dicht machen, dass ich ohne Bauchschmerzen einschlafen kann?“, erinnert sich Albiker. Denn bei jeder Vorstellung werden 17.000 Liter Wasser in ein vorgefertigtes Bassin eingelassen, das heißt 17 Tonnen Traglast. „Unter der Bühne befinden sich die Elektrik und die Antriebe für die Drehscheibe. Es wäre eine Katastrophe, wenn Wasser auslaufen würde“, so der 44-jährige, der nach 15 Jahren Arbeit an verschiedenen Bühnen in Deutschland und in der Schweiz wieder in seine Heimatstadt Freiburg gekommen ist.



„Meine Horrorvorstellung war, dass das Theater überflutet wird, nur weil der Prozess spielt.“

Damit jede Aufführung eine wasserdichte Angelegenheit ist, ziehen die Bühnenarbeiter zwei dicke LKW-Planen in einen zwölf Zentimeter hohen Holzrahmen. „In circa fünf Stunden muss der ganze Aufbau über die Bühne gebracht werden“, erklärt der Werkstättenleiter. Dazu gehört auch, die Wassermassen mit zwei Feuerwehrschläuchen in das Becken zu füllen, die Scheinwerfer einzustellen und den Regenvorhang mitsamt seines Pumpsystems zu installieren.





Neben dem technischen Aufwand sieht Albiker die Besonderheit des Bühnenbildes vor allem im Zusammenspiel von Schauspielern und Wasser: „Es war eine Freude, die Schauspieler bei der ersten Probe im Wasser wie Kinder planschen zu sehen“, erzählt der gelernte Ingenieur für Theater- und Veranstaltungstechnik.

Aber das Spiel im Wasser bedeutet nicht nur Spaß: Die Schauspieler müssten mit ihrer Stimme permanent gegen das Rauschen des Wasserfalls ankämpfen. Außerdem sei das Wasser so kalt, wie es aus der Leitung komme. Obwohl die Schauspieler alle Taucherschuhe tragen würden, staunt Albiker über ihre Robustheit: „Die sind hart im Nehmen. Besonders Florian Schmidt Gahlen, wenn er als K. ausgestreckt im Wasser liegt.“

Pataki begeistert durch eine äußerst einfallsreiche und atmosphärisch dichte Transformation der Romanvorlage. Dieses Stück dürfte ein Höhepunkt der Spielzeit sein.

Mehr dazu:

Theater Freiburg: Website
Was:
Der Process
Wann: Weitere Aufführungen im Februar Samstag, den 10.02., Samstag den 17.02., Donnerstag, den. 22.02. und Samstag, den  24.02., Beginn jeweils um 19.30 Uhr
Wo: Theater Freiburg
Kartenreservierung: 0761-2012853