Junge Zwillinge: Gleich und doch anders

Bianca Fritz

Sie werden verwechselt und in einen Topf geschmissen. Eineiige Zwillinge haben es nicht immer leicht. Auf der Suche nach Identität stoßen sie oft auf ihr Pendant. Bianca portraitiert zwei Zwillingspaare - Gianna und Jana aus Basel sowie die als DJ bekannten Gebrüder Hoppe.



Vor wenigen Tagen hat Gianna sich die Haare schneiden lassen. Die naturrote Mähne trägt sie jetzt kurz und strubbelig. Damit sieht sie plötzlich völlig anders aus als ihre Zwillingsschwester. Vielleicht ist das auch gut so. Denn ein Leben lang nur als eine Person gesehen zu werden, das wollen beide nicht.


Jana hat auch über einen anderen Haarschnitt nachgedacht. „Aber mir steht das überhaupt nicht“, sagt sie und schüttelt so energisch den Kopf, dass ihre Zöpfe nachschwingen. „Das sieht man doch – ich habe ja eine ganz andere Kopfform.“ Die Passanten, die den 15-jährigen Zwillingen Jana und Gianna Arni in der Basler Innenstadt begegnen, sehen das offensichtlich nicht. Sie starren die zwei Mädchen unverhohlen an. „Man hat sich daran so sehr gewöhnt, dass es fast komisch ist, wenn ich ohne meine Schwester unterwegs bin, und die Leute plötzlich nicht mehr schauen“, sagen beide.

Aber das kommt ohnehin nur selten vor. Die eineiigen Zwillinge verbringen 23 Stunden des Tages gemeinsam. Sie schlafen im selben Zimmer, sind in der selben Schulklasse, gehen zusammen zum Shoppen und selbst der Freundeskreis ist ein gemeinsamer. Nur den Musikunterricht nehmen sie getrennt – Gianna lernt Saxophon und Jana Gitarre.

Aber vielleicht gerade weil die beiden äußerlich so gut in fast jedes Zwillingsklischee hinein passen, wehren sie sich so sehr gegen diese. „Erstens: Wir sind keine besten Freundinnen – wir sind Schwestern. Das ist was anderes. Und zweitens gibt es Dinge, die würde ich Jana nie, nie, nie erzählen“, sagt Gianna.

Jana hört das offensichtlich nicht zum ersten Mal. Sie nickt  und sagt: „Ja, das ist bei mir genauso.“

Identische Klamotten? „Das haben wir nie gemacht – so was ist doch krank.“ Ein bisschen ähnlich sind die Klamotten dennoch – heute tragen beide Schwestern Tops mit Totenköpfen darauf. „Unser Geschmack ist eben ähnlich“, geben sie zu. Und da es die Größe auch ist, tauschen sie Kleider auch mal aus. Das schlimmste Vorurteil für die beiden aber ist die Annahme, dass Zwillinge immer das selbe denken. „Es nervt, wenn mich die Leute groß anschauen, nur weil ich Gianna widerspreche“, sagt Jana.

So normal es sich auch anfühlt, dass der andere immer da ist – so sehr kommen beide ins Grübeln, was ihre Zukunft angeht. „Auf gar keinen Fall will ich, dass wir noch als Rentner immer zusammen sind“, sagt Gianna und Jana lacht: „Das wäre schrecklich.“

Nur wann der Schnitt stattfinden soll, wissen beide nicht. Gianna möchte gerne Regisseurin werden, und Jana etwas „ganz anderes machen“. Fragt man aber genauer nach, dann würde Jana auch gerne bei den Medien oder auf einem Filmset arbeiten. Also landen doch beide beim selben Unternehmen? „Ohhh. Das wäre tatsächlich möglich.“

Laut Dr. Angela Grigelat, Psychotherapeutin und Autorin eines Ratgebers für Zwillingseltern, stellt die Identitätsfindung in Pubertät und Jugend viele Zwillinge vor eine doppelte Aufgabe. „Neben den normalen Pubertätssorgen ist da das Ringen um Einmaligkeit – der Wunsch nicht mehr ständig in Relation zum anderen gesehen zu werden.“ Der Ablösungsprozess sei mit vielen Fragen verbunden: Soll man nur von den Eltern oder auch von der Schwester unabhängig werden? Oder soll man es noch genießen in dieser Umbruchszeit einen so engen Vertrauten zu haben?

Ein bestimmtes Maß an Ablösung sei auf jeden Fall nötig, glaubt Grigelat. Sonst hätten die Zwillinge später häufig  Schwierigkeiten. „Ich kenne erwachsene Zwillingsfrauen, die sagen: Ich musste mich erst von meiner Schwester scheiden lassen, damit ich heiraten konnte.“

Aber natürlich entscheidet sich nicht alles in der Pubertät: „Zwillinge, die autonom erzogen worden sind, kommen in der Pubertät häufig besser klar“, sagt Grigelat. Außerdem falle zweieiigen und insbesondere Pärchenzwillingen die Ablösung voneinander oft leichter, weil sich Junge und Mädchen unterschiedlich schnell entwickelten.



Bei Jana und Gianna kommt jetzt wohl langsam die Zeit, in der das Bedürfnis anders zu sein als die Schwester steigt. „Es ist nicht schön, immer nur als ,die Zwillinge‘ wahrgenommen zu werden – wir sind Jana ODER Gianna – zwei unterschiedliche Personen“, sagt Jana. Und Gianna fügt nachdenklich hinzu: „Seltsam, mich stört das erst seit ein paar Monaten. Vorher ist mir das nicht einmal aufgefallen.“ Sind die kurzen Haare vielleicht ein Mittel, um Eigenständigkeit zu zeigen? Gianna: „Das kann ein kleiner Grund sein. Aber hauptsächlich habe ich die Haare schneiden lassen, weil mich die alte Frisur gelangweilt hat.“



Johannes und Joachim Hoppe waren ein Jahr jünger als die Mädchen, als sie erstmals eigene Zimmer bezogen haben. „Davor haben wir auch fast jede Minute zusammen verbracht – ich glaube das ist recht normal, wenn man im gleichen Alter ist“, sagt Joachim. Heute sind die eineiigen Zwillinge 21 und leben in verschiedenen Städten.

„Anfangs habe ich meinen Bruder schon sehr vermisst“, sagt Johannes, der für sein Studium nach Ulm gezogen ist. Andererseits habe er aber auch mal rausgewollt aus seiner Heimatstadt Freiburg. Und Joachim freut sich, dass sich die beiden inzwischen sogar noch besser verstehen als früher. Die eineiigen Zwillinge telefonieren einmal in der Woche. „Mein Bruder ist immer noch der, dem ich am meisten erzähle“, sagt Johannes.

Viel zu erzählen haben sie sich immer: mit Elektrotechnik und Mikrosystemtechnik studieren sie recht ähnliche Fächer, außerdem verbindet sie eine große Leidenschaft: die Musik. Als Gebrüder Hoppe legen die Djs Minimal, Technohouse und Electro in Freiburger Diskotheken auf – früher sehr häufig – heute hauptsächlich in den Semesterferien.

Haben sie als Zwillinge Exotenbonus? „Das ist mit Sicherheit am Anfang ein Merkmal gewesen, mit dem wir herausgestochen sind. Aber um auf Freiburgs heiß umkämpften DJ-Markt eine Chance zu haben, muss man schon auch gut sein“, sagt Johannes. Wenn der Bruder in Ulm ist, legt Joachim auch alleine auf, als Gebrüder Hoppe ohne Bruder. Und ohne Exotenbonus. Überhaupt steht er längst über den vielen Zwillingsklischees. Das zeigt nicht zuletzt sein erster Satz: „Ach? Sie haben schon mit meinem Bruder gesprochen? Dann brauchen Sie meine Meinung ja nicht mehr – wir sind schließlich Zwillinge.“

Infobox

Eineiig – zweieiig

Laut Bundesamt für Statistik kamen in Deutschland 2006 auf 1000 geborene Kinder 32,2 Mehrlinge – 31,2 davon waren Zwillinge. Weltweit betrachtet sind etwa zwei Drittel der Zwillinge zweieiig. Das heißt, dass zwei Eizellen zufällig innerhalb von etwa 24 Stunden von zwei verschiedenen Samenzellen befruchtet worden sind.

Zweieiige Zwillinge müssen weder das selbe Geschlecht noch ein ähnliches Aussehen haben. Anders ist es mit eineiigen Zwillingen. Sie entstehen aus einer Eizelle, die sich nach der Befruchtung teilt (meistens um den achten Tag). Die Erbanlagen sind dann identisch.