Juli Zeh bei Nachgefragt: Von Bäumen und Plätzchen

Fabian Voegtle

Passend zum bundesweiten Vorlesetag schaute die Schriftstellerin Juli Zeh am Freitag bei der Rotteck-Talkshow "nachgefragt" vorbei. Im Gespräch mit zwei forschen Schüler-Moderatorinnen erzählte sie von haarsträubenden Schulaktionen, japanischen Taifunen und einem Loch im Dielenboden. Höhepunkt der knapp zweistündigen Talkrunde war ein Plätzchen-Wettbacken, für das sich Zeh mächtig ins Zeug legte.



Während vor dem Eingang noch Bagger und Gerüste stehen, bietet die bereits sanierte Aula des Rotteck-Gymnasiums die gewohnte Kulisse von „nachgefragt“. Während die Gesprächsreihe wegen des Rotteck-Umbaus einige Gastspiele im SWR-Studio veranstaltete, findet sie nun wieder im vertrauten Schulgebäude statt. Dort empfangen die Gastgeberinnen Anna Günther und Marlene Scharpf mit Juli Zeh eine der bekanntesten Schriftstellerin der modernen, deutschen Literatur.


„Meine eigenen Bücher will ich echt nicht mehr lesen“, stellt die gebbürtige Bonnerin gleich zu Beginn klar. Doch kommt sie im Verlauf des oft amüsanten Gesprächs nicht darum dem Publikum eine Seite aus ihrem Roman „Corpus delicti“ vorzulesen. Die 37-jährige begann früh mit exzessivem Lesen. So verbrachte sie ganze Tage mit dem Schmökern. Verstanden hat sie oftmals kein Wort, etwa in Thomas Manns Buddenbrocks, denen sie sich zum ersten Mal mit 13 Jahren widmete. Die ausgebildete Juristin, die das beste Staatsexamen Sachsens machte und auch promovierte, hatte aber schon früh eine Leidenschaft für Sprache. „Ein Buch war kein Wesen der anderen Art.“

Ihre Eltern, der Vater Direktor der Bundestagsverwaltung in Bonn, die Mutter Übersetzerin, förderten das Lesen. „Wenn ich die ganze Zeit Counterstrike gespielt hätte, wäre das sicher nicht so gewesen.“ Aus der Leseratte wurde schon früh eine Autorin. Mit sieben Jahren fing sie an zu schreiben. Ihre Texte sollte niemand lesen und so versteckte sie diese in einem Loch im Dielenboden, das sie sich extra dafür im Kinderzimmer bohrte. „Schreiben hat was ungeheuerlich Peinliches“, findet sie auch heute noch. Ihre nicht veröffentlichten Texte sind auf dem PC und helfen oft bei einer Stichwort-Suche zu einem neuen Text: „Da mache ich gerne Pilzsuche auf der eigenen Festplatte“, beschreibt sie die Vorteile ihrer eigenen Datenbank. 

Die Veröffentlichung eines Buches ist für Zeh bis heute ein „Gang zum Schafott“: „Da muss ich mich vorher panzern.“ Als sie erstes Buch „Adler und Engel“ in den Händen hielt, hat sie angefangen zu Heulen und ist zusammengebrochen. Die Büchnerpreisträgerin von 2002 hat seitdem zahlreiche Romane und Essays vorgelegt. Zusammen mit ihrem Mann lebt sie in einem Dorf im Havelland. Dort schreibt sie auch, selten fängt sie damit vor 22 Uhr abends an und erklärt warum: „Ich muss mir den ganzen Tag ein schlechtes Gewissen aufbauen um den inneren Schweinehund zu überwinden“. Schallendes Gelächter des zahlreich erschienen Publikums in der Rotteck’schen Aula. Auf die Nachfrage, ob sie denn überhaupt gerne schreibe wenn sie sich dazu quälen müsse, antwortet sie trocken: „Ich arbeite gar nicht gerne!“ Da sie ihr eigener Chef sei, falle ihr die Motivation oft schwer und kenne wie viele Schriftsteller „Schreibkrisen“. Die Ideen seien dabei das wichtigste, sonst breche man zusammen.  Diese schreibt sie in ihr Notizbuch oder auch mal auf die Rückseite eines Kaugummipapiers. Da sie ihre Handschrift allerdings maximal sechs Stunden lesen könne, schreibe sie alle Ideen schnell in den PC. „Sonst zerfällt das vor meinen Augen.“

Schulanekdoten der Gäste gehören in der Rotteck-Talkshow zur Tradition: Juli Zeh, im Bad Godesberger Gymnasium nur als „der Zeh“ bekannt, legte ihre Füße gerne auf den Schultisch. Der Schuldirektor fühlte sich deswegen nicht von ihr respektiert und wollte sie von der Schule schmeißen. Am Ende reichte es dann doch bis zum Abitur. Als Schülerin konnte sie allerdings nie verstehen, warum die Leute immer davon sprachen, dass die Schulzeit die schönsten Jahre des Lebens seien und fragte sich oft: „Wenn das schon die schönsten sind, was kommt danach?“

Ihr Roman „Spieltrieb“ spielt auch in einer Schule. Auf die Frage, ob hier autobiografische Parallelen zu entdecken seien, antwortet sie: „Es geht mehr um Aura, weniger um Parallelen.“ Zwar könne man in „Spieltrieb“ ihren ehemaligen Geschichtslehrer wieder erkennen und auch andere Romanfiguren sind nicht frei erfunden. Dennoch könne man den Roman, indem sie die Schüler als Metapher auf die Gesellschaft sieht und es zentral um Werteverlust geht, nicht automatisch autobiografisch einordnen.



Anna Günther und Marlene Scharpf, die beiden Moderatorinnen der Veranstaltung, stellen kluge und freche Fragen, haken oft nach und überraschen Juli Zeh hin und wieder mit ihrem gut recherchierten Wissen über die Schriftstellerin. So etwa als die 16-jährigen Schülerinnen sie auf einen japanischen Baum ansprechen. „Ihr habt also auch meinen Freundeskreis ausgespannt“, stellt sie erschrocken fest, als die beiden ihre Quellen offenbaren. Zusammen mit einer Freundin ließ sie sich auf einer Japan-Reise auf einem leeren Campingplatz nieder, da sie die Taifun-Warnungen nicht verstanden. Als das Zelt unter Wasser stand, kletterten sie auf einen Baum, der ihnen sechs Stunden Zuflucht gab. In Risikobereitschaft befand sich die 37jährige Zeh, die im kommenden Jahr ihr erstes Kind erwartet, auch auf einem Minenfeld in Bosnien. Dort hineingeraten, schrieb sie erst mal an ihre wichtigsten Menschen Abschieds-SMS, bevor sie wieder in Sicherheit kommen konnte.

Gut möglich, dass sich solche Erfahrungen auch in ihren Romanen wiederspiegeln. Schließlich neige sie nicht gerade dazu, fröhliche Bücher zu schreiben. Gerade das Düstere und Schreckliche beschäftigt sie. So etwa auch im Roman „Schilf“, wo es um einen Mord an einem Radfahrer in Freiburg geht. „Noch ökologischer geht’s ja gar nicht“, findet Zeh und erklärt warum sie dafür die Ökohauptstadt ausgewählt hat: „Morde in idyllischer Umgebung sind viel faszinierender und spannender als in schrecklicher Umgebung. Gerade Freiburg sei als „stadtgewordener Ablassbrief“ bestens dafür geeignet.



„Auf die Plätzchen fertig los!“ Mit dieser Ansage beginnt der Backwettbewerb. Für Juli Zeh, die sich nicht gerade als Weihnachtsfanatikerin gibt, eine ungewohnte Situation: „Das hab’ ich zuletzt gemacht als ich drei war“ erzählt sie und fügt beim Teig ausrollen hinzu: „Gleich kommt die totale Katastrophe.“ „Nachgefragt“ ist am Höhepunkt angekommen und erinnert stark an die legendäre WDR-Sendung „Zimmer frei“. Anstelle von Götz Alsmann und Christine Westermann stehen im Rotteck allerdings Anna Günther und Marlene Scharpf auf der Bühne, die von Juli Zeh einiges abverlangen. „Wenn das auf Youtube erscheint, bin ich erledigt“, scherzt diese und hat am schnellsten ihr Blech mit Plätzchen voll. Das Mehl auf ihrem Pulli bürstet sich die leidenschaftliche Reiterin erst mal mit einer Pferdebürste weg, die sie wie andere Gegenstände an der „Angreifbar“ ertasten und erraten muss.

Nach knapp zwei Stunden ist die gelungene Talkrunde rum. Juli Zeh findet das schade und die überzeugenden Gastgeberinnen verabschieden sich mit einer wichtigen Botschaft ins Publikum: „Lesen Sie mal wieder“!



Mehr dazu:

  Das nächste Gast bei „nachgefragt“ ist Marcus Sorg. Der Trainer des SC Freiburg kommt am Dienstag, 6. Dezember um 19:30 Uhr ins Rotteck-Gymnasium.