Kämpfer mit Köpfchen: Behnoud Fattahi ist Geschichts-Tutor an der Uni und Thaibox-Lehrer

Martin Jost

Behnoud Fattahi ist zweifacher Europameister im Kickboxen und betreibt in Freiburg eine Thaibox-Schule. Und Behnoud studiert Geschichte und Deutsch auf Lehramt. In Geschichte unterrichtet er ein Tutorat. fudder-Autor Martin hat ihn getroffen und wollte verstehen, wie es ist, in so unterschiedlichen Welten zu Hause zu sein.



Ein Fitnessstudio im Norden Freiburgs, halb neun Uhr abends. Aufwärmen in der Halle, die Behnoud für seinen Thai Box Club mietet. Neun Leute und Co-Trainer Buck sind zum Training gekommen. Ich bin nur Zuschauer.


In der Stereoanlage war noch eine CD mit Rummelplatztechno, die wahrscheinlich sonst zu Step-Aerobic läuft. Behnoud hat sie voll aufgedreht. Er steht ganz vorn, mit dem Rücken zur Gruppe, aber er sieht alle im Spiegel. Seine Kommandos ruft er laut über die Musik. Seine Stimme ist gut in Form. Brüllen braucht er nicht.

Seilspringen wechselt sich ab mit Liegestützen, dann Schattenboxen mit Hanteln, dann Laufübungen, dann Reaktionstraining. Behnoud sagt – ungefähr alle 20 Minuten –: „Trinkt 'nen Schluck! Aber nicht so viel auf einmal!“

Dann Dehnungsübungen. Inzwischen sitzt jeder am Boden in seiner eigenen Schweißpfütze. Behnoud gibt kleine, positive Hinweise, wenn jemand etwas korrigieren muss.

Er hat mich überredet, ein bisschen mitzumachen. Ich kann die meisten der Aufwärmsachen, außer Seilspringen. Dann ziehe ich mir noch Boxhandschuhe über und schlage ein paar mal auf einen Sandsack. Was ich nicht wusste über Boxhandschuhe: Sie stinken schlimmer als die ranzigsten vorstellbaren Turnschuhe. Ich muss Hände waschen, sonst wird mir schlecht.

Ich habe noch am selben Abend Muskelkater, am nächsten Tag kann ich kaum laufen. Was mir mein Körper damit sagen will, ist klar: Mach das nie wieder! Das ist nichts für dich.

Behnoud sagt: „Wenn ich nach dem Training Schmerzen habe und Muskelkater, spüre ich: Geil, du lebst.“

Auf die Fresse

„Vielleicht kann man sagen, dass Leute, die diesen Sport machen, ein bisschen masochistisch veranlagt sind“, räumt er ein. Das Gegenteil von Haudraufs. „Ich bin absoluter Pazifist“, sagt er. Mit Lust an Prügelei hat Thaiboxen für ihn nichts zu tun.

Im Gegenteil, Respekt vor dem anderen spielt für ihn eine große Rolle. Um sich schauen und die anderen wahrnehmen. „Wenn ich sehe, dass die Kids heute sitzen bleiben, obwohl Alte oder Kranke in der Bahn stehen, wundert mich das. Wir hatten früher Respekt und sind aufgestanden“, sagt er. Sein Respekt kam aus dem Sport, da ist er sicher.

Behnoud (Betonung auf der ersten Silbe; kurzes „e“; kurzes „o“; das „u“ wegdenken) hat schon so richtig auf die Fresse bekommen. Aber öfter hat er wahrscheinlich ausgeteilt.

Behnouds Sport, Thaiboxen oder Muay Thai, ist der Nationalsport Thailands. Im Gegensatz zur abgeschwächten Form Kickboxen sind Knie und Ellenbogen mit im Spiel. Ein Kampfsport, bei dem in Profiturnieren kein Kopfschutz getragen wird. Jeder vierte bis fünfte Kampf endet mit einem K.o. „Das heißt, dass einer von beiden zu erschöpft ist, um weiter zu kämpfen – oder dass bei ihm einfach die Lichter ausgehen“, sagt Behnoud.



Behnoud hat schon erfolgreich um Titel gekämpft. Er ist in seiner Gewichtsklasse um die 65 Kilo Deutscher Meister im Kickboxen im Verband IOBF und zweifacher Europameister im Kickboxen im Verband TKI.

Er stellt sich in einen Ring, um sich mit einem anderen Typen zu kloppen. Er kassiert Tritte und Faustschläge. Er riskiert, derjenige zu sein, bei dem „die Lichter ausgehen“. Warum macht er das?

„Wenn ich in den Ring gehe, ist das Ziel natürlich nicht, einzustecken. Sondern, ich will gewinnen.“ Schon klar. Aber einer von beiden kriegt nun mal eine Faust zu viel an den Schädel. Warum gibt man sich das? Mein Begriff von jener Welt ist ein beschränkter.

Die Kopfwelt

Ich treffe Behnoud in dieser Welt. „Diese Welt“ steht hier für „aus meiner Perspektive diesseits des Sports.“

Es ist Freitagnachmittag. Behnoud unterrichtet sein Tutorat. Als fortgeschrittener Student der Geschichte (Lehramt) bringt er unwesentlich jüngeren Kommilitonen die Arbeitstechniken ihres Faches bei.

Zuerst: organisatorische Bemerkungen zur Datenbankschulung nächste Woche. Behnoud sitzt an seinem Tisch vor den 17 Teilnehmern. Vor ihm stehen eine Tasse Tee und eine Flasche Wasser. Seine Unterlagen hat er auf sechs ordentliche Stapel sortiert. Er spricht frei. Seine Stimme trägt weit, ohne dass er sich anstrengt.



In dieser Sitzung sollen die zehn Studentinnen und sieben Studenten die gründliche Quellenkritik an einer historischen Fotografie üben. Behnouds Unterrichtsstil ist gelassen und positiv. Er erklärt weniger, als dass er die Teilnehmer aktiviert. Er macht eine Zusammenfassung und schließt dann eine neue Frage an. Er lässt keine Rückmeldung unkommentiert und findet in jeder Rückmeldung einen Teil der richtigen Antwort.

Behnoud spricht einwandfreies Hochdeutsch ohne überkorrekt zu wirken. Zu den Leuten, die jetzt einen Kurzvortrag über Psychiatriegeschichte halten: „Ihr dürft gerne vorkommen um den offiziellen Charakter eures Referats zu unterstreichen.“ Und als die Referenten seinen Tisch einnehmen: „Soll ich hier irgendwie weg?“

„Ja.“

Entscheidung

„Als ich das erste Mal im Ring stand, habe ich zwar gewonnen, aber danach erst mal eine Viertelstunde gekotzt“, erzählt Behnoud. Das war bei einem Kickbox-Turnier 2007 oder 2008. Behnoud war nicht fit genug für die Strapazen dieses Wettkampfs. Außerdem hatte er als Boxer trainiert und war nicht gewohnt, sich mit dem Fuß auch gegen Tritte zu decken. Eine Woche lang ging er an Krücken, wegen der Blutergüsse an den Beinen.

„Da habe ich gemerkt, dass ich richtig hart arbeiten muss, um gut zu werden.“ Von einem, der den Sport „nur so lari-fari“ machte wurde er zu einem, der sein Leben nach dem Training ausrichtete: bewusst essen, keinen Alkohol, nicht mehr rauchen, viel weniger feiern gehen, viel strengere Selbstorganisation. Und so oft er kann, fliegt er nach Thailand und trainiert in den dort zahlreichen Gyms. Abseits der Touristenregionen ist das Training sehr anspruchsvoll – und sehr spartanisch. Von morgens bis abends Sport, nachts schlafen alle auf dem Boden. „Manchmal gibt es nur einen Wasserbecher, aus dem alle trinken.“

Behnouds Eltern haben ihm bescheinigt, dass er ruhiger, gelassener, freundlicher und strukturierter geworden ist. „Thaiboxen hat meinem Leben eine Richtung gegeben.“

Als Kind kam Behnoud durch seinen großen Bruder zum Kampfsport. Zuerst wollte er machen, was der auch machte.

„Du musst vielleicht 20-mal gegen einen Boxsack treten. Beim 21. Mal merkst du: Ich komme schon höher als davor.“ Anstrengung im Training bringt Erfolge. Im Sport noch unmittelbarer als in der Schule. Aber Behnoud sagt, vom Sport aufs Lernen hat er die Erkenntnis schon damals übertragen.

Nach der Grundschule kam er aufs Gymnasium. Wenige Jahre später fand er sich in der Hauptschule wieder. „Wo bin ich hier eigentlich gelandet?“, fragte er sich.

„Ich hatte in der Pubertät einfach andere Sachen im Kopf als Schule.“ Wie schlimm er war? „Nichts Wildes. Ich habe halt Zeug gemacht wie Weggehen, Rumhängen, Bier trinken, Schäkern. Aber die Lehrer haben nur gesehen, dass ich die Leistung nicht bringe.“

Behnouds Erdkundelehrer, der ihn im Unterricht auch mal „Kameltreiber“ nannte, in einer Sprechstunde zu den Eltern: „Wenn Ihr Sohn so weiter macht, landet er im Knast.“

Behnoud arbeitete sich von der Hauptschule auf die Realschule und dann wieder zurück aufs Gymnasium. In der Zwischenzeit, sagt er, habe sich nicht nur seine Einstellung verbessert, sondern auch sein Deutsch.

Hier wie da ein guter Lehrer

Die Thaibox-Schule wird wohl nicht Behnouds Hauptberuf werden. Das Lehrersein und das Thaiboxlehrersein miteinander zu verbinden, kann er sich aber schon vorstellen. Sport-AGs in Schulen: Mangelware. Und er ist überzeugt, dass Thaiboxen jedes Kind respektvoller, achtsamer und selbstbewusster machen würde.



Behnoud glaubt, dass es einige Kids gibt, die im Schulsystem versagen, obwohl sie das nicht müssten. Er hofft sogar, dass sich endlich auch Schüler in seiner Muay-Thai-Schule anmelden. Allein aus dem Sport würden sie Erfolgserlebnisse und Struktur ziehen und ihre Noten würden sich verbessern. Wo nötig, würde aber auch Nachhilfe zu Service gehören.

Behnouds Eltern, Akademiker aus dem Iran, kamen nach der islamischen Revolution als Flüchtlinge nach Deutschland. Zu Hause spricht man Persisch. Mit seinen Freunden sprach Behnoud Deutsch, aber kein Hochdeutsch. Damals in Weingarten wohnten keine Deutschen im Viertel.

In der Grundschule war sein Deutsch ausreichend, im Gymnasium musste er aufholen, um sprachlich mitzukommen. So richtig habe er es erst in der Uni gelernt. „Da habe ich mir systematisch die ganzen Regeln, Zeichensetzung und gewisse rhetorische Kniffe erarbeitet.“

Warum hat er den Rückschlag in der Schule nicht schwerer genommen? „Es ist ein gutes Gefühl, an sich zu arbeiten und zu merken, wie man besser wird.“

Als Kind von Immigranten spüre er einen großen Assimilationsdruck. „Ich will zeigen: Ich bin genau so gut. Oder besser.“

„Man will die Leute schon übertreffen. Sport und Bildung waren für mich die Mittel dazu.“

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[Fotos: Training: Marius Notter; Tutorat: Martin Jost]