Junge Literatur in Freiburg (2): Anselm Küsters

Claudia Kornmeier

Gibt es in Freiburg eine Literaturszene unter jungen Autoren? fudder hat sich auf die Suche gemacht und mit sechs von ihnen gesprochen. Wie kamen sie zum Schreiben? Wie schätzen sie die Freiburger Autorenszene ein? Und: Ist Literatur für sie mehr als nur ein Hobby? Heute: Anselm Küsters, 17.



Wie Anselm zu Schreiben begann:

Mit elf Jahren hat Anselm begonnen, für seinen kleinen Bruder Geschichten zum Geburtstag zu schreiben. „Wunschfortsetzungen“ von Pokémon, der Lieblingsserie des kleinen Bruders. Mit den Lieblingsfiguren in der Hauptrolle. Die Geschichten gefielen dem Bruder und Anselm hat weiter geschrieben.

Einen der Texte konnte Anselm sogar als GFS („Gleichwertige Feststellung von Schülerleistungen“) einbringen, und damit auch seine Mitschüler, die das Pokémon-Alter eigentlich schon verlassen hatten, begeistern. Über einen Schreibwettbewerb, den er gewann, ist Anselm dann zu der Schreibwerkstatt des Literaturbüros „Jugend schreibt“ gekommen.

Literaturszene in Freiburg?

Viel gebe es in der Gegend nicht. Außer „Jugend schreibt“. „Mein Bruder nimmt an der Schüler-Uni teil. Aber das ist mir zu naturwissenschaftlich orientiert.“

Literatur als Beruf?

Anselm würde gerne einen literaturnahen Beruf ergreifen. „Vielleicht Journalist.“ Für ein Praktikum bei der Badischen Zeitung hatte Anselm sich schon einmal beworben. Ein Klassenkamerad war ihm aber zuvor gekommen. In der Oberstufe wird Anselm das Wahlfach „Literatur“ belegen. Und nach dem Abitur: „Vielleicht Germanistik in Freiburg studieren.“

Leseprobe

Tag #10957

Die Sonne geht auf – wie jeden Morgen.
Um 6:15 aufstehen – wie alle.
Duschen, waschen, Zähne putzen – das Morgenritual.
Der Anzug fürs Büro hängt bereits gesäubert und gebügelt über dem Stuhl – wie die Hälfte meines Lebens.
Frühstücken mit der Zeitung, dem Radio und den neuesten Neuigkeiten – und die Erde dreht sich trotzdem weiter.
Den Hut aufgesetzt, biegt man zweimal links und einmal rechts ab – ein Glück, auch blind würde ich diesen Weg finden.
Fünf Minuten und sechsunddreißig Sekunden Warten an der Bushaltestelle – dieselben Menschen, dasselbe Schweigen wie jeden Tag.
Dann kommt die Straßenbahn Nummer 8, pünktlich mit einer halben Minute Verspätung, 15 km/h schnell, um die Kurve gefahren – nur um nach einer dreiviertel Stunde wieder dieselbe Stell zu erreichen.
Angekommen vor dem Büro richte ich die Krawatte, betrete das Gebäude über die breite Steintreppe und quetsche meinen Körper zu den acht anderen in den Aufzug – ich habe noch immer Angst, dass er abstürzt, doch ich tröste mich mit dem Gedanken, dass ich es dann, wenn es passiert, wenigstens geahnt habe.
Dann Arbeit, Arbeit, die keinen interessiert, Arbeit, Arbeit, die nichts Besonderes ist, Arbeit, die jeder übernehmen kann, Arbeit, Arbeit, Arbeit, auf die die Menschheit verzichten kann, Arbeit, an die sich niemand erinnern wird – es folgt die erste Hälfte der Pause, Essen und das Gefühl, endlich Pause zu haben.
Jetzt die zweite Hälfte der Pause, Nachtisch und die Befürchtung, dass die Pause schon bald wieder vorbei sein wird – nun abermals ein wenig Arbeit, zur Abwechslung und um die ganzen Sache abzurunden.
Um 17:30 die Verabschiedung von den Kollegen, Händeschütteln, das Verlassen des Gebäudes über die breite Steintreppe und das Warten – jetzt auf die Straßenbahn Nummer 4, die andere Kreise fährt.
Heute komme ich fünf Minuten und zwei Sekunden später nach Hause – das ist mir das letzte Mal vor 265 Tagen passiert.
Ich habe damit gerechnet, doch ich musste noch einen Kuchen kaufen – schließlich habe ich Geburtstag.
Wie mir mein Leben gefällt?
Die Regelmäßigkeit ist gut, sie beruhigt mich, aber, wenn ich ehrlich bin, gefällt mir mein Leben nicht wirklich – ich weiß nicht warum, es ist einfach so.
Immer, wenn ich über mein Leben nachdenke – abends, im Bett – fällt mir absolut nichts ein – außer dem Bild eines Playmobil-Männchens.

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