Jung und verschuldet: Ein Leben im Minus

David Weigend

Wie sich die 25-jährige Freiburgerin Kathrin Hofty* verschuldete und nun mit Hilfe der Schuldnerberatung um schwarze Zahlen kämpft. Ein exemplarisches Protokoll.

"Meine Schuldengeschichte begann vor sieben Jahren. Damals war ich 18. Eigentlich war das ein gutes Jahr: Ich machte meinen Hauptschulabschluss, begann bei einem Orthopäden meine Ausbildung zur Arzthelferin und zog von zu Hause aus in eine Wohngemeinschaft. Nach Ende der Ausbildung übernahm mich der Orthopäde nicht, da er in eine Gemeinschaftspraxis umzog und eine Kollegin Vorrang hatte. Ich war 19 und arbeitslos.


Geld hatte ich wenig, laufende Kosten einige: 500 Euro für Miete, mein Auto, diverse Versicherungen, GEZ. Die Mietkaution zahlte ich in Raten ab. Ich hatte ein Festnetztelefon sowie einen Handyvertrag. Dummerweise kam ein weiterer hinzu. „Schau mal, dieser Vertrag ist viel günstiger“, sagte eine Freundin und zeigte auf ein Werbeplakat in der Innenstadt. „Lass doch dein altes Handy einfach liegen und hol’ dir das neue, dann können wir am Wochenende immer umsonst telefonieren.“ Ich überlegte nicht lange und schloss den Vertrag ab: das Unvermögen, widerstehen zu können.

Eines Tages stand der Gerichtsvollzieher vor der Tür

Meine Bewerbungen schickten die Arztpraxen mit Absagen zurück. Ich ging zum Arbeitsamt und wurde an eine Zeitarbeitsfirma vermittelt. Vier Jahre lang schaffte ich als Leiharbeiterin, zwei davon bei einem großen Versandhaus in Buggingen. Dort wurde ich übernommen und verdiente so viel, wie ich arbeitete. Meist waren das weniger als 900 Euro im Monat, manchmal nur 300 Euro. Wenn es keine Aufträge gab, blieb ich zu Hause. Kurzarbeit. Das konnte auch mal zwei Wochen dauern. 14 Tage ohne Verdienst. Wegen der Schichtarbeit war es nur schwer möglich, den Zug zu nehmen, also fuhr ich weiterhin mit dem Auto. Benzin kostet. Der befristete Vertrag beim Versandhaus lief aus. Ich wurde nicht übernommen.

Dies war der Zeitpunkt, an dem ich merkte, dass meine Finanzen aus dem Ruder laufen. Noch dachte ich, dass ich dieses Problem allein bewältigen könnte. Sobald ich einen Lohn auf dem Konto hatte, überwies ich etwas davon an einen Gläubiger. Nie hatte ich soviel, dass ich alle Gläubiger befriedigen konnte. Es hatten sich über 3000 Euro Schulden angehäuft. Ich kam mir vor wie ein Ritter in einem Computerspiel, der mit einem Schwert Drachenköpfe abschlagen muss: Sobald ich an der linken Bildschirmecke zwei Drachen eliminiere, tauchen rechts drei weitere auf. Ich zahlte und zahlte, doch die Schulden verschwanden nicht. Kontoüberzug, Zinsen, Mahngebühren. Im Sommer 2007 hatte ich so viele Briefe mit Geldforderungen auf dem Tisch liegen, dass ich die Übersicht verlor. Viele dieser Briefe waren ungeöffnet. Post vom Inkassobüro ist sehr unangenehm. Man kommt nach Hause und hat eine mehr oder weniger konkrete Drohung im Briefkasten liegen: „Wenn Sie jetzt nicht zahlen, werden Vollstreckungsmaßnahmen angeordnet.“ Begriffe wie Amtsgericht und Zwangspfändung.



Ich lag nachts im Bett und fragte mich: Was sind Vollstreckungsmaßnahmen? Oft konnte ich nicht einschlafen. Der psychische Druck wuchs. 200 Euro GEZ plus 50 Euro Mahngebühren, das sind weitere 250 Euro, die ich nicht zahlen kann. Und um 4.30 Uhr klingelte der Wecker zur Frühschicht.

Auch im Versandhaus litt meine Konzentration. Gedanken wie Nadelstiche: „Wie komme ich zur Arbeit, wenn mein Auto kaputt geht? Muss ich die Wohnung verlassen, wenn ich bis zum 30. April die Kaution noch nicht gezahlt habe?“ Als mir im Versandhaus gekündigt wurde, verkaufte ich mein einziges Luxusobjekt: den Renault Clio. Er bedeutete für mich Flexibilität und Freiheit.
Eines Tages stand der Gerichtsvollzieher vor der Tür. Er war freundlich und kam auch nicht mit einem Haftbefehl, wie es das Inkassounternehmen angekündigt hatte. Ich gab ihm Auskunft über mein Einkommen. Er sah sich in meiner Wohnung nach Pfändbarem um, doch mein alter Fernseher interessierte ihn nicht. Dafür pfändete er mein Konto und meinen Lohn. All das wunderte mich deshalb, weil ich nun wirklich keine Prasserin bin.

Meine Lebensansprüche sind niedrig. An den letzten Urlaub konnte ich mich nicht mehr erinnern. Vier Jahre war ich Zeitarbeiterin an der Grenze zum Existenzminimum. Einige rieten mir: „Beantrage doch Arbeitslosengeld II, dann bekommst du mehr Geld als jetzt.“ Aber das kam für mich nie in Frage.

Während mein Leben als Schuldnerin immer turbulenter wurde, kehrte in mein Freizeitverhalten Ruhe ein. Ich ging nicht mehr aus. Discos und Kneipen besuchte ich schon lang nicht mehr. Ein Bier auf Pump schmeckt nicht halb so gut. Von Tag zu Tag spürte ich, wie mein Lebensstandard sank.

Im Supermarkt kaufte ich nur die günstigsten und nötigsten Lebensmittel. Meiner besten Freundin konnte ich zum Geburtstag höchstens noch eine Kleinigkeit schenken. Das schmerzte. Glücklicherweise hatte ich Freunde, die mich einluden. Wir verbrachten die Wochenenden bei ihnen daheim. Ich lachte oft, aber ein Teil in mir lachte nicht mit. Da war immer diese Angst: der nächste Anruf von der Bank, die steigenden Zinsen für den Dispokredit.

Meine Mutter hatte die ganze Zeit versucht, mich zu unterstützen. Doch sie verdient selbst so wenig, dass dies meine Lage nicht besserte. Von klein auf war mein Taschengeld gering. Ich hatte nie den finanziellen Rückhalt aus der Familie, wie ihn viele meiner Altersgenossen genießen. Im September 2009 überredete mich meine Mutter, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Ich überwand meinen Stolz, packte all die Briefe mit den unterstrichenen Zahlen, Forderungen und Fristen in eine Plastiktüte und vereinbarte einen Termin bei der Schuldnerberatung. "

*Name von der Redaktion geändert

Bei der Schuldnerberatung

Bei der Schuldnerberatung wird Stück für Stück der Weg zu einem schuldenfreien Leben geebnet. Als Kathrin endlich den Mut aufgebracht hatte, sich Hilfe zu holen, lernte sie Sladana Wehrle-Paradzik (39) von der Schuldnerberatung der Caritas Freiburg kennen. Die Schuldnerberaterin erzählt:

"Kathrin kam in mein Büro und leerte den Inhalt ihrer Plastiktüte auf dem Schreibtisch aus. Diese Einstellung ist gut. Viele Klienten brauchen dafür mehr Zeit. Sie hocken mit rundem Rücken vor mir und ziehen nur zögerlich einen Brief nach dem anderen aus der Jackentasche: „Ach, da ist ja doch noch einer.“ Ich versuche an diesem Punkt stets, dem Schuldner Angst und Scham zu nehmen. Wichtig für Kathrin war, dass sie kein pfändbares Einkommen hatte und kein Gläubiger ihr etwas wegnehmen konnte. Ich machte ihr klar, dass in Deutschland niemand wegen Schulden inhaftiert wird, sofern es sich nicht um eine Strafsache handelt. Ihr Sollbetrag belief sich auf 7000 Euro.

Wir machten einen Haushaltsplan. Zuerst zahlten wir die Kaution für die Wohnung, damit war ein existenzielles Problem beseitigt. Seit September dieses Jahres hat Kathrin einen Job bei einem regionalen Solarunternehmen. Ihr Vertrag ist zwar auf ein halbes Jahr befristet, doch ist sie momentan in der Lage, ihre Schulden in kleinen Raten zurückzuzahlen. Wir sind dabei, mit allen Gläubigern außergerichtliche Vereinbarungen zu treffen, so dass sie, je nach Größe der ausstehenden Posten, ihren Anteil Stück für Stück zurückerhalten. Dabei richte ich mich nach einer Pfändungstabelle. Ein Beispiel: Wenn jemand 1200 Euro verdient und keine Unterhaltspflichten hat, sind davon 150,40 Euro pfändbar. Es sind noch 5000 Euro, die Kathrin zurückzahlen muss. Die Chance, dass sie in einem Jahr schuldenfrei sein wird, ist hoch. "

Die Schuldnerberatung der Caritas

Etwa ein Drittel der Menschen, die sich bei der kostenlosen Schuldnerberatung der Freiburger Caritas melden, sind unter 30 Jahre alt. Derzeit  sind es insgesamt 270 Klienten, Tendenz steigend. Die beiden Mitarbeiterinnen helfen ihren Klienten auch, eine private Insolvenz zu durchlaufen, sofern das notwendig ist. Seit 2008 bietet die Caritas Schuldenprävention für Jugendliche an: Eine Mitarbeiterin bringt Schülern bei, wie sie ihr Geld im Blick behalten und ihre Finanzen richtig kalkulieren.

Beratungsangebote für Schuldner in Freiburg

Caritas Freiburg-Stadt
Herrenstraße 6,  79098 Freiburg
0761.31916-66 und -23
csd-schuldnerberatung@caritas-freiburg.de

DROBS
Faulerstr. 8, 79098 Freiburg
0761.33511
info@awo-freiburg.de

Stadt Freiburg, Sozial- und Jugendamt
Kaiser-Joseph-Str.143, 79098 Freiburg
0761.201-3703 und -3704 und -3839
Manfred.Wolf@stadt.freiburg.de

Diakonie Freiburg
Dreisamstraße 3-5, 79098 Freiburg
0761.36891-150 und -167
schuldnerberatung@diakonie-freiburg.de

Landratsamt Breisgau-Hochschwarzwald
Stadtstraße 2, 79104 Freiburg
0761.21872284
juergen.buchhorn@breisgau-hochschwarzwald.de  

[Fotos: Ruben Fees]

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