Kabarett und Klassik erster Klasse

Lorenz Bockisch

Das Publikum war restlos begeistert: Am Montagabend trat im großen Zelt der Kabarettist Dieter Hildebrandt auf, begleitet von den 6 Philharmonischen Cellisten Köln. Es begann mit einem harmlosen Stück von Chopin, worauf Hildebrandt auf die Bühne stürzte und diese "Fahrstuhlmusik" unterbrach, um dem Publikum, das deutlich zu seiner Generation zählte, ein paar seiner schmähenden Kommentare aufzudrücken.

Es folgte ein munteres Wechselspiel aus wunderbar arrangierten Stücken von Hindemith, Haydn, Chopin, und Beethoven, und agil vorgetragenen, größtenteils aktuellen Texten des inzwischen 79-jährigen Kabarettisten.Die Cellisten unter der Leitung von Werner Thomas-Mifune verstanden es dabei hervorragend, die in wohlbekannte Klassiker gesetzten Erwartungen durch überraschende Einsprengsel (aus Betthovens 5. Symphonie kam plötzlich die Marseillaise) zu zerstören und mit kleinen Zitaten aus Pop und lateinamerikanischen Rhythmen neuen Schwung in vermeintlich verstaubte Allerweltsmusik zu bringen. Durch das Vermischen von wohlbekannten Nationalhymnen, womit auch das unvermeidbare Thema Fußball-WM abgehandelt wurde, die Vertonung eines Artikels aus der Bild-Zeitung und das Abspielen des Neujahrskonzerts der Wiener Philharmoniker in drei Minuten ("Rekordversuch") bewiesen die sechs Streicher, dass das Violoncello eines der universalsten Instrumente und wie für Musik-Comedy geschaffen ist.Zum Höhepunkt spielten zwei Musiker auf einem Cello einen Strauß-Walzer, dessen unbeschreibliche Slapstick-Komik die Zuschauer mit aufgerissenen Mündern staunen, lachen und applaudieren ließ. Dieter Hildebrandt verschoss zwischendurch immer wieder seine wortgewandten und wohlpointierten Salven auf das politische System, den bayrischen Katholizismus, Fernsehen, die mit Fußballweisheiten um sich werfenden Kerner-Beckenbauer-Delling und die ihm sehr am Herzen liegende Bild-Zeitung. Er bewies damit zum wiederholten Male, dass er immernoch einer der besten und feinsinnigsten Beobachter der Probleme unseres Landes ist, weshalb man ihm das Aufwärmen alter Geschichten aus früheren Programmen als Altersweisheiten durchgehen lassen kann.Zur Verabschiedung verlas er noch eine über 120 Jahre alte Predigt eines gewitzen bayrischen Pfarrers, die nichts an Aktualität eingebüßt hat. Und nachdem die Cellisten ein romantisches Lied zur Nacht zum besten gegeben hatten, gingen alle mit einem Lächeln im Gesicht in selbige hinaus. Es wird unergründlich bleiben, warum das große Zelt nicht völlig ausverkauft war und warum vor allem das jüngere Publikum fehlte.