Junge Literatur in Freiburg (7): Simon Wasner

Tobias Ilg

Simon Wasner ist 22 und studiert in Freiburg, weil er einmal am Gymasium die Fächer Deutsch, Geschichte und katholische Religion unterrichten will. Simon schreibt aber auch. Anfang des Jahres hat er sein erstes Buch veröffentlicht, die Novelle "Ländliche Dorfromantik". Das zweite Werk soll im Herbst folgen. Wir haben den Jungautor zum Interview gebeten.



Simon, wie bist du zum Schreiben gekommen?

Geschrieben habe ich schon immer gern, angefangen mit Kritzeleien, über Essays bis hin zu Kurzgeschichten. Das erste wichtige Werk, das ich meiner Meinung nach geschrieben habe, war ein Theaterstück im Zuge meines Geschichtsseminars. So habe ich gemerkt, dass es trotz einer großen Zeitspanne möglich ist, eine Idee mit Energie durchzuziehen.

Deine Lieblingsautoren und Vorbilder?

Auf jeden Fall Schiller. Aber auch Brecht hat mich beeinflusst, da er auf einer einzigartigen Art und Weise versucht hat, etwas zu bewegen. Zeitgenössische Autoren, die mir gefallen, sind Daniel Kehlmann und Ephraim Kishon.

Wie schwer ist es heutzutage, ein Buch zu veröffentlichen?

Zuerst eine große Warnung an alle Jungautoren: Nicht so wie ich das Manuskript an sämtliche Verlage schicken! Ich habe die tollsten Angebote bekommen, mit einem dezenten Hinweis, 7000 € vorzustrecken. Auch bei großen Verlagen sehe ich nur sehr kleine Chancen, da sie angeblich nur ein Manuskript aus tausend veröffentlichen. Wer sich dennoch eine Veröffentlichung zutraut, ist meiner Meinung nach bei Books on Demand an einer guten Adresse, da das Buch erst dann gedruckt wird, wenn es jemand bestellt. Zudem hat jeder Autor sämtliche Freiheiten in der Gestaltung. Das Inhaltliche habe ich übernommen, den Umschlag mein Freund und Designer Stefan Grutza. Natürlich braucht man aber auch Glück oder sogar einen Förderer.

Wie lange hast du von der ersten Idee bis hin zur Veröffentlichung gebraucht?

Die Idee ist schon länger in meinem Kopf herumgeschwirrt. Als ich mich dann traute, alles auf Papier zu bringen, habe ich drei Monate gebraucht. Hinzu kommt die Korrekturphase, die bei mir am meisten Zeit in Anspruch nahm. Bis zur Veröffentlichung dauerte es noch mal ein halbes Jahr.

Was fiel dir schwer beim Schreiben?

Da man über einen längeren Zeitraum schreibt, kommt es oft vor, dass man zwischen Stilen springt oder sich Stimmungsschwankungen im Schreiben bemerkbar machen. Die bequeme Korrektur mit dem PC ist da ein großer Vorteil. Meine Endfassung und das Manuskript unterschieden sich stark.

Wer las dein Buch zur Probe?

Meine Familie. Das Endmanuskript wurde zwar korrigiert, aber es finden sich dennoch einige Fehler im Buch. Tipp: Wenn jemand selbst korrigieren will, sollte er sein Manuskript einfach mal einen Monat liegen lassen. Dann kommt es einem ein wenig so vor, als sei es nicht mehr der eigene Text und man findet die Fehler leichter.



Kommen wir zum Inhalt deines Buchs. In der Novelle geht es um die unsauberen Vorgehensweisen von Menschen in hohen Ämtern, Menschen mit Verantwortung. Bist du ein Moralist?

Die Aussage des Buches soll sein, dass man nicht alles, was man hört, für bare Münze nimmt. Die Autoritätspersonen in dieser Novelle spielen ihr eigenes Spiel und wollen sich als Gutmenschen darstellen. Ich möchte zeigen, dass überall ein wenig Heuchelei dabei ist. Jeder sollte eine gewissen Portion Skepsis mitbringen, beispielsweise, wenn es um Versprechungen von Bürgermeistern geht.

Hast du schon persönlich schlechte Erfahrungen mit solchen "Autoritätspersonen" gemacht?

Nicht direkt. Aber das, was ich gerade beschrieben habe, ist überall sichtbar: in der Bild-Zeitung geben Journalisten vor, was man zu denken hat. Oder schau' dir die Wahlplakate an. Egal, welche Partei. Die versprechen dir das Blaue vom Himmel.

Der Journalist in deiner Novelle kommt als rücksichtsloser, storygeiler Typ rüber. Wie ist dein negatives Journalistenbild entstanden?

Ich glaube, Journalisten haben eine unglaubliche Macht. Ich finde, wenn man so einen Job hat, steht man auch in der Pflicht, verantwortlich zu handeln. Der Journalist Maler in meinem Buch versucht alles, um an eine gute Story zu kommen. Konsequenzen sind ihm egal. Menschen wie Maler gibt es wirklich. Dagegen wollte ich anschreiben.

Wie schätzt du die Literaturszene in Freiburg ein?

Unter den Germanistikstudenten gibt es, glaube ich, mehr Leser als Schreiberlinge, was ja nicht schlecht ist. Aber sonst kann ich keine Aussage machen, da ich bisher niemanden getroffen habe, der für größeres Publikum schreibt.

Willst du vom Schreiben irgendwann mal leben können?

Ich habe neulich eine Statistik gelesen, in der stand, dass nur 0,1 % der Schriftsteller von ihrer Arbeit leben können. Ich bin nicht so vermessen, zu sagen, dass das bei mir klappen wird. Zwar wünsche ich mir das. Aber natürlich ist es beruhigend, dass ich mir mit dem Studium die Chance offenhalte, Lehrer zu werden.



Leseprobe



Auszug aus der Novelle "Ländliche Dorfromantik"
:

Der Tag, an dem O’Shea Kattabile starb, konnte in jeder Hinsicht als ein besonderer gelten. Noch Jahre danach beharrten die älteren Bewohner des Dorfes darauf, schon bei Sonnenaufgang eine süßliche, bedeutungsschwangere Luft geschmeckt zu haben. An jenem Tag aber deutete nichts auf die Ereignisse hin, die diesen Landstrich für immer verändern sollten.

Noch ehe die Sonne aus ihrem nächtlichen Schlummer erwachen und ihre Arbeit beginnen konnte, riss der Wecker Samuel Tunichtgut unsanft aus dem Schlaf. Wie jeden Morgen wagte er den Versuch, sich gegen den stetig gleichen, drögen und zehrenden Tagesablauf zur Wehr zu setzen und aus der Sklaverei der Routine auszubrechen. Für gewöhnlich erstickte er seine revolutionären Tendenzen in fünf Minuten. Wenn er am Vorabend getrunken hatte, konnten es auch zehn werden. Er blinzelte, als er den Rollladen mit seiner altmodischen Zugvorrichtung in die Höhe zog und wenn er sich an jenen Tag zurückerinnerte, so meinte auch er von Zeit zu Zeit, Besonderheit in der Dun-kelheit des kalten Morgens zu erkennen. Mit großer Wahr-scheinlichkeit handelte es sich aber um einen Kater.

Sich anzuziehen bereitete ihm einige Mühe. Da er nach einem kurzen Blick in Richtung der Wanduhr beschloss, keine Zeit mehr zum Duschen zu haben, suchte er sich seine alten Kleider vom Vortag zusammen, die er zirkulierend über den Boden verstreut hatte. Seit er sich erinnern konnte, hatte er es gehasst, sich frische Kleider anzuziehen, wenn er morgens nicht geduscht hatte. Aus unerfindlichen Gründen roch sein Kapuzenpullover nach kaltem Fett. Er bedachte sowohl sich als auch den Pullover mit einer groß-zügigen Portion Deodorant, band sich die Schuhe und trat in die erfrischende Kälte eines winterlichen Morgens.

Mehr dazu:

Simon Wasner: Ländliche Dorfromantik, Books on Demand, 160 Seiten, 10 €, ISBN 3839112761