Jürgen Grässlin: "Litef ist Freiburgs tödlichstes Unternehmen"

Jonas Nonnenmann

Die Freiburger LITEF GmbH fertigt Navigationsgeräte für Luft-, Land- und Marineanwendungen. Der Rüstungskritiker Jürgen Grässlin behauptet im fudder-Interview: "Ich kenne kein anderes Unternehmen in Freiburg, das so schamlos von den Kriegen in aller Welt profitiert."



Zur Person: Jürgen Grässlin

Als Bundessprecher der Deutschen Friedensgesellschaft - Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK), Sprecher der Kritischen AktionärInnen Daimler (KAD), Sprecher des Deutschen Aktionsnetzes Kleinwaffen Stoppen (DAKS) und als Vorsitzender des RüstungsInformationsBüros (RIB e.V.) setzt sich Jürgen Grässlin für Abrüstung und gegen Waffenexporte ein. Grässlin ist Autor einer Vielzahl kritischer Sachbücher über Rüstungspolitik, laut Die Zeit ist er Deutschlands bekanntester Rüstungsgegner. Im November 2009 erhielt Grässlin von der Solbach-Freise-Stiftung einen Preis für Zivilcourage.

Herr Grässlin, gibt es in Freiburg Unternehmen, die am Waffenexport beteiligt sind?

Leider ja. Die Firma Litef etwa stellt faseroptische Navigationssysteme für Kampfflugzeuge, Kriegsschiffe und Landfahrzeuge her. Litef hat einen Jahresumsatz von mehr als 100 Millionen Euro und ist Teil von Northrop Grumman, dem viertgrößten Waffenexporteur der Welt.

In welche Länder exportiert Litef Militärtechnik?

Litef stellt den Bordcomputer und Militärelektronik für das Kampfflugzeug Eurofighter/Typhoon. Demnächst sollen 70 Eurofighter an Saudi-Arabien geliefert werden, ein Land, in dem schwere Menschenrechtsverletzungen an der Tagesordnung sind. Viele weitere menschenrechtsverletzende Empfängerländer, wie Pakistan, wären zu nennen.

Abgesehen vom Eurofighter – woran arbeitet Litef gerade?

Derzeit entwickelt Litef offenbar Bestandteile für die Kampfdrohne Neuron. In Zukunft, so meine Prognose, werden solche Drohnen im Krieg in Afghanistan und Pakistan eingesetzt. Entgegen der Behauptung des US-Pentagon sind Drohnen längst nicht so zielgenau, wie propagiert wird. Wiederholt wurden Zivilistinnen und Zivilisten getötet.



Wie bedeutend ist Litef?

Ich kenne kein anderes Unternehmen in Freiburg, das so schamlos von den Kriegen in aller Welt profitiert. Litef ist Freiburgs tödlichstes Unternehmen. Und das wohlgemerkt in einer Stadt, die gerne mit dem Image einer Ökostadt wirbt. Also einer Stadt, die vorgibt, Gutes zu tun.

Was raten Sie kritischen Mitarbeitern?

Wenn ich einen Rat geben darf: Erklären Sie der Geschäftsleitung, dass Sie ausschließlich in der zivilen Produktion arbeiten werden. Falls das nicht zugestanden wird, würde ich kündigen. Wer eine so qualifizierte Ausbildung hat, wie die von Litef, der ist sicher in der Lage, einen vergleichbar finanzierten Arbeitsplatz in Südbaden zu finden. Außerdem erwarte ich, dass der Betriebsrat endlich Vorschläge für die Umstellung auf zivile Produktion vorlegt.

Gibt es weitere Rüstungsunternehmen in Freiburg?

Nicht in vergleichbarem Umfang. Allerdings ist das Fraunhofer-Institut in der Militärforschung tätig.



Am 1. September startet ihre Aktion Aufschrei. Worum geht es in der Kampagne?

Zum einen wollen wir aus Krisengebieten Opfer deutscher Waffen einladen und ihnen dadurch eine Stimme geben. Ein weiteres Ziel ist es, Rüstungsexporteure öffentlich zu ächten. Um das zu erreichen, werde ich Interviews mit etwa 100 führenden Persönlichkeiten führen. Auf meiner Interviewliste stehen so unterschiedliche Menschen wie Horst Köhler, Papst Benedikt und Vertreter der Waffenfabriken Heckler & Koch und Daimler/EADS.

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel steht auf ihrer Liste. Glauben Sie im Ernst, dass die Bundeskanzlerin zusagt?

Selbstverständlich gehe ich davon aus, dass uns Frau Merkel ein Interview gibt. Diese Kampagne wird noch breiter angelegt sein als die vorherigen. Wir suchen die Kooperation mit Menschenrechtsorganisationen, den beiden großen Kirchen, Gewerkschaften und vielen anderen. Deshalb kann ich mir nicht vorstellen, dass uns jemand nicht ernst nimmt. Sollte es doch Absagen geben, publizieren wir auf unserer Website als „Interview der Woche“ eben eine schwarze Seite und machen so die ablehnende Antwort publik.



Die Kanzlerin steht dem Bundessicherheitsrat vor, der über die brisantesten Waffendeals entscheidet. Werden Sie ihr trotzdem die Hand geben?

Aber sicher. Auch Angela Merkel steht mir nicht als Massenmörderin gegenüber. Allerdings legitimiert sie als Vorsitzende des Bundessicherheitsrats eine Politik, die über besonders brisante Rüstungsexporte entscheidet. In diesem Sinne verantwortet sie bisherige Waffentransfers.

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