Interview

Judith Holofernes im Interview: "Ich werde immer radikaler im Denken und Handeln"

Peter Disch

"Ich bin das Chaos" heißt das zweite Soloalbum von Judith Holofernes. Die Unordnung, so sagt sie, sei jedoch rein äußerlich: "Innerlich bin ich inzwischen sehr aufgeräumt".

Zwei Jahre nach ihrem Solodebüt "Ein leichtes Schwert" veröffentlicht Judith Holofernes ihr zweites Album "Ich bin das Chaos", das sie mit dem Singer/Songwriter Teitur Lassen von den Färöer Inseln geschrieben hat.

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BZ: Wie chaotisch ist Judith Holofernes?
Holofernes: Ich habe sehr chaotische und sehr geordnete Seiten. Innerlich bin ich inzwischen sehr aufgeräumt, äußerlich versinke ich immer noch im Chaos.

BZ: Manche Künstler haben ein Büro, in dem sie zu immer denselben festen Zeiten schreiben. Wäre das was für Sie?
Holofernes: Es gibt Leute, die brauchen das. Ich habe immer einen Drang zu schreiben. Ich leide an allen möglichen Sachen, aber nicht am Schreiben.

BZ: Gibt es Songs in Ihrem Repertoire, die wie von selbst entstanden sind?
Holofernes: "So weit gekommen" von der neuen Platte habe ich auf einem dreistündigen Spaziergang geschrieben. Komplett im Kopf. Das war ein bisschen fahrlässig – aber ich hatte nichts zu schreiben dabei. Der Rhythmus des Laufens hilft, weil man in einem Groove schreiben kann. Der hilft dann auch, sich alles zu merken.



BZ: Ein Song wie "Der letzte Optimist" würde in seiner erhabenen Melancholie als Titellied einer jeden skandinavischen Krimiserie durchgehen. Ist das Teitur Lassens nordischer Einfluss – oder ist das ein Klischee?
Holofernes: Ich habe schon immer einen Hang zur Albernheit, aber auch zur Schwermut. Der nordische Einschlag kommt definitiv von Teiturs Klavierspiel. Wenn er Klavier spielt, ist man sofort melancholisch.

BZ: Danke für das Stichwort Albernheit. "Freude schöner Götterfunken" als Intro zu verwursten oder den alten Stimmungshit "Ein Loch ist im Eimer" des Medium Terzetts zu verwenden...
Holofernes: Ach schön, der Erste, der das merkt.

BZ: Geht Ihnen die Albernheit, Pardon, auch mit zunehmendem Alter nicht verloren? Wie schmal ist da der Grat? Lustigkeit ist ja ein sehr diffiziles Thema.
Holofernes: Ich weiß, dass viele finden, Humor hat in der Musik nichts verloren. Ich habe das nie geteilt. Meine Lieblings-Songwriter sind immer die, die beides beherrschen. Ich werde wahrscheinlich immer zwischen Albernheit und Poesie oszillieren.

BZ: Die Texte des Albums spiegeln die großen Themen im Kleinen. Geregeltes Leben, Sorgen und Ängste um die Lieben statt um die Welt. Hadern Sie manchmal, dass Sturm und Drang vorbei sind?
Holofernes: Im Gegenteil. Ich empfinde das überhaupt nicht so. Wenn Songs jetzt weniger explizit politisch sind, hat das damit zu tun, dass ich diese Lieder schon relativ gründlich geschrieben habe. Ich habe mich immer für das menschliche im politischen Handeln und dessen Wurzeln interessiert. Ich interessiere mich für Angst, Sicherheitsbedürfnis, Chaos und Getrenntheitsgefühle – also für alles, was für mich der Ursprung des politischen Handelns ist. Ich unterscheide da gar nicht. Die Texte sind heute verklausulierter, aber sie kreisen eigentlich um die selben Fragen. Dass man älter und gesetzter wird? Das kommt mir gar nicht so vor. Ich habe eigentlich das Gefühl, ich werde vielleicht nicht expliziter, aber immer radikaler im Denken und Handeln.

BZ: Da wüsste man jetzt gerne, wie das in der Praxis aussieht – die radikal handelnde Judith Holofernes.
Holofernes: Na, konsequenter im zu Ende denken. Früher habe ich oft gesagt, dass ich mich hauptsächlich mit der Suche nach dem Glück befasse. Ich merke immer mehr, dass Glück gar nicht das richtige Wort ist. Dass es viel eher um Freiheit und bestimmte Denkmuster geht. Ich habe mich immer mehr für Philosophie als für Politik interessiert.



BZ: Wie vor zwei Jahren noch die Frage: Spielen Sie auf der anstehenden Tour Helden-Songs? Damals war die Antwort: "Das kann ich mir nicht vorstellen".
Holofernes: Jetzt will ich wieder Songs der Band ins Programm aufnehmen. Die Singles zu spielen kann ich mir noch nicht vorstellen. Nicht aus Snobismus und Abgrenzung. Sondern weil ich zu viele Bilder im Kopf habe, weil sie zu stark mit der Band verbunden sind. Das wäre, als würde man mit dem neuen Partner Händchen haltend auf derselben Bank sitzen wie mit dem alten. Aber es gibt so etwas wie kollektive Lieblingssongs, die nie Singles waren. In diesen Gewässern werde ich fischen. Es soll aber bitte trotzdem niemand "Denkmal, Denkmal" rufen.
Judith Holfelder-von der Tann alias Judith Holofernes, 40, ist in Freiburg aufgewachsen. Ihre im Jahr 2000 gegründete Band Wir sind Helden, die über eine Million Alben verkaufte, liegt seit 2012 auf Eis.
  • Judith Holofernes: Ich bin das Chaos (Därängdänggäng/ Embassy of Music).
  • Konzert: Freiburg, Jazzhaus, Samstag, 29. April 2017, 19.30 Uhr