Bild-Chefredakteur

Julian Reichelt polarisiert und unterhält bei "Nachgefragt" im Rotteck-Gymnasium

Frank Zimmermann

Er ist gleichermaßen umstritten wie interessant, seine Positionen polarisieren und überraschen mitunter. Julian Reichelt war zu Gast in der Schüler-Talkshow "Nachgefragt" am Rotteck-Gymnasium.

Julian Reichelt ist Vorsitzender der Bild-Chefredaktionen und seit kurzem alleiniger Herr über Deutschlands größtes Boulevardblatt. Nun war der 37-Jährige zu Gast in der Schüler-Talkshow "Nachgefragt" am Rotteck-Gymnasium. Mit seiner Aussage zu Beginn sollte er Recht behalten: "Ihr werdet zu dem Urteil kommen, dass viele Vorurteile gegen mich nicht stimmen."


Vor seiner Zeit als Bild-Chef arbeitete Reichelt als Kriegsreporter

"Herrlich, wie früher", sagt Julian Reichelt und nimmt auf dem Feldbett Platz. So eines hat Reichelt fürs Mittagspäuschen im Büro stehen. Die Liege soll aber auch eine Anspielung auf seine Zeit als Kriegsreporter sein – "da verschieben sich ganz massiv die Maßstäbe". Auch beim Humor: Als ihm und Schauspieler Jan Josef Liefers in Aleppo nur knapp die Flucht vor IS-Kämpfern gelang, habe er erstmal lachen müssen: In einem Artikel über ihrer beider Tod, sagt er, wäre er im Schatten des prominenten Begleiters "nur der letzte Absatz gewesen".

Reichelt hat in den Kriegsgebieten viele Freunden gefunden, von denen viele nicht mehr leben. Er erinnert an seinen Freund Peter Kassig, der von den Terroristen des Islamischen Staates ebenso enthauptet wurde wie US-Journalist Steven Sotloff, bei dessen Entführung er nur zwei Kilometer entfernt gewesen sei. Reichelt will sich nicht so einfach in die rechtskonservative Schublade packen lassen, wo man ihn als Bild-Chef automatisch verortet. So wie unlängst der ehemalige Bundesrichter Thomas Fischer, der ihm nach einem Auftritt bei "Hart, aber fair" – in der Talkshow ging es um die deutsche Justiz – "kenntnisfreie Panikmache und rechtspolitische Scharfmacherei auf sehr niedrigem Niveau" vorwarf.

"Kein Mensch braucht bequeme Journalisten."Julian Reichelt
Reichelt hält Trump für einen deutlich besseren Präsidenten als Obama ("einer der unfähigsten Präsidenten") und findet Europas Schimpfen über Trumps Pläne, eine Mauer zu Mexiko bauen zu lassen, scheinheilig, wo die EU sich der Flüchtlinge doch mit dem Türkei-Deal entledigt habe. Diesen Deal heißt er nicht gut: Vielmehr setzt er sich für Flüchtlinge ein und für den Familiennachzug. Die Syrienkrise hält er für "das mit Abstand wichtigste Thema unserer Zeit – und das Versagen, das damit einhergeht".

Zwischen den Moderatoren Charlotte Noack und Wendelin Verstappen auf dem Feldbett sitzend, erzählt er von mit Geldstücken gefüllten Fassbomben. Er beschreibt die Schwierigkeit, einen jahrelangen Krieg in der Zeitung noch auf Seite eins zu verkaufen. Viele Leser seien des Themas überdrüssig; vor kurzem habe er wenige Tage nach einer Preiserhöhung des Blattes das Foto eines toten Kindes auf der Titelseite durchgeboxt. "Auch für so was werde ich angefeindet." Was ihn nicht weiter störe. Sympathisch zu sein sei nicht Teil seines Jobs. "Kein Mensch braucht bequeme Journalisten."

Spitzen lässt er an dem Abend an sich abprallen

Viel zu viele seien zu nah dran an den Mächtigen: "Wir gehören nicht in dieselben Restaurants in Brüssel wie Leute, die 14 000 Euro verdienen." Das passt nicht zum Chef eines Society-Blattes, das von Berichten über das Leben der Reichen und Schönen lebt. Aussagen wie die von CDU-Jungstar Jens Spahn, der findet, von Hartz IV könne man gut leben, teilt er nicht: "Hartz IV ist nicht viel." Es sei für die Mächtigen nicht leicht, den Menschen im Alltag noch nahe zu sein: "Man greift automatisch zur teuersten Milch."

Reichelt, bekennender Urlaubsmuffel und Dieselfahrer, redet gern, unterhaltsam und viel: über den 11. September, AfD und Linke, #metoo und das Aus des Bild-Girls. Über Laster (Rauchen) und Lieben (HSV, Eishockey, Pastrami-Sandwiches, Rap und Hunde). Er gibt sein schulisches Scheitern unumwunden zu; ist zu Spielchen in der Show bereit, die er ganz offensichtlich blöd findet. Spitzen und grenzwertige Flapsigkeiten der Fragestellerin lässt er cool an sich abprallen.

Am Ende hat diese "Nachgefragt"-Ausgabe rekordverdächtige Länge. Reichelt erinnert an die Kunst des Überziehens, die ein Thomas Gottschalk so beherrschte: "Müsste nicht bald das Sportstudio anfangen?" Der Witz zieht nicht recht. Denn wer von den anwesenden Teenagern kennt noch "Wetten, dass...?"