Jolly Goods: Wälzen hinter Haargardinen

Alexander Ochs

"Jolly good", pflegte ein Englischlehrer zu sagen, wenn er Lob verteilte. Zwei Mädels aus dem Odenwald, zarte 16 und 19, nennen sich auch so. Ob ihr Auftritt in der E-Bar am Freitag tatsächlich das englische Prädikat verdient? Alex war für fudder dabei.



Lo-fi-rockig

Fünf Musiker, drei Acts – mit kleinerer Besetzung geht es kaum. Die Ältesten durften zuerst ran: The No-Go’s, bestehend aus Dr. Bob an der Schrammelgitarre und MC Heimorgel an den Tasten, servierten krächzenden und knarzenden Lo-Fi-Punk, wie sie es nennen. Da klang zwar auch mal ein bisschen Country durch.

Aber schön „lo-fi-rockig“ wurde es, als Dr. Bob eine herrlich verzerrte Rockgitarre ins Spiel brachte, zu der kontrapunktisch die wackelnde Orgel stetig nudelte; ganz so, als wollten sie die Musikgeschichte schreddern. Da passte die Coverversion des Velvet-Underground-Klassikers „I’m waiting for my man“ ins Bild.



Deftig

Danach stand die Bühne in der E-Bar im Zeichen der mutigen Mädels. Zuerst betrat Dillon, eine junge, introvertierte Frau aus Berlin, die Bühne mit Laptop, Keyboard, Megaphon und Trillerpfeife. Sie wirkt fragil. Mit ihrer großartigen Stimme kreuzt sie Depri-Balladen à la Björk mit einer eigenwilligen Variante des Singer/Songwritertums.

Als ein Discobeat satte Bässe durch die Boxen pumpt, lässt sie ihr Mikro kurz über die Keyboard-Tasten huschen, wiederholt immer wieder dieselben Textpassagen, „Me and my whistle, me and my whistle“, und bläst zum Schluss zwei, drei Mal kräftig in die Trillerpfeife – das sitzt, die Frau hat Potenzial. „Fuck it up, suck it all, motherfucker!“ Mit deftigen Worten auf den Lippen verlässt sie die Bühne, kniet im Publikum nieder – und trollt sich.



Dampflokgleich

Als Bindestrich-Oase entpuppt sich die musikalische Selbstbeschreibung der Jolly Goods: 2-Girls-Lo-Fi-Garage-Beat-Punk-Trash heißt das dann. Und so klingt es auch. Sie gehen vollends auf in der Pose der zornigen Riot Girls und sind alles andere als zimperlich.

Insbesondere Tanja Pippi an der Gitarre: Kein einziger Augenaufschlag gilt dem Publikum, wobei die Augen ein gut gehütetes Schattendasein hinter der fransigen Haargardine führen.

Keine einzige Ansage entfleucht den Lippen des Duos, die sonst so eindeutige Botschaften wie „Too dumb to love“, „Girl move away from here“, „Worry & bury“ und „You look like shit“ dampflokgleich ausstoßen. Sie schreien, kreischen und singen zu etwa gleichen Teilen. Angy an den Drums zieht den Rhythmus an, verschleppt ihn wieder, im steten Wechsel, während Tanja Pippi Riff-Rock-Elemente hinschludert, die Gitarre fiepen lässt und sich an Rückkoppelungseffekten ergötzt.

Kalkuliert wild

Das klingt roh und unbehauen und schreit förmlich nach der Kritiker-Platitüde vom frischen, unverbrauchten Sound. White-Stripes-Besetzung? Ja, klar. Aber ob sie sich je durch eine umfangreiche Musikbibliothek gehört haben, bleibt fraglich. Sie ziehen ihr Ding durch, mutig, schräg und trashig. "her.barium" lautet der nicht minder schräge Titel ihres Debütalbums. Herbarien kannte ich nur aus dem Biounterricht. Ein musikalischer Kräutergarten, in dem querbeet Pflänzchen sprießen und wuchern? Oder eher Chemie? Ihr Barium?



Am Ende, da wird die Gitarre mit dem Drumstick malträtiert, mit dem Fuß getreten, am Schlagzeug entlanggeschrammelt. Nur gut, dass gleich noch zwei Instrumentenständer mit umfallen. Das wirkt einerseits wild und richtig riot-girl-like, andererseits gewollt wild, bewusst kalkuliert.

Während Angy, jetzt sanft und ruhig, minutenlang dieselbe Textzeile wiederholt („Checkin’ out is wrong“), wälzt sie sich auf dem Boden und zieht ihre Stiefel an. Und dann ist es Zeit für sie auszuchecken. „Jolly good“? Naja, ausbaufähig.