Jonas Birthelmer: Mit Dylan’sche Raspeligkeit und Naidoo’sche Geschmeidigkeit

Thomas Steiner

Man konnte ihn schon als Sänger in der Band "Was bleibt" erleben oder im EU-Projekt "European Songbook", man kann ihn immer noch als Mitglied der Dylan Night Band erleben oder als Interpret von Woody-Guthrie-Songs. Jonas Birthelmer ist ein Musiker, der sich nicht auf eine Sache beschränkt, nicht aufs stille Kämmerchen, nicht auf ein Land. Aber stets bleibt er auf dem Weg zu seiner eigenen Stimme. Noch ist der 26-Jährige Student des Freiburger International Music College. Aber in nicht allzu ferner Zukunft könnte er sich einen bekannten Namen machen.



Man braucht sich nur die vier  Songs anhören, die Birthelmer  vorgestern auf seine My-Space-Seite gestellt hat. „Lichter“ zum Beispiel: Wie da ein Du angesungen wird, das das Fenster schließt, um die Nacht auszusperren, das die Augen schließt, um das Gegenüber auszusperren,  das ist von rauer Zärtlichkeit. Mit einer  Stimme gesungen, die eine Dylan’sche Raspeligkeit hat, aber auch eine Naidoo’sche Geschmeidigkeit.


Mit amerikanischen Songs ist Jonas Birthelmer in Heilbronn aufgewachsen. Sein Vater, ein Künstler, brachte ihm mit ihnen das Gitarrespielen bei. Bis zum Abitur, so erzählt Birthelmer, hörte er Dylan oder Paul Simon, auch deutsche Liedkünstler wie Reinhard Mey oder Rio Reiser. Dann absolvierte er seinen Zivildienst in Israel, in Haifa. „Dort habe ich mich geöffnet“, sagt er. Er begann Blues und Jazz zu hören, Weltmusik. Und gründete die Band Jonas and the Whales.

Die Kultur Israels beeindruckte ihn so, dass er sich nach der Rückkehr an der Heidelberger Universität für Jüdische Studien einschrieb. Nur um zu merken, dass er nicht Wissenschaftler sondern Musiker werden wollte. Nach Israel ging es trotzdem wieder: nach Tel Aviv an die Rimon School of Jazz and Contemporary Music. „Dort  ist mir klar geworden, dass Musik machen heißt, ein Umfeld aufzubauen“, sagt Birthelmer. Das wollte er dann doch lieber in Deutschland. Und kam ans Freiburger International Music College.  Im nächsten Sommer wird er hier seinen Abschluss machen.

Über Tel Aviv hat er noch ein Lied geschrieben. Es wurde in Israel im Radio gespielt. In drei Sprachen singt Birthelmer es: Deutsch, Hebräisch, Englisch. Demnächst steht Birthelmer mit „Tel Aviv“ auch in Wiesbaden im Finale des Deutschen Rock- und Pop-Preises.

Dass die Musik eine eigene Sprache ist, dass Klänge sich mitteilen können, auch wenn man die Worte nicht versteht, das ist eine Erfahrung, die Birthelmer beim „European Song Book“-Projekt am IMC gemacht hat (fudder berichtete): Studenten wie er aus Freiburg, Nancy, Liverpool und Helsinki trafen sich, von der EU gefördert, um gemeinsam an Songs zu arbeiten. Das Ergebnis ist auch auf Birthelmers My-Space-Seite zu hören (und zu sehen).

Was jetzt sein Ziel ist: in seinen deutschen Liedern seinen eigenen Ton finden. Beim Englischen hat er mittlerweile das Gefühl, sich zu verstecken. Lieber will er Gefühle in seiner Muttersprache ausdrücken. In Bildern wie diesem aus dem Lied „Wenn du gehst“: „Wenn du gehst / dreht sich die Welt ohne dich / Wenn du bleibst / bleibt sie stehen ohne dich / Kann schon sein / keiner versteht dich und die Welt“.

Während des Studiums gründete Birthelmer die Band Was bleibt, die mit funky Indierock von sich reden machte. Ihr Song „Radio“ kam auf die Sampler-CD „Freiburg Tapes Volume IV“. Zwei Musiker der Gruppe spielen jetzt in der Jonas Birthelmer Band mit. Ihr erstes Album will der Sänger nächstes Jahr fertig haben.

Einstweilen kehrt er zu seinen Anfängen zurück. Unter dem Titel „Tom Joad’s Trauben“ gestaltet er morgen in Emmendingen mit dem Heidelberger Schauspieler Klaus Mombrei einen Abend, der von der großen amerikanischen Wirtschaftskrise der 20er und 30er Jahre erzählt. Mombrei liest aus John Steinbecks Roman „Die Früchte des Zorns“. Birthelmer singt Songs aus Woody Guthries Album „Dust Bowl Ballads“, Songs über Menschen im Elend. „Eine rohe Art von Poesie“ hätten die Songs, sagt Birthelmer.

Kennengelernt haben der Vorleser und der Sänger sich bei einer „Dylan Night“. Mit dem Denzlinger Hajo Lorenz hat Birthelmer in den vergangenen Jahren an die 50 Konzerte gegeben, in denen sie Songs seines Jugendhelden interpretierten. Im Januar sind sie wieder auf kleiner Regio-Tour – diesmal auch mit einem Vorleser.

Was: Jonas Birthelmer & Klaus Mombrei
Wann: Samstag 5. Dezember 2009, 20 Uhr
Wo: Emmendingen, Schlosskeller

Was: Dylan Night
Wann: Mittwoch, 13. Januar 2010
Wo: ChaBah, Kandern

Wann: Donnerstag, 14. Januar 2010
Wo: Mehlsack, Emmendingen
Wann: Samstag, 16. Januar 2010
Wo: Schloss, Ettlingen

Wann: Freitag, 19. Februar 2010
Wo: Biermichel, Kehl-Neumühl

Mehr dazu:

[Foto: Promo; Dieser Text erschien heute ebenfalls im Kulturteil der Badischen Zeitung.]