Jugendgericht: Kopftritte bis zur Bewusstlosigkeit

David Weigend

Ein Mann wird nach dem Discobesuch in Emmendingen von einem 19-Jährigen grundlos niedergeschlagen und, schon wehrlos am Boden liegend, mit wuchtigen Tritten gegen den Kopf traktiert: Über diesen Fall von schwerer Körperverletzung musste gestern das Jugendschöffengericht urteilen.



Der Angeklagte

Kai F.*, 20, ist auf den ersten Blick ein ganz normaler Bursche aus Freiamt. Realschulabschluss, Berufskolleg, zur Zeit macht er im dritten Lehrjahr eine Ausbildung zum Elektroniker bei einem Betrieb in der Regio. Kai wohnt noch bei den Eltern, in seiner Freizeit geht er ins Fitnessstudio und zum Joggen. Ein 1,88 Meter großer, junger Mann, von kräftiger Statur und ruhigem Naturell.

Doch manchmal, da rastet er aus. Ohne ersichtlichen Anlass.

Am 20. Oktober 2005 zum Beispiel. Damals hatte er auf dem Parkplatz vor der Diskothek Atlantis in Herbolzheim zuerst mit einem Baseballschläger, danach mit einem Karabinerhaken auf einen Mann eingeschlagen. Auch bei der Straßenfasnacht war Kai aufgefallen, als er einem Gleichaltrigen ein Getränk über den Kopf schüttete und ihm hernach ins Gesicht schlug.

All dies wurde vor dem Emmendinger Amtsgericht bereits verhandelt. Gestern ging es vor dem Freiburger Jugendschöffengericht um den frühen Morgen des 4. Januar 2009.

Die Tat

Kai geht am 3. Januar um 20 Uhr zu einem Freund. Gegen 1 Uhr steuern die beiden die Discothek Inside in Emmendingen an. Im Laufe der Nacht trinkt Kai fünf kleine Bier und sechs bis acht Gläser Vodka-Cola. Betrunken ist er aber nicht. Er kann normal laufen und klar sprechen. Gegen sechs Uhr schalten die Betreiber die Raumbeleuchtung an. Kai geht raus auf den Parkplatz, wie alle anderen auch.

Dann wird es unübersichtlich. Fakt ist nur das, was die Videokamera vor der Diskothek aufgezeichnet hat: Kai kommt von links ins Bild, schlägt einem glatzköpfigen Mann, der bei einer anderen Person steht, ohne Vorwarnung von hinten ans rechte Ohr. Der Mann, Uwe S.*, sackt zusammen.

Als das Opfer schon benommen am Boden liegt und sich wieder aufrichten will, tritt Kai ihm mit voller Wucht erneut gegen den Kopf. Wie ein Fußballspieler beim Freistoß. Uwe S. liegt nun wehrlos auf dem kalten Januarboden, er hat das Bewusstsein verloren. Kai ist in der Zwischenzeit damit beschäftigt, zwei andere Männer abzuwehren, die Uwe helfen wollen. Als er sie vertrimmt hat, kehrt er zu Uwe zurück und tritt ihm noch mal kräftig ins Gesicht. Er trifft das Opfer oberhalb der Nasenwurzel. Dann zieht er ab.

„Bei solch einer massiven Gewalteinwirkung kann es durchaus zu tödlichen Verletzungen kommen“, wird der Rechtsmediziner später sagen.



Kais Version

„Viel los war im Inside nicht. Aber da waren zwei Glatzköpfe mit Springerstiefeln, schwarz angezogen. Die haben den Hitlergruß gezeigt und rumgespukt. Die Security brachte die dann raus. 20 Minuten später bin ich auch raus. Die Skins pöbelten auf dem Parkplatz Leute an. „Scheiß Ausländer“, „Deutschland den Deutschen“, solche Sprüche. Mich nannten sie einen „Pisser“. Den Hitlergruß zeigten sie auch wieder.

Sowas kann ich nicht haben, das regt mich auf. Ich kann nicht verstehen, wie man so eine Einstellung haben kann. Ich bin auch mit Jugos und so befreundet. Jedenfalls herrschte dann eine ziemlich aggressive Stimmung auf dem Parkplatz. Jeder hat jeden angeschrien.

Die blöde Anmache ging weiter. Ich hab’ die zwei Skins an ihren Köpfen genommen und so zusammengedongt. Nicht fest. Dann wollte ich zum Bahnhof. Die Typen liefen mir hinterher und riefen nach mir. Also bin ich zurück. Den einen hab ich runtergetreten, aber nicht fest.

Der Typ ist umgeflogen. Der Zweite wollte ne Flasche nach mir werfen, die ist vorbeigeflogen. Der Erste wollte wieder aufstehen, da hab ich ihm noch mal nen Tritt vor die Brust gegeben. Diesmal fester.



Uwes Erinnerung

Uwe S. ist 39 und arbeitet als selbständiger Fahrradkurier. Er sagt: „Ich bin in besagter Nacht mit einem Bekannten ins Inside gegangen. Wir tranken Bier und Schnaps. Mein Kumpel hat keine Glatze, aber kurze Haare. Wir waren auf der Tanzfläche. Die Stimmung war gut, es gab mit niemandem Stunk. Als die Disco dichtmachte, gingen wir raus. Auf dem Parkplatz standen noch einige Leute rum, es war aber ruhig.

Ich stehe also draußen mit meinem Kumpel. Plötzlich kriege ich von hinten nen satten Schwinger aufs Ohr. Ich falle hin, immerhin bin ich schon ein wenig betrunken. Ich will mich gerade aufrappeln, da kriege ich nen harten Tritt gegen die Schläfe. Bei mir gehen die Lichter aus. Bewusstlosigkeit, Amnesie, Filmriss.

Das erste, woran ich mich wieder erinnern kann, ist, wie ich im Krankenhaus Betäubungsspritzen bekam, weil mein linkes Ohr genäht werden musste. Ich wurde da anscheinend mit dem Krankenwagen hingebracht, hatte eine Gehirnerschütterung und mehrere Platzwunden und ein Hämatom am Kopf.

Die Haare habe ich mir abrasiert, weil ich als Fahrradkurier Berufssportler bin. Dass mich dieser Mann da als Nazi tituliert, ist eine unglaubliche Frechheit. Ich wohne in einer Wagenburg. Vielleicht wissen Sie, welche Meinung man in der linken Szene zu Nazis hat. Ich würde eher im Gegenteil behaupten: Die Methoden, die Kai angewendet hat, sind dem rechten Spektrum zuzuordnen.

Ich habe diesen Typen noch nie zuvor gesehen und habe keine Ahnung, warum er mich angriff. Ein Polizist sagte mir: „Die Art, wie er sie zugerichtet hat, sieht man sonst eher im Zuhältermilieu.“

Die Attacke prägt meine Psyche bis heute. Ich habe Angst vor diesem Mann. Im Supermarkt zum Beispiel. Was ist, wenn der plötzlich vor mir steht? Als bekannt wurde, dass er der Schläger vom Inside war und meine Anwältin Schadensersatzforderungen an Kai gestellt hat, stand der einen Tag später mit drei Kollegen bei mir vor der Tür. Als meine Freundin ihm sagte, dass ich ihn nicht sehen will, sagte er, er komme später wieder. Ich habe Angst vor seiner Rache.

Es hat mich einige Überwindung gekostet und es ist mir sehr unangenehm, heute im Gericht zu erscheinen.

Das Urteil

Kai F. bekommt trotz seiner Volljährigkeit (20) eine Jugendstrafe. Er wird wegen schwerer Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und neun Monaten auf Bewährung verurteilt. Die Bewährungszeit beträgt zwei Jahre. Außerdem muss Kai F. 1000 € Schmerzensgeld an das Opfer bezahlen, weitere Schmerzensgeldansprüche hat die Anwältin von Uwe S. bereits geltend gemacht.

Kai F. muss an einem Anti-Gewalt-Training teilnehmen und wird sechs Monate lang seinen Alkoholkonsum in der Öffentlichkeit einschränken müssen: Zwischen 23 Uhr und 6 Uhr darf er nicht mehr als 0,5 Promille Alkohol im Blut haben.

Die Richterin sagt: „Ein derartig brutales Vorgehen gepaart mit der unglaublichen Gefühlskälte müsste eigentlich ohne Bewährung geahndet werden. Dennoch haben wir uns im Fall von Kai F., wenn auch mit großen Bedenken, für das Jugendstrafrecht und eine Bewährung entschieden, da wir den Erziehungsgedanken als vorrangig erachten.

Ausschlaggebend dabei ist, dass sich Kai F. mitten in der Lehre befindet, die er bisher erfolgreich absolviert. Auch sonst scheint sich Kai in einem intakten sozialen Umfeld zu bewegen. An einem Anti-Gewalt-Training nach der ersten Verurteilung im Juli 2006 hatte er mit bescheinigtem Erfolg teilgenommen.



Epilog

Die Hauptverhandlung konnte keinen Anlass für den aggressiven Übergriff zu Tage fördern. Handelte es sich beim Opfer vielleicht doch um eine Verwechslung? Die Nazi-Vorwürfe Kais erscheinen jedenfalls absurd.

Die Betrachtung des Parkplatzvideos löste bei den Anwesenden im Gerichtssaal Bestürzung aus. Nicht nur wegen der Brutalität der Tat, sondern auch wegen der Tatsache, dass wieder einmal eine Gruppe von etwa sechs Leuten tatenlos danebenstand und nicht eingriff. Immerhin holte ein Mädchen die Türsteher.

[*Namen von der Redaktion geändert]

Mehr dazu: