Juliacoustic: Das Mädchen mit der Gitarre

David Weigend

Das ist Julia Weldemann. Sie ist 16 und geht in die 11. Klasse des Friedrich-Gymnasiums. Die Songs, die sie sich als juliacoustic ausdenkt, singt und spielt, bewegen Menschen auf der ganzen Welt. Der Eingang ihres youtube-Kanals liegt in der Fischerau.



Eine Szene aus dem Sommer 2009: Julia sitzt im Lese- und Arbeitszimmer der elterlichen Wohnung in der Fischerau. Dort ist sie am liebsten, wenn sie Gitarre spielt und dazu singt, umgeben von Vasen und Regalen voller dermatologischer Fachliteratur. Heiß ist es an diesem Nachmittag. Julia legt das Plektrum auf den Schreibtisch, öffnet das Fenster. Ein Luftzug kommt hinein und das leise Rauschen des Gewerbebachs.


Dann beginnt sie wieder zu spielen. My Sun, ein Song, den sie dem Jungen gewidmet hat, mit dem sie heute wieder zusammen ist. Es klingt ein wenig, um einen populären Vergleich zu bemühen, wie eine Mischung aus Tracy Chapman und Katie Melua. Nur ohne Make-Up und ohne Solo. Als Julia den letzten Akkord angeschlagen hat, ertönt draußen von der Gasse Applaus, Bravo- und Zugabenrufe. Julia schaut aus dem Fenster und sieht fünf Mädchen um die 17, Passantinnen, die in überraschter Erwartung zu ihr hoch schauen. „Hey, du singst klasse!“, ruft eine von ihnen. „Bitte, spiel’ noch so ein Lied. Komm doch runter!“ So lief sie ab, die ungeplante Kommunikation zwischen den Erstfans und Julia Weldemann. Kein youtube-Channel, sondern Musi-Fensterln 1.0.



Julia begann mit sechs Jahren, Klavier zu spielen. Mit 14 Jahren beeindruckte sie ein Freund, der mit Gitarre angefangen hatte. Sie kaufte sich auch eine, ein ganz einfaches Modell mit Nylonsaiten. Außerdem besorgte sie sich das „Kultliederbuch Das Ding“. Darin standen all die Songs, die sie schon von Lagerfeuernächten im Zeltlager der katholischen Gemeindejugend kannte. E Moll, A Moll, D 7, G Dur – der Anfang von „Killing me softly“, das war die erste Akkordfolge, die Julia lernte. Wie tausende andere Teenager auch. Und diese Geschichte wäre auch weniger erzählenswert, wenn Julia nicht bald angefangen hätte, eigene Songs zu schreiben und dazu zu singen.



Dazu ermutigte Julia nicht ihr Musiklehrer, sondern das Betrachten von ganz normalen Menschen, die auch noch nicht lange Gitarre spielten, ihre ersten eigenen Songs mit einer Kleinkamera aufnahmen und diese Videos auf youtube hochluden. Kina Grannis, Marie Digby, David Choi. „Man findet sie ganz einfach: Du gibst bei youtube einen Song ein, den du aus dem Radio kennst. Dann erscheinen automatisch auch eine Reihe von Coverversionen dieses Songs. Und die finde ich oft besser als das Original. Nimm zum Beispiel „I’m yours“ von Jason Mraz. David Choi hat davon eine fabelhafte Coverversion gemacht.“

Inzwischen hat Julia ein Repertoire von elf eigenen Songs und neun Covers, die aufihrem youtube-Kanal zu sehen sind. Den ersten Auftritt absolvierte sie vergangenes Jahr beim Schulfest "Freigeist" im Friedrich-Gymnasium. Ein Lehrer, der ganz gern mal im Internet surft, sprach sie in der Pause an: „Du, ich hab’ da nen Anschlag auf dich vor.“ Julia schlug ihrerseits ein wie eine Bombe und sie bewies, dass sie kein Problem damit hat, ihre Songs auch vor einem Publikum mit Blickkontakt vorzutragen.

Sie besitzt zwar eine ruhige Ausstrahlung, doch schüchtern ist sie nicht. „Mir gefällt es ganz gut, allein auf der Bühne zu stehen. Ich sang zwar auch schon in einer Band, aber die habe ich schnell wieder verlassen. War nicht mein Stil. Hardrock und so.“ Am 8. Februar wird sie im Rahmen einer Lesung im White Rabbit auf der Bühne stehen, mit ihrer selbst verzierten Tanglewood-Westerngitarre. "Poetic Love" hat sie auf den Korpus geschrieben.



Castingshows, das wäre ihr Ding wohl auch nicht. Wobei sie beim Siebverfahren der privaten Fernsehsender keine schlechten Karten hätte, wenn man bedenkt, dass die doch recht artverwandte Stefanie Heinzmann durch Stefan Raab Bekanntheit erlangte und Dieter Bohlen bei hübschen Frauen mit Stimme gern den Recall-Zettel wedelt.

Wie schreibt man einen Song?

Neulich hat Julias Französischlehrer im Unterricht gesagt: „Heute schreiben wir einen Song. Zuerst braucht ihr eine Melodie, danach schreibt ihr einen Text, der dazu passt. Zuletzt fügt ihr beides zusammen.“ Julia findet, dass sich solch eine Regel nicht eignet. „Wenn ich einen Song schreibe, bin ich spontan von etwas inspiriert. Das kann ein Gefühl sein, eine Beobachtung oder eine zufällige Begegnung.“ Zum Beispiel die mit einem Käfer im Stadtgarten, woraus der Beetle Song entstand. Nichts Hochgeistiges. Aber so, wie wenn man im Stadtgarten in der Mittagspause nach langer Zeit einen alten Freund trifft und diesen umarmt.



Sobald Julia einen neuen Song einstudiert hat, was bis zu zwei Wochen dauern kann, nimmt sie ihn mit der Videokamera im Arbeitszimmer auf und stellt ihn in ihren youtube-Kanal. Dann kommen meist Reaktionen wie „thank you soo much!! =) I'm really speechless...“, selten auch ein Kritiker, der schreibt, sie könne nicht singen. Julia nimmt sich das nicht weiter zu Herzen. Sie würde ihre Lieder ja auch genauso schreiben, wenn es das Internet nicht gäbe. Es ist für sie einfach nur eine Möglichkeit, ihre Musik zu präsentieren.

In ihrem Blog schreibt sie: „Auch wenn ich weiß, dass meine Musik nicht jeden erreicht – hoffe ich doch, dass sie diejenigen erreicht, für die ich all meine Songs geschrieben habe.“

Mehr dazu:


Juliacoustic: Silence

Quelle: YouTube