Juli und Christiansen im Metaversum

Christoph Müller-Stoffels

Über sechs Millionen Bewohner. Die virtuelle Welt Second Life hört nicht auf zu wachsen. Trotzdem ist nach dem anfänglichen Hype eine gewisse Ernüchterung eingekehrt. Dass manche Blogger sogar von der Post-Ära Second Life schreiben, hat aber eher damit zu tun, dass jetzt auch die Briefträger dort unterwegs sind. Was das soll, wie sich das "Ländle" präsentiert und was es sonst noch zu berichten gibt – Christoph hat sich umgesehen.



"I find däs Mädle suuuper!" Klausi bemüht sich aufs Schwäbischste, bei Czenny Pluspunkte zu sammeln. Die wiederum bemüht sich um ihr Outfit und trägt plötzlich ein Oberteil in Schlamm-Optik.

Auch nett. Czennys Schlamm, Klausis Schleim – ich befinde mich auf der virtuellen Insel Baden-Württembergs. Hier ein bisschen Schwarzwald, dort Bauernhaus und Bodensee, dazu eine protzige Repräsentanz, in der einem jeweils elf Gründe aufgezählt werden, mit denen man wahlweise Mann, Frau oder Kinder zum Umzug ins "Ländle" locken soll. "Ritter Sport Schokolade, Steiff Teddys, Hohner Musikinstrumente, Märklin Modelleisenbahnen und Südzucker-Produkte kommen hierher. Und auch Porsche, für die großen Kinder." Viel los ist nicht. "Die Besucherzahlen waren am Anfang besser als jetzt", erzählt Hannelore Herlan, Pressesprecherin der Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg (MFG), gegenüber Heise. "Demnächst soll der 'Innovation Park' bebaut werden. Dort wollen sich unter anderem die Hochschulen Hohenheim und Konstanz darstellen."


Ich teleportiere mich – und ab geht die Post. (Sorry, musste sein.) Die Postinsel ist dem Logo des Unternehmens nachempfunden, worauf sich der Post Tower monolithisch erhebt. Hier kann man digitale Bilder als wirkliche Postkarten verschicken, denn, so schreibt das Unternehmen, "auch in Second Life hat es sich die Deutsche Post zur Aufgabe gemacht, Menschen zu erreichen und zu verbinden". Dass das nicht immer und teils holprig funktioniert, gehört bei SL fast schon zum guten Ton. Ich versuche trotzdem, mir eine Postkarte zu schicken.

Sechs Millionen Bewohner – vor wenigen Tagen wurde die Marke geknackt. Zur Erinnerung, Anfang Januar waren es noch 2,4 Millionen. Mittlerweile hat Europa mit 61 Prozent der Bewohner die USA (16 Prozent) weit hinter sich gelassen. Allein Deutschland kommt inzwischen auf 16 Prozent, wie ComScore errechnet hat. Allerdings handelt es sich bei den Zahlen um aktive Bewohner, was im März etwa 1,3 Millionen gewesen sein sollen.

Obwohl immer mehr Menschen der virtuellen Welt zumindest eine Stippvisite abstatten, hält sie ihr geistiger Urheber, der Science-Fiction-Autor Neal Stephenson, für überbewertet. In einem Interview mit der Netzzeitung drückt er sein Desinteresse so aus: "Wir haben nur 30.000 Tage zu leben. Ich habe bereits mehr als 17.000 davon verbraucht. Ein räumliches Internet ist eine interessante Idee, aber es gibt andere spannende Möglichkeiten meine verbleibenden 13.000 Tage zu nutzen." Überhaupt sei das Web 3D "in vielen Fällen nicht sinnvoll".

Ganz anders sieht das der Blogger Sebastian Küpers, der ein Plädoyer für das Web 3D als Kommunikationsmedium hält. Virtuelle Welten seien selbst Videokonferenzen überlegen, da sie eine gemeinsame Räumlichkeit und so einen gemeinsamen Kontext schaffen würden. "Darüber hinaus ist das spannende, dass Metaversen so immersiv sind, dass man nach kurzer Zeit wirklich das Gefühl hat mit diesen Personen gemeinsam an diesem Ort zu sein. Damit gehen natürlich weitere spannende Wirkungen einher und ermöglichen eine Qualität der Kommunikation und Interaktion, die es so bisher digital noch nicht gegeben hat."

Und immer mehr Unternehmen, Städte und Künstler wollen diese neuen Möglichkeiten nutzen. So ist das brasilianische Flugunternehmen TAM die erste Airline in SL, STA Travel zeigt Ziele und Angebote aus der virtuellen und realen Welt, die Band "Juli" stellte ihre neue Single vor und der WDR zeigt als erster deutscher Sender eine Sendung ("Echt Böhmermann") in SL und hält die zugehörige Pressekonferenz auch gleich virtuell ab. Frankfurt ist die erste deutsche Stadt, das Hit Radio FFH der erste reale Radiosender, der sich in SL versucht.

Auch die Telekom hat sich zwei Inseln gesichert und wirbt mit Gewinnspiel und T-Shirt um Interessierte, während die NBA auf virtuelle Basketball-Events setzt.

Aber viel los ist nicht in den Firmenpräsenzen des zweiten Lebens, wie ein kurzer Film zeigt. Aber wie sollte auch? Durchschnittlich 32.000 Besucher gleichzeitig verteilen sich auf über 320 Quadratkilometer. Das entspricht der Bevölkerungsdichte von Slowenien. Allerdings würden die kalifornischen Server auch mehr Besucher kaum verkraften. Die kühne Prognose von SL-Gründer Philip Rosedale, dass bald 1,5 Milliarden Menschen ein zweites Leben führen werden, ist wohl einem intensiven Traum entsprungen.

Trotzdem hat das virtuelle Leben eindeutig positive Seiten. Während am 1. Mai in Berlin Polizisten und Autonome gewaltsam aufeinander trafen, fanden sie auch in der Virtualität zusammen. Allerdings tanzten sie hier, in newBerlin, zu Punk und Hardcore bis tief in die Nacht hinein. Schöne neue und friedliche Welt.

Leider ist es nicht immer so freidlich. Seit Ende April turnt auch Sabine Christiansen durch das Metaversum. Ihr Format "Global Players" auf CNBC präsentiert sie, wie die Netzzeitung berichtete, seit neuestem auch in Second Life. Dabei können die User die Inhalte der Sendung mitbestimmen. Ob man die Modratorin rauswählen darf, wurde nicht bekannt.