Jugendliche am Goethe-Institut: Guck mal, wer da Deutsch lernt

Julia Littmann & Kursteilnehmer

Zwölf junge Leute zwischen 15 und 17 Jahren sind derzeit in einem von mehreren Deutschkursen im Goethe-Institut vor allem mit Grammatik und mit Vokabeln beschäftigt. Sie kommen aus Australien, Bolivien, Brasilien, Kolumbien und Neuseeland. Sie lesen Nachrichten in der Zeitung und im Internet. Manche sind zum ersten Mal im Ausland. Und sie stellen einander hier in kleinen Skizzen vor.

 

Mädchen beim Rugby

Julia ist 17 und kommt aus Christchurch in Neuseeland. Sie spielt seit drei Jahren Rugby – ein Sport, der in Neuseeland so populär ist, wie in Deutschland Fußball – statt einem runden Ball ist das Spielgerät aber eine Art großes Leder-Ei. Rugby ist ein sehr kampfbetonter Sport. „Vielleicht spielen ihn deshalb vor allem Jungen und Männer“, vermutet Julia. „Jedenfalls gibt es in meiner Schule  15 Jungenmannschaften – und nur eine einzige Mädchenmannschaft“, erzählt sie.

Ein Team hat 15 Spielerinnen oder Spieler, ein Spiel dauert zwischen 60 und 80 Minuten – und die Gefahr, verletzt zu werden, ist hoch, zumindest für die angreifenden Spieler und Spielerinnen. Julia allerdings hatte bislang nie eine Verletzung. „Man trägt zwar keinen Helm oder Schienbeinschoner oder so etwas, aber einen Schutz  für die Zähne, und vielleicht spiele  ich auch besonders vorsichtig“, sagt sie und lacht.
[Adriana Sandoval, Bolivien]

Stadt mit Höhenluft

Misael ist 17 und wohnt in La Paz, der Hauptstadt von Bolivien. Die Stadt liegt auf 3800 Metern Höhe, hoch oben zwischen zwei Anden-Bergen. Misael findet das normal: „Besucher sagen immer, dass man bei uns schnell aus der Puste kommt wegen der Höhe, aber wir sind ja daran gewöhnt.“ Wegen der bergigen Landschaft fährt dort kaum jemand mit dem Fahrrad und es gibt auch keine Straßenbahnen oder Züge.

Wenn er allein wo hin will, fährt Misael mit dem Bus. „Aber bei uns fährt jeder Auto, wenn’s geht – und oft muss man das Auto auch nehmen, weil man so spät dran ist“, erklärt Misael, „deshalb bringt mein Vater mich und meinen Bruder auch meistens mit dem Auto in die Schule.“ Die liegt auch so weit weg, dass es sich lohnt: Es dauert 20 Minuten bis dorthin.
[Annie Silva, Australien]

Radeln für die Ökologie

Für den 17- jährigen Lui aus Christchurch in Neuseeland dauert der Schulweg länger: „Zu Fuß bräuchte ich etwa drei Stunden zu meiner Schule.“ Tatsächlich ist Lui rund 50 Minuten unterwegs. Aber als einziger aus dem Kurs fährt er mit dem Fahrrad, einem betagten,  aber verlässlichen Rennrad.

Er stellt fest: „In Freiburg fühle ich mich sehr zuhause, weil hier alle Fahrrad fahren.“ Eine wunderschöne Landschaft hat Lui immer um sich: Er wohnt in der Nähe der neuseeländischen Alpen – und er nutzt das auch für Wanderungen in den Bergen. Für Lui ist die Ökologie ein sehr wichtiges Thema. Als er mit seiner Familie in den Bergen gewohnt hat, benutzte die Familie dort Sonnenenergie und Regenwasser.
[Victoria Rabelo, Brasilien]

Bäume ohne Blätter


Atenea Andrea Rosales
ist 16 Jahre alt und kommt aus La Paz. Sie sagt, dass fotografieren für sie ein ganz wichtiger Teil ihres Lebens ist. Ihre Motive? Vor allem Landschaften und Häuser. In Freiburg hat sie ein völlig neues Motiv für ihre Fotos gefunden: „Am schönsten sind für mich die Bäume ohne Blätter. Die gibt es bei uns in Bolivien überhaupt nicht, bei uns sind die Bäume immer grün und so rundlich.“

Die winterlich blattlosen Bäume fotografiert sie, seit sie in Freiburg angekommen ist – und vermutet: „Nur wenige Menschen können die Schönheit im Tod sehen, diese Ästhetik der Baumgerippe.“ Etwas von dieser Schönheit will sie „in dieser ruhigen und wunderschönen Stadt“ in ihren Fotos einfangen.
[Morgan Youngberry-Walsh, Australien]

Surfen statt Sydney

Brooke ist aus Brisbane in Australien. Sie ist 16 Jahre alt. „Australien ist riesig groß“, erzählt sie, „mehr als 20 mal so groß wie Deutschland.“ Ganz groß geschrieben wird bei ihr Zuhause der Urlaub. Zweimal im Jahr geht es los. Und wenn Brooke mit ihrer Familie in die Ferien fahren will, dann wäre es zum Beispiel viel zu weit, um mit dem Auto nach Sydney zu fahren.  Deshalb fahren ihre Eltern mit ihr und ihren beiden jüngeren Brüdern am liebsten ganz in die Nähe von Brisbane.

Zwei Stunden von ihrem Haus, direkt am Strand, haben sie dort schon ewig lange ein Ferienappartment gemietet. Dort verbringen sie viel Zeit miteinander, die ihnen sonst wegen der Schule und wegen der Arbeit oft fehlt. Am Strand steht ganz oben auf der Liste „relaxen“ und schwimmen. Surfen gehen nur sie und ihre Brüder: „Ich weiß gar nicht, ob meine Eltern auch surfen können!“ Unter den Erwachsenen ist es nämlich nicht üblich zu surfen, sagt Brooke, „nur mein Onkel surft manchmal auch“.
[Delka Sanchez, Bolivien]

Gar nicht typisch


Franklin
ist 15 und kommt aus der kolumbianischen Stadt Barranquilla, die am Meer liegt. „Wer an Kolumbien denkt“, vermutet Franklin, „denkt an vieles – aber vermutlich nicht an meine Lieblingslektüre.“ Tatsächlich  gibt es am ehesten Nachrichten in Sachen Drogenhandel aus Kolumbien. Und das ärgert Franklin.

Er  hat eine originelle Auswahl getroffen: Er liest die Geschichten des berühmten fiktiven Helden Sherlock Holmes vom englischen Autor Arthur Conan Doyle. Holmes ist für seine Hartnäckigkeit berühmt und  für seine Logik und seine Kühnheit. Und Sherlock Holmes ist auf jeden Fall nicht die typische Lektüre für kolumbianische Jugendliche. Aber Franklin ist kein Fan vom Mainstream – und liebt außer den englischen Detektivbüchern auch die  richtig gute Rockmusik.
[Andy Biering, Australien]

Geigen mit Gefühl

Annie kommt aus Brisbane in Australien. Sie ist 15 Jahre alt – und bereits selber Lehrerin. Zumindest in ihrer besten Disziplin: Annie spielt Geige. Sie hat vor acht Jahren damit angefangen – obwohl ihre Eltern fanden, dass Geigenunterricht zu teuer war. Inzwischen ist sie so gut, dass niemand wollen würde, dass sie aufhört. Sie übt jeden Tag zwischen einer halben Stunde und drei Stunden – ein bisschen nach Gefühl.

Sie ist die Jüngste im Queensland Youth Orchestra – mit dem sie im Juni auf Tournee gehen wird, sowohl in Asien, als auch in Europa. Annie will auf jeden Fall mal Musik studieren: ein Bachelorstudium in Brisbane, den Master in Deutschland oder in den USA.
[Misael Herbas Billos, Bolivien]

Bach trotz Samba


Victoria
ist auch eine junge Musikerin. Die 15-Jährige kommt aus Sao Paulo in Brasilien und spielt Klavier.  Für sie ist die Musik zwar sehr wichtig, aber als Beruf stellt sie sie sich nicht vor: Victoria will Ärztin werden, denn sie möchte anderen helfen.

Die Musik wird aber ihr Hobby bleiben, denn schließlich ist sie ein Fan von klassischer Musik – allen voran Bach und Tschaikowsky. Ist das typisch für brasilianische Jugendliche? Victoria lacht: „Nein! Natürlich hört man bei uns überall Samba und solche Sachen, aber trotzdem liebe ich die Klassik mehr!“
[Lui R. Holder-Pearson, Neuseeland]

Cool mit Creme


Andy
ist aus Brisbane in Australien. Er ist 16 und erzählt, dass in seinem Land die Sonneneinstrahlung extrem hoch ist. Wegen des Ozonlochs ist diese Strahlung sehr gefährlich und kann Hautkrebs verursachen. Vor etwa 15 Jahren wurde das Bewusstsein für diese Gefahr stärker: Die Prognose lautete damals, dass jeder zweite Australier an Hautkrebs erkranken wird – und die Vorsichtsmaßnahmen wurden verstärkt.

Die offizielle Ansage ist, dass man langärmelige Hemden und lange Hosen und Sonnenbrillen tragen soll, erzählt Andy, „aber junge Leute finden das uncool und tragen lieber T-Shirts und Shorts und nehmen dafür viel Sonnencreme.“
[Franklin Martinez, Kolumbien]

Stolz auf die Familie


Delka
ist 17 und kommt aus Bolivien. Sie lebt mit ihrer Familie in La Paz und sagt:
„Ich bin stolz auf meine Familie!“ In ihrem Land und für sie selber ist die Familie ein wichtiger Wert. Delka möchte eines Tages Kinderärztin werden – und sie arbeitet hart an ihrem Ziel: Sie ist am liebsten zuhause und lernt, weil sie dort Ruhe und Konzentration findet, um ihre Hausaufgaben zu machen.

Jungen finden das eher langweilig, die Mädchen, sagt Delka mit einem Lachen, verstehen das: „Mädchen sind oft  fleißiger!“
[Brooke Nickerson, Australien]

Fast Perfekt


Morgan
ist 16 und lebt in Brisbane in Australien. Für sie ist Australien ein fast perfektes Land. Warum? Weil es dort kaum Korruption oder Gewalt und Gefahren gibt – und weil die Menschen dort sehr glücklich sind.

Sie lebt mit ihren beiden Müttern, einer Archäologin und einer Pathologin. „Für mich ist das nichts Besonderes“, sagt sie. Und auch, dass sie viel reitet und Computerspiele spielt, ist für Morgan einfach normal.
[Atenea Andrea Cuentas, Bolivien]

Tanzen, Tanzen, Tanzen


Adriana
ist aus Bolivien. Die 17-Jährige lebt in La Paz und erzählt: „Wenn ich mal Probleme habe, oder wenn es mir grad mal nicht so gut geht, dann tanze ich und es geht mir besser!“ Es gibt hunderte traditionelle bolivianische Tänze, einige davon kennt sie und kann sie selber tanzen. Tinkuy ist einer dieser Tänze. Diesen Tanz mag sie besonders gerne, es ist ein Tanz mit starken Gesten, mit dem eine ganze Geschichte erzählt wird – es geht darum, dass am Ende einer „sterben“ muss.

Ursprünglich war Tinkuy ein Tanz, der ausschließlich Männern vorbehalten war, heute tanzen ihn auch Frauen. Adriana hat ihn in einer Tanzschule erlernt. „Wenn ich tanze, vergesse ich alles um mich herum“, sagt die Vieltänzerin, die jeden Tag etwa zwei Stunden tanzt – am Wochenende sogar noch viel mehr. Adriana erzählt, dass sie seit acht Jahren bei jeder Gelegenheit tanzt: auf Partys, in der Disco, auf der Bühne, aber auch auf der Straße: „Beim Tanzen tragen die Mädchen lange Kleider und bunte Schals, die wie bunte Fahnen wehen – das sieht sehr schön aus!“
[Julia Smedley, Neuseeland]



Mehr dazu:

[Fotos: Michael Bamberger. Dieser Beitrag ist heute ebenfalls auf der 'Frisch gepresst'-Seite der Freiburger Lokalausgabe der Badischen Zeitung erschienen.]