Freiburger Altstadt

Junggesellenabschiede nerven Anwohner und Kneipenwirte

Lynn Sigel & Fabian Vögtle

Bunt verkleidet und mit Bauchladen ziehen sie durch die Altstadtgassen. Vor allem im Sommer und am Wochenende fallen die Junggesellenabschiede auf. Anwohner beklagen die Zunahme der feierwütigen Gruppen. Einige Kneipen gehen ebenfalls auf Abstand.

Bunt und meist mit Bauchladen ziehen sie durch die Altstadtgassen. Vor allem im Sommer und am Wochenende fallen die Junggesellenabschiede (JGA) auf. Viele Bewohner finden, die Feierei der aus der Region und der Schweiz nach Freiburg kommenden Frauen- und Männergruppen habe ein unerträgliches Maß erreicht. Einige Kneipen und Biergärten verweigern ihnen sogar den Zutritt.


Rosarote Sonnenbrillen für Trauzeugin und Freundinnen, für die künftige Braut gibt’s eine weiße. Die zehn jungen Frauen aus Villingen-Schwenningen sind an diesem Samstag mit dem Auto ein bisschen verkleidet nach Freiburg gefahren, weil es "so ein schönes Städtchen" ist. Sie sind nicht die einzigen ihrer Art, gehören aber zu denen, die unproblematisch sind. Im Sommer sind an einem Samstag 25 bis 30 solcher Gruppen unterwegs, schätzt Chris Gersch.

Der Leiter vom "Schwarzen Kater" an der Bertoldstraße sieht die JGA kritisch und bedient diese in seinem Restaurant mit Terrasse in der Regel auch nicht. Ob geklautes und beschädigtes Inventar, Schlägereien oder Schnaps, der an andere Gäste verkauft wird: "Sowas können und wollen wir nicht tolerieren", sagt Gersch. Freiburg sei ein sehr beliebtes Pflaster für Junggesellen. Viele kommen aus dem Umland und der Schweiz. Vor Jahren warb etwa die Schweizer Bundesbahn mit günstigen Tickets und einem Plakat, auf dem Junggesellen zu sehen waren, für einen "Hangover" in Freiburg.

Verbot zum Schutz von Gästen und Mitarbeitern

Auch bei "Bruder Wolf" im Bermudadreieck will man eine Zunahme von JGA erkannt haben und versucht die Gruppen abzuweisen. "Manche sind witzig, andere aber so betrunken, dass sie den ganzen Laden einnehmen", sagt Mitarbeiterin Vivienne Vautol. Dass man die anderen Gäste nicht abschrecken wolle, ist für viele Gastronomen das wichtigste Argument. Im Feierling-Biergarten sind die oft feierwütigen JGA seit fünf Jahren auch aus einem anderen Grund nicht mehr willkommen.

Nachdem einige Bedienungen ständig belästigt wurden, wählten die Chefs diese Maßnahmen, um das Personal zu schützen. Diese Härte führe zu vielen Diskussionen, etwa wenn eine Gruppe verkleideter Junggesellen vorgibt, lediglich etwas essen zu wollen. Letztlich müsse man die Regel aber konsequent umsetzen.

"Denen ist oft nicht bewusst, dass hier auch Menschen leben" eine Anwohnerin
Und so ziehen die Gruppen oft enttäuscht weiter, zum Beispiel ins "Tacheles" in der Grünwälderstraße, wo man trotz regelmäßiger Vorfälle und Probleme JGA noch akzeptiert und sogar Reservierungen entgegen nimmt. "Juri’s Bar" am Schwabentor spricht die Heiratswilligen auf seiner Homepage sogar mit Cocktail- und Gin-Tonic-Verkostungen bewusst an.

Wer will, kann auch gleich eine Kneipentour buchen. So bietet zum Beispiel Freiburgs Drag Queen Betty BBQ neben ihrer Travestie-Stadtführung auch eine vierstündige Kneipentour an. Gerade im Frühjahr und Sommer verbringen viele der Gruppen ihren Abend auf Plätzen. Neben dem Platz der Alten Synagoge ist das auch weiterhin der Augustinerplatz, nicht gerade zur Freude der Altstadt-Bewohner.

"Denen ist oft nicht bewusst, dass hier auch Menschen leben", sagt eine Anwohnerin und wird wütend: "Es gibt über die Stadtgrenzen hinaus und bis ins Ausland die Haltung, dass man in Freiburg die Sau rauslassen kann. Da müssen wir doch was tun." Sie habe grundsätzlich nichts gegen JGA oder andere Gruppen, die in der Stadt feiern. "Aber die puschen sich gegenseitig hoch und ist es eine Frage des Ausmaßes." Wie andere Innenstadt-Bewohner auch beklagt sie rücksichtloses Pinkeln in Hauseingänge, Müll und Lärm bis in die frühen Morgenstunden.

Stadt und Polizei sehen keine großen Probleme

Sie schlägt vor, besonders große Gruppen bereits am Bahnhof abzupassen und zu maßregeln. Der städtische Vollzugdienst tut dies nicht, stattdessen spricht er auffällige Gruppen im Zentrum immer wieder aktiv an und bitte diese, sich ruhig zu verhalten, sagt Rathaussprecherin Edith Lamersdorf. Dies funktioniere bis auf wenige Ausnahmen. Dass sie lauter sind als andere und sich in der Innenstadt aufhalten, könne man als Stadtverwaltung nicht verhindern.

Auch die Freiburg, Wirtschaft, Touristik und Messe GmbH (FWTM) lehnt Junggesellenabschiede nicht grundsätzlich ab und warnt vor einer Pauschalisierung. Man könne nicht sagen, dass diese Gruppe besonders heraus steche und das Stadtbild negativ präge, sagt Franziska Pankow, die bei der FWTM für Tourismus zuständig ist. "Aber wir werben nicht dafür", betont sie.



Die Zielgruppe für Qualitätstourismus seien weiterhin Individualreisende. Sollte es von der Stadt oder den Gastronomen einen Vorschlag geben, wie man besser mit den JGA umgeht, wolle man einen Austausch gerne unterstützen. An weitere Maßnahmen denkt derzeit jedoch niemand.

Zwar seien die Gruppen nicht zu übersehen, laut Polizei hat es in den vergangenen zwei Jahren aber keine großen Auffälligkeiten im Zusammenhang mit JGA gegeben. Von Straftaten sei nichts bekannt, teilte Polizeisprecherin Laura Riske auf Nachfrage mit.