Juli im Juli

David Weigend

Wer die hessische Gruppe Juli mag, hat am Samstagabend auf dem ZMF genau das bekommen, was er erwartet hat. Ein schönes Popkonzert. Wer Juli nicht mag, hat ebenda genau das bekommen, was er befürchtet hat. Ein belangloses Popkonzert. So einfach ist das. Oder?



Die Intromusik, die um kurz vor Neun vom Band erklingt, ist eine ziemlich große Nummer im Referenzsystem Pop. "A Day in the Life", von den Songschreibern Lennon / McCartney. Um 21 Uhr bemuttern Juli dann die Bühne in der Absicht, dem Beatlesklassiker zumindest thematisch eine aktuell-zeitlose Fortführung zu verpassen. Aus einem Tag im Leben wird "Dieses Leben", das Sängerin Eva Briegel, 28, liebt.


Es bleibt als positiv zu vermerken, dass Juli, die großen Einer von der Lahn, den Set mit einem ausgewiesenen Midtemposchlepper eröffnen. Da ist man von den Genrekollegen Silbermond wesentlich Schlimmeres gewöhnt, nämlich Winkanimation und aufdringliche "Lasst uns mal richtig abrocken"-Opener. Nein, das julianische Motto heißt "Ich liebe dieses Leben", und zwar schön langsam.



Auf der Bühne des gut gefüllten, aber nicht ausverkauften Zirkuszelts stehen vier junge Männer und eine junge Dame, die zwei Alben veröffentlicht und Formatradio-Hits für eine halbe Stunde komponiert haben. Es ist solide hingedrechselter Emotionspop, tauglich für Abitursfeiern ("Geile Zeit"), Tor-des-Monats-Filmchen der Sportschau ("Warum"), Nachmittagslöcher im Büro ("Perfekte Welle") und Zusammenkommen nach dem dritten Schlußmachen oder umgekehrt ("Tränenschwer").



Natürlich haben diejenigen, die sagen, sie hören "eher Indie und so" ihre Vorbehalte gegen die Band. Mögliche Gründe: Julimusik ist Musik ohne Spannungen, ohne Brüche, ohne Hunger, ohne Überraschung; Julimusik ist rund aber abgeschliffen, traurig aber nicht verzweifelt, fröhlich aber nicht überdreht, rockig aber nicht schmerzhaft. Juli trifft stets die Mitte.

Nun, auch das ist eine Kunst. Man liegt jedenfalls nie ganz daneben. Und so erklärt sich auch das weite Feld der Zuhörer. Eine 17jährige im Schmuse-Würgegriff von hinten (Freund), der Papa mit der Kleinen auf seinen Schultern, überhaupt all diejenigen, denen Mia. schon "zu abgedreht" ist.



Zumindest die kurz gestreuten Ansagen der Frontfrau im Tutu lassen auf Selbstbewusstsein schließen. "Es macht uns stolz, dass dieses Lied weiterlebt. Denn das ist es, was einen Klassiker ausmacht", vermutet Briegel im Vorfeld der "Geilen Zeit". Im Zugabeteil datscht sie gegen sechs überdimensionierte, weiße Luftballons, die dann vom verzückten Auditorium hochgehalten werden.

Ein schönes Bild und ein erwartbares. Jeder Ballon ein Julilied. Songs, mit Luft aufgeblasen, luftig und leicht. Jeder Ballon ist gleichweiß und auch die Akkordfolgen der Gitarristen Pfetzing und Triebel wiederholen sich.



Es muss solche Bands geben wie Juli. Weil The Robocop Kraus nie einen Refrain komponieren werden, den jeder auf der Klassenabschlussfahrt in Lloret de Mar in die Großraumdisse brüllen kann; weil irgendjemand die Mitte ausloten soll; weil es jemanden geben muss, der jeden berührt. Und wenn es auch nur ganz kurz ist.

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[Ein großes Dankeschön für die Fotos an Stefan Renz.]