Jürgen Todenhöfer in Freiburg: "Was wir in Paris erlebt haben, das haben wir zwei Jahrhunderte lang dem Nahen Osten angetan"

Paul Kramer

Jürgen Todenhöfer hat den IS bereist, Terroristen interviewt, und ein Buch darüber geschrieben. Früher ist er in Freiburg zur Schule gegangen, hat hier studiert und sogar ein Semester lang Jura gelehrt – am Donnerstagabend war er wieder da, zu einer Vorlesung im Bürgerhaus am Seepark:



Der Star des Abends

Ein ausverkauftes Bürgerhaus, hunderttausende Fans in den sozialen Netzwerken, unzählige verkaufte Bücher. Todenhöfer fasziniert, weil er auf drängende Fragen Antworten gibt. Wer ist Schuld am Chaos im Nahen Osten? Was können wir im Westen tun? Gibt es Hoffnung?

Für ihn und seine Anhänger ist klar, dass er es wissen muss, schließlich war er da, vor Ort. Die Reise durch das Territorium des IS im Irak und Syrien, von der sein Buch handelt, ist nur eine von vielen seiner riskanten Unternehmungen in Krisenregionen. „Inside IS – 10 Tage im Islamischen Staat“ ist Todenhöfers Versuch, den Feind kennenzulernen, das Grauen zu zeigen, und den IS zu verstehen.  

Die Faszination lebt auch davon, dass Todenhöfer so wandelbar ist: Promovierter Jurist, erzkonservativer CDU-Abgeordneter im Bundestag, dann Burda-Vorstand, heute Publizist und Autor, der gegen die USA, Israel und den Westen wettert. Todenhöfer spielt all diese Karten geschickt aus, wenn er die Entschlusskraft des Politikers, die Glaubwürdigkeit des Journalisten und den Pragmatismus des Managers aufblitzen lässt. Eloquenz, Charme und Rüstigkeit tun ihr übriges, um ein Publikum mitzunehmen, das sich nach Wahrheiten sehnt.

Das Publikum

Das Bürgerhaus Seepark ist voll, und es hätte noch sehr viel voller sein können, wäre es nach Jürgen Todenhöfer gegangen. „Die deutsche Gründlichkeit hat gesiegt“ sagt er kopfschüttelnd, er habe den Hausmeister nicht bewegen können, alle reinzulassen. Damit erntet er den ersten Lacher von allen, die drin sind.

Das sind auffallend viele Studenten und Schüler, gemischt mit dem Freiburger Bildungsbürgertum. Auch darunter: einige junge Muslime, die begeistert mitklatschen, als Todenhöfer mit einer halben Stunde Verspätung den Raum betritt – er hat noch eben allen, die ohne Karte draußen standen, eine Minilesung im Foyer gegeben.  

Todenhöfers Thesen

Todenhöfer will den Knoten lösen, der den Nahen Osten seit Jahrzehnten ans Unglück bindet. Sein Ziel ist der Weltfriede, und seine Lösung: Waffenlieferungen durch die Golfstaaten an den IS stoppen, die Türkei bei der Grenzsicherung unterstützen und die Aussöhnung von Sunniten und Schiiten in Syrien vorantreiben.

Das Publikum nickt meist bedächtig und klatscht laut, wenn Todenhöfer dem Westen und den USA die Schuld gibt: Seit 14 Jahren werde Krieg gesät und Terror geerntet. Der Islamische Staat ist für ihn das Baby von George W. Bush, und um den Iran zu schwächen, habe der Westen auf die extremistischen Rebellen gesetzt und sich verzockt. Sowieso: „Was wir in Paris erlebt haben“, sagt Todenhöfer, „das haben wir zwei Jahrhunderte lang dem Nahen Osten angetan.“



Wer ist dagegen?

Die Jusos, die draußen mit den Flaggen Israels und der USA protestieren, sehen es kritisch: Meinungsmache und Hetze nennen sie das, was Todenhöfer drinnen treibt. Ein Zuhörer im Saal fragt ihn, ob denn politischer Populismus und die Anbiederung an Terroristen und Diktatoren zielführend seien.

Er erntet kaum  Applaus und eine dürre Antwort. Echte Kritik an Todenhöfers  Darstellungen der geopolitischen Zusammenhänge ist an diesem Abend nicht vorgesehen, und sie fiele auch kaum auf fruchtbaren Boden – zu glatt sind Todenhöfers Argumentationen.

Was bleibt von diesem Abend?

Demagoge, politischer Geisterfahrer, weltfremder Irrer - so nennen ihn seine Kritiker. Klar ist, dass Todenhöfer ein Produkt verkauft: Klare Kante und selbst bezeugte Erkenntnisse zu offenen Fragen. Die Nachfrage ist groß, am Donnerstagabend sind fast 500 Menschen da, sie nicken, lachen, klatschen – es ist ein netter Abend, trotz der schweren Kost.

Hellwach und wortgewandt führt Todenhöfer mühelos durch zweieinhalb Stunden Lesung und Gespräch. Man muss ihm deshalb nicht alles glauben. Nur vielleicht manch einem seiner Argumente eine Chance geben. Zum Beispiel diesem, von Todenhöfer nach Albert Einstein zitiert: Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.

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[Fotos: Florian Kech]