Joinmymeal.com: Wie wildfremde Menschen bei mir Lasagne al Forno gegessen haben

David Seitz

Ein Mini-Restaurant im eigenen Wohnzimmer: Auf Joinmymeal.com verabreden sich Hobbyköche mit hungrigen Essern zu einem günstigen Abendessen in privatem Ambiente. Der Freiburger Manuel Ufheil hat das Portal Anfang 2014 in München gelauncht - sein Startup nimmt nun langsam Fahrt auf. Unser Autor hat die Mitesszentrale in München getestet.



Keine fünf Minuten hat es gedauert, jetzt bin ich der Chef meines eigenen Restaurants. Zumindest für einen Abend und mit einer überschaubaren Gästezahl. Möglich macht das die Website Joinmymeal.com. Dort habe ich mich angemeldet, ein Datum festgelegt und bekanntgegeben, dass ich mit Freunden an einem Mittwoch Ende Oktober Lasagne al Forno kochen werde. Das kann ich gut und dabei bleibt in der Regel sehr viel übrig, deshalb habe ich drei Plätze für weitere Mitesser angeboten. Nach nur zwei Stunden geht per Mail die erste Anfrage ein und bereits am folgenden Tag ist mein Wohnzimmertisch voll ausgebucht. Ein Klick zur Bestätigung genügt und auf meiner Gästeliste stehen Sarah, Anne und Manuel.


Eine Woche später ist es dann soweit: Ich erwarte Gäste, die ich noch nie zuvor getroffen habe. Ich fühle mich wie vor einem Gruppen-Blind-Date. Ein wenig Nervosität kann ich nicht leugnen, als es um Punkt 19 Uhr an der Tür klingelt - Sarah kommt ein paar Minuten früher. Wir stecken noch mitten in den Lasagne-Vorbereitungen und sie schnappt sich spontan den Job als Lasagne-Schichter. Vorsichtig setzt sie Nudelplatten auf Zucchini-Würfel, gießt Kürbiscreme darüber und erzählt von ihrem Praktikum. Erst seit ein paar Wochen lebt sie in München und kennt hier fast niemanden. "Außerdem bin ich echt ein Kochmuffel", sagt sie. Sarah verkörpert die Zielgruppe von Join my Meal perfekt: Sparsam, gesellig, hungrig und kochfaul.

Join my Meal verschmilzt drei reizvolle Angebote auf einer Plattform. Günstig und gut essen, neue Kontakte außerhalb des eigenen Umfelds knüpfen, verbunden mit einem Hauch Blind-Dating. In Gesellschaft macht Essen einfach mehr Spaß - das verleitet wiederum Hobbyköche wie mich dazu, meine Kreation mit anderen zu teilen. Hobbyköche verdienen bei Join my Meal nichts, die Preise pro Portion bewegen sich meist zwischen zwei und vier Euro, doch zumindest die Ausgaben für das Essen sind damit gedeckt. Meine Lasagne hat mich an diesem Abend keinen Cent gekostet. Wer sich über Angebote auf der Plattform bereichern will, muss ein Restaurantgewerbe anmelden - das ist in den Geschäftsbedingungen festgehalten.

Join my Meal versteht sich als reine Vermittlungsplattform, theoretisch können auch Restaurants dort Plätze zu Randzeiten anbieten. Gegen acht Uhr klingelt es erneut, regendurchnässt steht dort Anne und streckt mir eine Flasche Sekt entgegen. Hinter ihr wartet auch Gast Nummer drei: Manuel Ufheil. Der 24-Jährige ist heute ein Sondergast, er ist der Gründer von Join my Meal und gebürtiger Badener. Die Lasagne wartet schon auf dem Tisch "Die isch echt richtig gut!" lobt er in breitestem Badisch, er fühlt sich wohl zwischen lauter Fremden.



Ufheil stammt aus Wasenweiler bei Ihringen am Kaiserstuhl. 2011 zieht er nach München, um dort Maschinenbau zu studieren. Er tauscht die Familienküche gegen eine Mini-Küche im Wohnheim ein und vermisst vom ersten Tag an das gemeinsame Abendessen in kleiner Runde. Die plötzliche Isolation macht ihm zu schaffen. "Im Wohnheim haben die Leute einfach nebeneinander her gelebt und nix voneinander mitbekommen", sagt er über die ersten Monate in der ungewohnten Umgebung. Zusammen mit seiner Freundin Susanne Höschel arbeitet er das Konzept für ein Portal aus, bei dem sich kochbegeisterte und hungrige Menschen treffen und von der Gesellschaft der anderen profitieren. Sein Vater, selbst Unternehmer, empfiehlt ihm eine GmbH zu gründen, zusammen finanzieren sie die Website.

Ende Dezember 2013 geht Join My Meal online - zunächst ohne dass jemand davon Kenntnis nimmt. Die ersten PR-Maßnahmen beschränken sich auf das studentische Umfeld. "Wir sind im Wohnheim von Tür zu Tür gezogen, haben Muffins verteilt und die Seite vorgestellt."

Mittlerweile sind rund 1500 Nutzer auf der Plattform registriert, jeden Tag kommen fünf bis zehn neue dazu. Dass es noch nicht mehr sind erklärt sich Manuel Ufheil so: "Ich glaube, dass viele Angst davor haben, fremde Menschen zu sich in die Wohnung einzuladen."
Wie schnell aus wildfremden Menschen vertraute Genussgenossen werden können, erfahre ich an diesem Abend. Anne erzählt von ihrer Mitbewohnerin, einer 60-jährigen Mutti, die sie rund um die Uhr umsorgt - wir lachen Tränen und leeren eine Weinflasche nach der anderen. Wer sich nicht kennt hat sich viel zu erzählen, der Anlass unseres Treffens - das Essen - rückt zunehmend in den Hintergrund. Wir teilen nicht nur Lasagne, sondern auch Geschichten aus unseren ganz unterschiedlichen Leben.

Teilen liegt im Trend. Das Verleihen von Gütern, Dienstleistungen und persönlichen Talenten hat in den vergangenen Jahren rasant an Beliebtheit zugenommen, befeuert durch die Annehmlichkeiten der mobilen Kommunikation. Soziales, geistiges und materielles Eigentum gewinnt an Wert, wenn man es anderen unkompliziert zugänglich macht. Das kann ein Zimmer oder ein Auto sein, ein Parkplatz oder ein Legoset - heutzutage kann man über das Internet nahezu alles bekommen - auch einen Koch und eine hoffentlich nette Gesellschaft zur Lasagne.

In den USA floriert mit Mealsharing.com bereits eine Plattform mit ähnlichem Konzept, bei shareyourmeal.net kann man in einer fremden Stadt eine Einladung zum Privat-Dinner erbitten. Manuel Ufheils Join my Meal hat bisher in Deutschland nur wenig Konkurrenz. Und doch mangelt es bisher an der nötigen Durchschlagskraft, um die Plattform bundesweit erfolgreich zu machen. Manuel hofft, dass sein Studienabschluss im Frühjahr ihm Zeit für eine Marketing-Offensive gibt, grundsätzlich zählt er auf Mund-zu-Mund-Propaganda. Sechs neue Multiplikatoren hat er an diesem Abend in München gewonnen. Gegen Mitternacht stolpern ein paar Gestalten ins nasskalte Schmuddelwetter. Sie sind satt, angetrunken und glücklich. Und werden sicher noch mal Join my Meal benutzen.

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[Foto: David Seitz]